Interview

«Sonst hätten wir alle in Quarantäne gemusst» – warum das Freilichtspiel der Frauenfelder Theaterwerkstatt Gleis 5 trotz Corona ein Erfolg war

Als eine der ersten Truppen der Region stellte die Theaterwerkstatt Gleis 5 Frauenfeld eine Freilichtproduktion auf die Beine. Einen Monat tourte die Gruppe mit «Geschichten aus dem Decamerone» durch die Ostschweiz. Schauspieler und Co-Regisseur Noce Noseda über den grossen Zuspruch, fehlende Einnahmen und die Beinahe-Quarantäne.

Julia Nehmiz
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Die «Geschichten aus dem Decamerone» spielen zur Zeit der Pest – die Theaterwerkstatt Gleis 5 Frauenfeld machte daraus ein frivol-intelligent-komisches Sommertheatervergnügen.

Die «Geschichten aus dem Decamerone» spielen zur Zeit der Pest – die Theaterwerkstatt Gleis 5 Frauenfeld machte daraus ein frivol-intelligent-komisches Sommertheatervergnügen.

Bild: Donato Caspari

20 Vorstellungen haben Sie in der ganzen Ostschweiz gespielt: Wie war’s?

Noce Noseda: Es ist sehr gut gegangen, wir waren bis auf zwei Mal immer ausverkauft. Wir hatten auch fast immer Glück mit dem Wetter, für die letzten Vorstellungen haben wir jetzt ein Zelt organisiert. Es war wirklich schön zu sehen, dass die Leute kommen und begeistert sind, dass sie es geniessen, wieder zusammen zu sitzen und sich zu amüsieren – endlich wieder Theater schauen zu können.

Wie war es für Sie, als eine der ersten Truppen in Coronazeiten Theater zu spielen?

Andere machen das ja auch, Schloss Hagenwil zum Beispiel oder das See-Burgtheater Kreuzlingen. Wir haben uns entschieden, erst mal draussen zu spielen. Nicht nur weil Sommer ist, sondern auch aus dem Gedanken heraus, dass die Leute vielleicht lieber draussen sind anstatt im Theater. Viele haben angerufen oder per Mail nachgefragt, wie wir es handhaben mit Abstand oder Maske.

Schauspieler und Regisseur Noce Noseda

Schauspieler und Regisseur Noce Noseda

Bild: Andrea Stalder

Und, wie haben Sie es gehandhabt?

Wir haben eine gute Formel gefunden: Von den 100 Plätzen auf unserer Zuschauertribüne werden rund 70 belegt, es gibt immer einen Sperrplatz zwischen Gruppen oder einzelnen Zuschauern, die reserviert haben. Vereinzelt sind Zuschauer mit Maske gekommen oder haben vorab gebeten, am Rand sitzen zu können.

Der Zuspruch des Publikums war also gut.

Ja, wir haben wirklich nicht mit so vielen Leuten gerechnet! Aber wir wissen natürlich nicht, wie viele nicht gekommen sind wegen Corona. Wir haben gemerkt, die Zuschauer nehmen die Schutzmassnahmen ernst und schätzen es, dass wir sie auch ernst nehmen.

Sie und Ihre Kollegen mussten für die Proben zu Decamerone ein strenges Schutzkonzept erfüllen. Sind alle gesund geblieben?

Ja, zum Glück! Wir haben Listen mit Kontakten geführt, täglich mehrfach Temperatur gemessen, und unsere Kontakte ausserhalb der Produktion auf ein Minimum reduziert. Mitten in der Probenzeit hatte eine Schauspielerin plötzlich Fieber. Da war die Hölle los! Wir brachen die Proben ab und hatten das Gefühl, ok, jetzt müssen wir die Bude zumachen, die Tournee absagen und alle in Quarantäne. Aber ihr Test war zum Glück negativ, sie hatte nur eine Erkältung.

War es für Sie aufwendiger als sonst, eine Produktion herauszubringen?

Ja, der Aufwand war viel grösser. Normalerweise führen wir eine Liste mit reservierten Tickets, die dann an der Abendkasse gekauft werden. Die online-Reservation, die wir jetzt eingeführt haben, ist mit Kosten und Aufwand verbunden. Ich schätze, dass fünf bis sechs Prozent der Einnahmen für Gebühren draufgehen. Die Abschlussrechnung ist noch nicht ganz fertig, aber wir nehmen an, hätten wir 100 Zuschauer mit unserem Abendkassensystem, wir hätten 20 bis 30 Prozent mehr Einnahmen generiert.

Ausverkauft, wie hier bei der Premiere des «Decamerone» der Theaterwerkstatt Gleis 5 Frauenfeld, heisst: Plätze zwischen den Zuschauergruppen bleiben frei.

Ausverkauft, wie hier bei der Premiere des «Decamerone» der Theaterwerkstatt Gleis 5 Frauenfeld, heisst: Plätze zwischen den Zuschauergruppen bleiben frei.

Bild. Donato Caspari

Das neue Schutzkonzept des Theaters St.Gallen sieht vor, dass alle Plätze verkauft werden, dafür müssen alle Zuschauer eine Maske tragen. Eine Option auch für die Theaterwerkstatt?

Ich persönlich bin kein Freund von Masken, ich möchte die Zuschauer sehen können, ob sie lachen, wie sie reagieren. Aber darüber haben wir im Team noch nicht diskutiert. Als wir das Konzept für den Decamerone erarbeiteten, war Maskenpflicht noch keine Option, sondern Abstand. So handhaben wir es auch aktuell in unserem Theater in Frauenfeld. Ab Samstag wird mein Kollege Giuseppe Spina den Monolog «Novecento» spielen, von den 80 Plätzen können wir rund 40 bis 50 verkaufen. Ich bin gespannt, ob die Leute überhaupt ins Theater kommen wollen.

Aber Ihre Tournee war immer ausverkauft. Das spricht doch für ein Interesse des Publikums an Schauspiel.

Vielleicht wollen die Leute lieber Freiluft-Theater schauen, und nicht indoor. Noch läuft der Vorverkauf für «Novecento» sehr zurückhaltend. Wir können aber noch nicht sagen, ist das wegen Corona oder wegen dem schönen Wetter, wo die Leute lieber grillieren oder baden gehen. Ich glaube, wir müssen bis Oktober abwarten, um zu sehen, ob wirklich weniger Zuschauer kommen.

Wie geht es jetzt weiter für die Theaterwerkstatt?

Giuseppe Spina spielt «Novecento». Im Oktober proben wir das Kammerspiel «Gott des Gemetzels» von Yasmina Reza, am 12.Dezember wird Premiere sein. Aber wir fragen uns natürlich schon: Dürfen wir spielen, kommt eine zweite Welle, kommen die Zuschauer überhaupt? Wir denken auch über online-Streaming-Varianten nach, aber wir wollen natürlich lieber live Theater spielen. Wir planen normal wie immer, aber eben im Wissen, dass alles auch anders kommen könnte.

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