INTERVIEW
«Wir werden feiern, wir werden flirten»: Kommen nach der Pandemie die goldenen 20er-Jahre?

In den 1920er-Jahren feierte man das Ende des Krieges, das eigene Überleben und die Kultur überschwänglich, hemmungslos und bis in die Morgenstunden. Könnte es ein Jahrhundert und eine Pandemie später wieder so kommen? Patrik Aspers, Soziologieprofessor der Universität St.Gallen, wagt einen Blick in die Zukunft.

Viola Priss
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Die goldenen Zwanzigerjahre als Blütezeit der Kultur und des Feierns sind ein Phänomen, entstanden aus einer kollektiven Krise heraus.

Die goldenen Zwanzigerjahre als Blütezeit der Kultur und des Feierns sind ein Phänomen, entstanden aus einer kollektiven Krise heraus.

Bild: Getty

Wenn die Pandemie ausgestanden ist, werden wir feiern als gäbe es kein Morgen, wie die Menschen in den goldenen 1920er Jahren ?

Patrik Aspers: Feiern, Ja. Aber «wir» im Sinne von «die ganze Schweiz»: Nein. Man muss schauen, wer damals gefeiert hat: Das waren überwiegend die Jungen und die Wohlhabenden. Die Schweiz aber besteht nicht zum Grossteil aus jungen Menschen und viele haben in der Pandemie ihren Job verloren. Einige aber haben aber auch viel Geld gemacht. Die soziale Schere, die vor der Coronakrise schon bestand, wurde und wird noch deutlicher. Feiern ist immer auch Luxus. Aber die, die können, werden sich auf jeden Fall treffen und feiern.

Werden die Kulturhungrigen die Konzerte, Festivals und Tanzflächen stürmen, sobald sie können?

Patrik Aspers, Professor für Soziologie an der Universität St.Gallen.

Patrik Aspers, Professor für Soziologie an der Universität St.Gallen.

Bild: Ann Lynn

Wie auch die Öffnungen in Schritten passieren, werden auch die Menschen sich nach und nach der neuen alten Normalität annähern. Vielleicht ist der ein oder andere auch erst einmal überfordert mit dem Überangebot an Anlässen und will überall dabei sein. Aber das «Nichts-Verpassen-Wollen» wird sich recht schnell legen.

Die Zeit der Kontakteinschränkung lässt uns demnach nicht das Feiern und Geselligsein verlernen?

Nein, sicher nicht. Dass Menschen zusammen sein wollen, gehört zu ihren grundlegendsten Bedürfnissen. Um so etwas auszuhebeln, dauert die Covid-19-Pandemie noch nicht lange genug.

Wird sich unser Verhalten im Ausgang verändern? Werden wir uns bei jeder versehentlichen Berührung entschuldigen?

Ich könnte mir gut vorstellen, dass das Händeschütteln zur Begrüssung langfristig nicht mehr zurückkehrt. Sonst erwarte ich keine grossen Änderungen. Unter Alkoholeinfluss fallen die Hemmungen so oder so. Spätestens dann wird zur Verständigung das einfachste Mittel gewählt: also bei Lärm nah am Ohr sprechen, oder während einer Theatervorstellung hinter vorgehaltener Hand flüstern. Ich glaube nicht, dass man dabei noch an eine Infektionsgefahr denken wird.

Was ist mit Small Talk? Werden wir nach der Pandemie weniger, dafür vertrautere Gespräche vorziehen?

Die Idee, dass Corona uns hin zu einer Deep-Talk-Gesellschaft geführt hat, teile ich nicht. Wir haben im zweiten Lockdown wie Atome gelebt, da braucht es zur Annäherung das, was wir schon kennen und was schon früher funktioniert hat, also Small Talk.

Die 1920er-Jahre gelten als die Hochzeit der Kunst, Kultur und der Feste. Hat die Livekultur unter der Pandemie an Wert verloren oder gewonnen?

Die Pandemie verstärkt beide Pole. Manche haben jetzt das Zuhause für sich entdeckt, andere werden neugierig auf Neues sein. Jene, die Kino früher schon mochten, werden es jetzt erst recht lieben. Andere haben es sich gut mit Streamingdiensten eingerichtet.

Kulturelle Anlässe sind auch immer eine gute Gelegenheit für Annäherung und Flirt. Können wir das noch?

Per Zoom zu flirten, ist schwierig bis unmöglich. Ich glaube, wir werden es zwangsläufig wieder neu lernen, so wie wir es irgendwann auch erlernt haben. Ich mache mir keine Sorgen, dass wir je aufhören werden zu feiern und zu flirten.

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