«Jesus liebt alle Menschen ausser dir»: Der Romanshorner Regisseur und Schauspieler Florian Rexer erzählt von Existenzängsten und wie er in Briefen und E-Mails bösartig beschimpft wird

Dem Thurgauer, der seit zehn Jahren erfolgreich Dinnerevents durchführt, sind wegen der Pandemie und den damit verbundenen Schutzmassnahmen 80 Prozent der Aufträge weggebrochen. Momentan zehrt der Familienvater von seinen Ersparnissen.

Christina Genova
Drucken
Teilen

In einem Mail mit der Betreffzeile «Jetzt geht's uns wirklich an den Kragen» verschafft Florian Rexer seiner Verzweiflung Luft. «Uns geht's nicht gut und uns bricht das ganze, wirklich das ganze Weihnachtsgeschäft weg (...).» Und weiter: «Um uns herum sterben nicht nur Menschen sondern auch Firmen. Partner, Restaurants, Eventtechnik-Firmen. Jetzt ist es soweit. Es macht uns Angst.»

Eigentlich hätte der Romanshorner Schauspieler und Regisseur, der auch bekannt ist als künstlerischer Leiter der Schlossfestspiele Hagenwil, jetzt die strengste Zeit des Jahres, von welcher er finanziell noch lange zehren könnte. Seit zehn Jahren organisiert er sehr erfolgreich Dinnerevents, Nachtessen, die von einer Theaterproduktion begleitet werden. Diese Kombiangebote mit Titeln wie Gruseldinner, Mafiadinner oder höfisches Dinner werden besonders gerne von Oktober bis Dezember gebucht. Sie sind auch für die 50 freischaffenden Schauspielerinnen und Schauspieler, mit welchen Rexer zusammenarbeitet, eine wichtige Einnahmequelle. Doch die Pandemie hat alles über den Haufen geworfen: Über 80 Prozent der Aufträge wurden annulliert, erzählt Rexer am Telefon.

Freischaffende Schauspieler werden depressiv

Das Mafiadinner ist eines von mehreren Themendinnern, die Florian Rexer anbietet.

Das Mafiadinner ist eines von mehreren Themendinnern, die Florian Rexer anbietet.

PD

Offiziell hat er seinen Betrieb per Ende Oktober geschlossen, doch Dinnerevents, die noch nicht abgesagt wurden, führt er trotzdem noch durch. Vor allem den Schauspielerinnen und Schauspielern zuliebe, die er engagiert hat. Mit den Einnahmen könne er wenigstens deren Gagen bezahlen. Es gehe aber nicht nur ums Geld: Viele der Freelancer, die ohne Aufträge zu Hause sässen, seien depressiv.

«Sie dürfen ja noch Veranstaltungen durchführen», bekommt Rexer ab und an zu hören. Doch er selbst verdient an den maximal 50 Personen, die an den Dinnerevents noch teilnehmen dürfen, rein gar nichts: «Wir können so nicht arbeiten, nur überleben.» Der Vater von zwei kleinen Kindern, dessen Frau als Yogalehrerin auch nicht über ein fürstliches Einkommen verfügt, zehrt momentan von seinen Ersparnissen. Rücklagen für Krisenzeiten habe er in seiner Lebenssituation keine bilden können. Zum Glück finde er noch das ein oder andere kleine Engagement oder einen Schreibauftrag. Auch gebe es Solidarität und Hilfe von Freunden und Unterstützern: «Dafür bin ich sehr dankbar.»

Besonders zu schaffen machen ihm die Beschimpfungen, die ihn per Brief und per E-Mail erreichen: «Wenn man ums nackte Überleben kämpft, macht das keinen Mut.» Man mache ihm Vorwürfe, weil er überhaupt noch Veranstaltungen durchführe: «Einer schrieb mir: ‹Jesus liebt alle Menschen, ausser dir›.»

Die Menschen haben Angst

Florian Rexer bei einem Auftritt im Rahmen eines höfischen Dinners in Frauenfeld im Oktober 2020.

Florian Rexer bei einem Auftritt im Rahmen eines höfischen Dinners in Frauenfeld im Oktober 2020.

Picasa

Rexer hat zwar bei den zuständigen Stellen Hilfe beantragt, aber das deckt nur einen Teil der Ausfälle. Ausserdem hat das Ausfüllen der Formulare seine Tücken, auch weil er ein Spezialfall ist und als freischaffender Künstler andere freischaffende Künstler beschäftigt. Er beklagt, dass die Kulturschaffenden eine viel zu kleine Lobby hätten. Wenn die 300 000 Kulturschaffenden in der Schweiz eine einzige Firma wären, sähe das ganz anders aus.

Am Mittwoch, 11. November 2020, spielen Rexer und sein Team im Presswerk Arbon das Mafiadinner «Das letzte Ma(h)l». Der Titel könnte nicht passender sein, schreibt Rexer mit einer tüchtigen Portion Galgenhumor. Für Für seine Rolle des «Götti» aus diesem Programm wurde er 2015 mit dem 16. Swiss Comedy Award ausgezeichnet.

Erst 25 Personen hätten sich bisher für «Das letzte Ma(h)l» angemeldet: «Die Menschen haben Angst. Obwohl wir den grösstmöglichen Schutz bieten.» Solange sie noch auftreten dürften, bräuchten sie nicht nur die versprochene Unterstützung, sondern auch Menschen, die noch hinausgingen. Menschen zu unterhalten sei wichtiger denn je, das Lachen führe hinaus aus der Enge und der Angst:

«Wir spielen, weil es unser Leben ist.»

Mittwoch, 11. November, 18.30 Uhr, Presswerk Arbon, Mafiadinner «Das letzte Ma(h)l, das doppelte Flittchen». Reservationen für Dinner und Show direkt im Restaurant des Presswerk Arbon +41 71 446 04 23, kontakt@presswerk-arbon.ch