«Katastrophe»: Weshalb Marius Tschirky das neue Album seiner Jagdkapelle in der Corona-Quarantäne fertigstellen musste

Es ist unter widrigen Umständen entstanden, doch man hört es ihm nicht an: Das Album «Worscht!» von Marius und die Jagdkapelle klingt so frisch und frech, wie man es von der St.Galler Kinderband kennt. Marius Tschirky über seine schwierige Zeit in Quarantäne und über sein Lied von der Wurst.  

Roger Berhalter
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Marius Tschirky (Mitte) und seine Jagdkapelle, von links nach rechts: Wisl (Christian Hugelshofer), Supertreffer (Christian Bührle), Bärechrüsler (Hansjürg Kühne) und Tombär (Thomas Szokody).

Marius Tschirky (Mitte) und seine Jagdkapelle, von links nach rechts: Wisl (Christian Hugelshofer), Supertreffer (Christian Bührle), Bärechrüsler (Hansjürg Kühne) und Tombär (Thomas Szokody).

Bild: PD/Can Isik

Das Coronavirus hat Marius Tschirky im dümmsten Moment erreicht. «Es ist eine Katastrophe», sagt der 43-Jährige, und sogar durchs Telefon hört man, wie ihn die vergangenen Wochen mitgenommen haben. Einerseits spürt er die Massnahmen des Bundesrats zur Eindämmung der Pandemie ganz konkret im Portemonnaie: Bis auf weiteres kann er mit seiner Kinderband Marius und die Jagdkapelle keine Konzerte mehr geben.

Das trifft den selbständigen Musiker hart, weil er am 24. April sein neues Album «Worscht!» veröffentlicht - und danach eigentlich auf eine mehrmonatige Tour gehen wollte. Doch an Konzerte ist derzeit nicht zu denken. Auch die geplante Albumtaufe am 3. Mai in St.Gallen dürfte ins Wasser fallen. 

Die letzten Aufnahmen entstanden im Keller

Anderseits hat ihn die Pandemie auch privat erreicht. Die letzten vier Wochen musste Tschirky zu Hause in Teufen in Quarantäne verbringen, weil sich seine Familie den Virus eingefangen hatte. Zwar blieb er selbst von Covid-19 verschont, doch seien die vergangenen Wochen schwierig gewesen.

Tagsüber musste er sich um die Familie und den Haushalt kümmern, abends und nachts arbeitete er am Jagdkapellen-Album weiter. «Ich musste es einfach fertig machen. Schliesslich lebe ich von meiner Musik!»

Zum Glück waren die Lieder schon im Kasten. Tschirky hatte sie in den vergangenen Monaten zusammen mit seinen vier Mitmusikern im Studio in St.Gallen eingespielt und aufgenommen. Was aber noch fehlte, war das Abmischen der Tonspuren und der Feinschliff.

Kurz bevor Tschirky in Quarantäne musste, holte er deshalb im Studio noch schnell seinen Computer, ein paar Mikrofone, Kopfhörer und die Gitarre. Die letzten fehlenden Gitarrenriffs und Gesangsspuren nahm er notgedrungen zu Hause im Keller auf. Unter technischen Bedingungen, die eher zu einer Schülerband als zu einem Profimusiker passen.

Improvisiertes Studio im Keller: Der Quarantänen-Arbeitsplatz in Teufen, wo Marius Tschirky das neue Album abmischte.

Improvisiertes Studio im Keller: Der Quarantänen-Arbeitsplatz in Teufen, wo Marius Tschirky das neue Album abmischte.

Bild: Marius Tschirky

Nichtsdestotrotz: Das Album ist pünktlich fertig geworden, und man hört ihm die widrigen Umstände nicht an. «Worscht!» klingt so frisch, frech und lustig, wie man es von Marius und die Jagdkapelle gewohnt ist. Es gibt treibende Lieder mit Balkaneinschlag, Bluesiges und Hip-Hoppiges, ein paar ruhige Momente und viele Wortspiele.

Singen aus Sicht der Kinder

Die fünf Musiker machen ihrem Ruf, die Punks unter den Kinderbands zu sein, alle Ehre. Da wird nicht pädagogisch wertvoll gesungen, sondern vielmehr der Lehrerjargon parodiert, den Marius Tschirky aus seiner Arbeit als Waldpädagoge bestens kennt. Statt von oben herab zu belehren, schlägt sich Tschirky auf die Seite der Kinder und erzählt aus ihrer Sicht. Herrlich komisch singt er zum Beispiel in «Seisch tanke bitte» vom leidigen Ritual des Danke-Sagen-Müssens.

Auch in «Tschau Mami» dreht der Oberjäger den Spiess um: Nicht das Kind, sondern die Mutter hat Mühe, sich auf dem Chindsgiweg von ihrem Nachwuchs zu lösen. Der Kleine meint altklug zum Mami:

«Müestisch du nöd go poschte go?
Is Yoga, in Chor oder so?
Da chasch du ohni mi.»

Im Titelsong «Worscht!» singt Marius Tschirky im breitesten Dialekt von der St.Galler Bratwurst. Er weiss natürlich, dass er damit den «Zorn frisch ausgependelter veganer Vegetarier-Eltern» auf sich zieht, wie es im Pressetext augenzwinkernd heisst. «Das Lied löste in der Band Diskussionen aus», sagt Tschirky. Selbst wenn er - soviel sei verraten - in der allerletzten Liedzeile die vermeintliche Fleischverherrlichung wieder bricht.

Das CD-Cover des neuen Albums, gezeichnet von Manuel Stahlberger.

Das CD-Cover des neuen Albums, gezeichnet von Manuel Stahlberger.

Bild: PD

Bei der Albumproduktion konnte die Jagdkapelle auf die Hilfe von alten Freunden und jungen Gästen zählen. Der Kabarettist und Liedermacher Manuel Stahlberger hat alle Bilder zur CD gezeichnet, und der Fotograf Can Isik hat die Musiker am Computer zu einer Menschenpyramide zusammengefügt. 

Die Bremer Stadtmusikanten? Nein, Marius und die Jagdkapelle als Mensch-Tier-Pyramide.

Die Bremer Stadtmusikanten? Nein, Marius und die Jagdkapelle als Mensch-Tier-Pyramide.

Bild: PD/Can Isik

Andrea Müller von der Appenzeller Streichmusik-Formation Vielsaitig spielt bei zwei Liedern Geige, und der Appenzeller Sänger Marius Bear hat ebenfalls einen Gastauftritt: Mit rauer Stimme gibt er den genervten, aus dem Winterschlaf erwachten Bären. «Bear ist ein grossartiger Sänger», sagt Tschirky und lacht:

«Er hat sich auf unseren Seich eingelassen, das brauchte Mut.»

Die elf Lieder von «Worscht!» dürften so manchen Familien den Ausnahmezustand versüssen. Und für Eltern, die ihr Kind vom Nuggi entwöhnen wollen, liefern Marius und die Jagdkapelle den passenden Song: «I bruuch gar kein Nuggi» dürfte so manchen Gummizapfen zum Verschwinden bringen - und das ist dann schon fast wieder pädagogisch wertvoll. 

«Worscht!» erscheint am 24. April, ab sofort kann man die CD hier vorbestellen.
Die am 3. Mai im St.Galler Palace geplante Albumtaufe dürfte wegen Corona ins Wasser fallen. Die Jagdkapelle wird aber ein Konzert geben - in welcher Form, ist noch offen. Mehr Infos demnächst auf der Webseite der Band.  

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