JUBILÄUM
Die Steckborner Künstlerin Judit Villiger sagt: «Ich verkupple gerne Menschen»

Heute feiert das bereits zweimal prämierte «Haus zur Glocke», eine feine Kunst-Oase in Steckborn, den fünften Geburtstag. Zum kleinen Jubiläum erscheint im Thurgauer Saatgut-Verlag eine Publikation über alle bisherigen Ausstellungen.

Martin Preisser
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Ausmessen für die Jubiläumsausstellung: Künstlerin und Kuratorin Judit Villiger.

Ausmessen für die Jubiläumsausstellung: Künstlerin und Kuratorin Judit Villiger.

Bild: Donato Caspari

Wenn Judit Villiger gerne «verkuppelt», ist damit schon ein wichtiger Aspekt genannt, der das Steckborner Haus zur Glocke ausmacht: Hier wird viel vernetzt. Judit Villiger bringt immer wieder Kunstschaffende zusammen, die sich in oft erstmaliger Kombination der Bespielung dieses alten Fachwerkhauses an der Seestrasse widmen. Zum fünften Geburtstag steuert jetzt etwa der Künstler Christoph Rütimann im Aussenraum eine Performance bei. Die Amerikanerin Jan Ingram Allen formuliert das traditionelle Quilt-Handwerk neu und macht am Quai am Steckborner Untersee mit einem Living Quilt, zusammengesetzt aus handgeschöpften Papierstücken, auf das Jubiläum im Haus zur Glocke aufmerksam. Indoor sind die Kunstschaffenden Hannes Brunner und Claudia Schmid zu sehen.

«Das Haus ist ein lebendiger Organismus»

Judit Villiger hatte das Haus, das 2013 zum Verkauf stand, eigentlich erworben, um sich dort ein eigenes Atelier einzurichten. Stattdessen hat es sich zu einer feinen Kunstadresse gemausert. «Das Haus zur Glocke ist ein lebendiger Organismus, der sich permanent wandelt», beschreibt Judit Villiger das Bijou, das in bisher 18 Ausstellungen immer wieder neu bespielt und interpretiert wurde. Dass es so viel Arbeit machen würde, hatte sie nicht erwartet. Alle Ausstellungen hat sie bis jetzt selbst kuratiert. Zweimal wurde ihre Arbeit bereits prämiert, 2018 mit dem Thurgauer Kulturpreis und 2020 mit dem Förderpreis Kuratieren der Internationalen Bodensee Konferenz (IBK). Das IBK-Preisgeld hat Judit Villiger dazu verwendet, für neun Monate eine Praktikantin einzustellen, die nach ihrer Zeit in Steckborn in Reykjavik Kuratieren studieren wird und gerade viel kunstgeschichtlichen Background ins Haus zur Glocke einbringt.

Leistungsvereinbarung mit dem Kanton Thurgau geplant

Judit Villiger hat bisher mit einem eher bescheidenen Budget arbeiten müssen und sucht im Augenblick bei weiteren Stiftungen zusätzliche Unterstützung. Angedacht ist, dass in Zukunft auch Kunstschaffende von auswärts im Haus zur Glocke kuratieren könnten. Unterstützt wird das Haus auch von der Kulturstiftung des Kantons Thurgau, die ab Oktober für neun Monate die nächste Praktikantenstelle finanzieren wird. Geplant ist ab 2023 auch eine Leistungsvereinbarung mit dem Kanton, was das Haus für jeweils vier Jahre budgetmässig auf stabileren Boden stellen würde. Die Stadt Steckborn ist 2020 mit ins Boot gekommen und zahlt ebenfalls einen Beitrag an das Kunsthaus von Judit Villiger.

Das Haus zur Glocke ist klein, verwinkelt, an manchen Ecken auch etwas verwunschen. Gerade diese räumliche Enge sieht Judit Villiger als Chance für die Arbeit. Sie hat immer auch verschiedene Sparten zusammengeführt und das Haus dabei auch als «Instrument» für die verschiedenen Disziplinen gesehen. Und junge Kunstschaffende hat sie angeregt, in Steckborn erstmals etwas auszuprobieren.

Für jede Ausstellung eine Broschüre

Das Jubiläumsbuch des Saatgut-Verlags.

Das Jubiläumsbuch des Saatgut-Verlags.

Zum Jubiläum ist im Thurgauer Saatgut-Verlag ein Buch erschienen, das zweite des jungen Verlags. Es fasst zwanzig Broschüren in einem Schuber zusammen. Jede Ausstellung ist von einer anderen Autorin oder einem anderen Autor beschrieben. Auch ein Text der Schriftstellerin Zsuzsanna Gahse lässt das Haus mit seinem speziellen Ambiente kompakt aufscheinen.

Zeit fürs eigene künstlerische Schaffen hatte Judit Villiger in den letzten Jahren wenig und wünscht sich ein Sabbatical, um wieder zu malen. Im Moment steht bei der Künstlerin, die an der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK Kunstpädagogik lehrt, die eigene Dissertation an. Sie erforscht – vereinfacht beschrieben ­– die Phänomene, die auftauchen, wenn angehende Kunstpädagogen selbst Kunstunterricht beobachten.

Das Haus zur Glocke hat in seinen ersten fünf Jahren bewiesen, dass es möglich ist, auch auf dem Land Kunst zu zeigen, die mehr und mehr auch in urbanen Zentren wahrgenommen wird. Die schöne Zwischenbilanz der Steckborner Kunstoase ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass Judit Villiger stets ihre künstlerische und ihre pädagogische Seite fruchtbar ins Projekt einfliessen liess.

Bis 8.5. (Steckborn, Seestrasse 91); Eröffnung: Sa, 17.4., 17 Uhr; www.hauszurglocke.ch

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