Jan-Tschichold-Preis
Auszeichnung für St.Galler Grafikerin Krispin Heé: «Büchermachen fühlt sich manchmal an wie Kochen»

Die in St.Gallen aufgewachsene Grafikerin Krispin Heé ist mehr als nur Buchgestalterin. Ihre Bücher erzählen nicht nur Geschichten, sondern auch die Geschichte der Buchidee selbst. Für ihre Arbeit ist sie jetzt mit dem Jan-Tschichold-Preis ausgezeichnet worden.

Tobias Söldi
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Einen Monat hat Krispin Heé für ein spezielles Buchprojekt in Indien verbracht.

Einen Monat hat Krispin Heé für ein spezielles Buchprojekt in Indien verbracht.

Bild: Diana Pfammatter

Die Bücher, die Krispin Heé gestaltet, erzählen Geschichten – und zwar nicht nur jene zwischen den Buchdeckeln, sondern auch die ihrer Entstehung. Für «Kolkata – City of Print» zum Beispiel, 2019 bei Spector Books erschienen, verbrachte Heé mit der Autorin Mara Züst einen Monat lang in der indischen Millionenstadt Kolkata, auch Kalkutta genannt. «Wir erforschten die Printkultur dieser Stadt», erzählt die 41-jährige Grafikerin. Bis heute sind Printmedien in Kolkata stark verbreitet, von künstlerischem Drucken bis zu Zirkusplakaten.

Auf Druckmaschinen der Kolonialzeit gedruckt

Der Aufenthalt hat sich nicht nur in Züsts Essay niedergeschlagen, sondern auch in Heés Gestaltung. Der Text ist in bengalischer und englischer Sprache abgedruckt. Und während die zeitgenössische Schriftart mit ihren markanten Hervorhebungen dem Buch einen europäischen Charakter verleiht, ist die Art, wie es gebunden ist, typisch für Kolkata. Vor allem aber wurde das Buch in Werkstätten der Stadt gedruckt, auf alten Druckmaschinen aus der Kolonialzeit, die unterschiedlich präzise drucken. «Mal ist da mehr, mal weniger Schwärze. Dadurch ergibt sich im Schriftbild eine organische Atmosphäre.»

Krispin Heé, die seit 2008 ein eigenes Designstudio betreibt und in Zürich und Berlin wohnt und arbeitet, ist mehr als bloss Buchgestalterin. Oft ist sie beim Entstehungsprozess eines Buches von Anfang an dabei, tauscht sich mit den Autorinnen, Künstlern und Fotografinnen über ihre Themen aus und findet so ein Gestaltungskonzept, das nicht vom Inhalt zu trennen ist. «Wir kreieren gemeinsam und feilen, bis es passt», sagt Heé, und ergänzt:

«Ich könnte nicht gestalten, ohne inhaltlich mitzudenken.»

Das Persönliche lässt sich dabei nicht ausklammern, Heé will die Menschen, mit denen sie arbeitet, ihre Motivationen, kennen lernen. «Wenn ich merke, dass sich jemand leidenschaftlich mit einem Thema auseinandersetzt, dann bin ich motiviert, einen Teil zum Projekt beizutragen.»

Bücher, gestaltet von Krispin Heé.

Bücher, gestaltet von Krispin Heé.

Bild: PD

In ihrem Atelier – ihrer «Gestaltungshöhle» – versucht Heé dann, ein Projekt zu analysieren, fragt sich, was es für die Gestaltung bedeuten könnte: Welche Schrift, welches Material, welche Farbe passen? Wie lässt sich der Inhalt in der Gestaltung spiegeln? Aus dem Nachdenken entstehen abstrakte Skizzen, später ein Konzept. Seit vier Jahren ist Tim Wetter mit im Team, der, so Heé, längst ein wichtiger Teil ihres Studios geworden sei und wie sie in St.Gallen aufgewachsen ist. Bis zum fertigen Produkt dauert es mindestens ein halbes Jahr, zum Teil sogar Jahre. Manchmal fühle sich ihre Arbeit an wie Kochen, sinniert Heé: «Fotografen, Autorinnen, Künstler bringen ihre Zutaten, ich koche daraus nach meinem Geschmack etwas und schaue, ob es gefällt.»

Ehrung für eine starke künstlerische Leistung

Heés Gerichte schmecken. Nicht nur Buchverlagen wie der Edition Patrick Frey oder Institutionen wie dem Kunstmuseum Luzern und dem Museum Rietberg in Zürich, mit denen sie immer wieder zusammenarbeitet, sondern auch dem Bundesamt für Kultur. Es hat ihr kürzlich den mit 25'000 Franken dotierten Jan-Tschichold-Preis für Buchgestaltung verliehen, beeindruckt von der starken künstlerischen Leitung, die aber auf persönliche Effekte verzichte, um die Identität eines Projekts zu unterstreichen. «Ich war total überrascht. Ich habe den Preis überhaupt nicht erwartet», erinnert sich Heé. Umso mehr freut sie sich: «Die Auszeichnung gibt mir Rückenwind für weitere Designexperimente.»