Interview
«Wir sollten dankbar sein für das, was wir haben»: Der Bündner Autor Philipp Gurt schreibt Krimis über Kindesmissbrauch, Sucht und Einsamkeit

Ein Mann, der alles sieht, für andere aber plötzlich nicht mehr sichtbar ist – um ihn geht es in Philipp Gurts neuem Roman «Unverschwunden». Die Geschichte streift mehrere Schauplätze in der Ostschweiz, darunter Urnäsch und Kreuzlingen.

Rolf App
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Der Bündner Autor Philipp Gurt, 1968 als siebtes von acht Kindern einer Bergbauernfamilie geboren, verpackt ernste Themen in spannenden Geschichten.

Der Bündner Autor Philipp Gurt, 1968 als siebtes von acht Kindern einer Bergbauernfamilie geboren, verpackt ernste Themen in spannenden Geschichten.

Bild: Caroline Staeger

Es ist kein Traum, und verrückt geworden ist Lukas Cadisch auch nicht. Und doch macht er eines Tages die ungeheuerliche Erfahrung, dass die anderen Menschen ihn nicht mehr wahrnehmen. Er schaut ihnen zu, aber sie sehen ihn nicht. Wie weiterleben? Das ist die Frage, die diesen aus der Bahn Geworfenen im Roman «Unverschwunden» des Bündner Schriftstellers Philipp Gurt vorwärts treibt. Am 9. Juni liest Gurt in der Bibliothek Sirnach aus dem aussergewöhnlichen, atmosphärisch dichten und immer wieder überraschenden Buch, zu dessen Schauplätzen auch Urnäsch gehört.

Sie sind 1968 als siebtes von acht Kindern in eine Bergbauernfamilie geboren worden und in Kinderheimen aufgewachsen. Wie kommt jemand mit diesem Hintergrund zur Schriftstellerei?

Philipp Gurt: Ich habe meinen Weg als etwas ganz Natürliches erlebt. Kaum war ich eingeschult, habe ich angefangen zu lesen – und bin sehr rasch zum Schreiben von Geschichten gekommen. So wollte ich denn schon mit acht oder neun Jahren Schriftsteller oder Journalist werden.

Und was hat den Anstoss gegeben zu diesem aussergewöhnlichen Roman «Unverschwunden»?

Philipp Gurt: Unverschwunden. Emons, 304 S., Fr. 32.–

Philipp Gurt: Unverschwunden. Emons, 304 S., Fr. 32.–

Bild: Emons Verlag

Am Beginn stand der Eindruck, dass es in der Schweiz so viele Menschen gibt, die kaum beachtet werden – in einer Gesellschaft, in der Sehen und Gesehen-Werden mehr gelten als die innere Wertigkeit eines Menschen. Mit der Corona-Krise ist ausserdem ein grosses Mass an Einsamkeit sichtbar geworden. Das wollte ich zum Thema machen. Und zugleich eine Hoffnung formulieren.

Die Romanfigur Lukas Cadisch erlebt die Natur ganz intensiv. Warum ist Ihnen das so wichtig?

In jedem meiner Bücher spielt die Natur eine ganz wichtige Rolle. Sie ist ein grosser Kraftspender. Diese Kraft können wir annehmen oder nicht. Die Natur hat mir enorm geholfen in jenen düsteren Jahren, die ich in Heimen verbracht und im Buch «Schattenkind» auch beschrieben habe.

Der zweite Teil von «Unverschwunden» führt nach Urnäsch und zu einem Kind. Warum haben Sie diesen Schauplatz gewählt?

Das Appenzellerland ist idyllisch und eigen. Doch hinter jeder Fassade spielen sich Geschichten ab. Und im schönen Urnäsch geht es um eine schlimme Geschichte…

…die aber nur zu einem halben Happy-End führt.

Es kommt sehr darauf an, wie man dieses Ende bewertet – und wie die Rolle des kleinen Mädchens. Diese Nadeschda nimmt das Leben an, während Lukas sich viele Sorgen macht. In dieser Auseinandersetzung liegt der philosophische Kern: dass immer etwas Gutes passieren kann. Und dass wir dankbar sein sollten für das, was wir haben. «An jedem Tag kann auch Schönes passieren», sagt Nadeschda ganz am Schluss.

Bekannt geworden sind Sie vor allem durch Ihre Kriminalromane. Was fesselt Sie denn an diesem Genre?

Krimi ist eigentlich das falsche Wort. Denn in Wirklichkeit verpacke ich ernste Themen wie Sucht oder Kindsmissbrauch in eine Kriminalhandlung. Literarisch hat das einen grossen Reiz: für mich, wenn ich die Geschichte entwerfe, und für die Leserinnen und Leser, die einige meiner Krimis zu Bestsellern gemacht haben. Die Schweiz hat ein paar wirklich gute Krimi-Autoren. Nur nimmt die Literaturkritik das kaum wahr.

Philipp Gurt: «Unverschwunden», Emons Verlag 2021, 304 Seiten, Fr. 32.–
Der Autor liest am 9. Juni, 19.30 Uhr in der Bibliothek Sirnach.