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«Man kommt nicht weiter, wenn man nur in der Küche tanzt»: Die Sirnacherin Ilona Kannewurf zeigt im Phönix Theater in Steckborn ein tänzerisches Stück Biografie

«When You Move Like That», heisst das Bühnenstück der Tänzerin Ilona Kannewurf, das am 25. September im Phönix Theater in Steckborn Premiere feiert. Von ihrer Biografie inspiriert erzählt sie darin vom Einstieg einer jungen Frau in den professionellen Tanzbetrieb.

Kathrin Signer
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Die Tänzerin Ilona Kannewurf hat in ihrer Kindheit vergeblich nach künstlerischen Vorbilden gesucht, die so aussehen wie sie.

Die Tänzerin Ilona Kannewurf hat in ihrer Kindheit vergeblich nach künstlerischen Vorbilden gesucht, die so aussehen wie sie.

Bild: Milad Ahmadvand

Die Tänzerin Ilona Kannewurf ist als Tochter einer Uganderin und eines Deutschen in Sirnach aufgewachsen. Die 34-Jährige absolvierte eine Ausbildung für zeitgenössischen Tanz und wohnt in Zürich. In ihrem Bühnenstück «When You Move Like That» verarbeitet sie tänzerisch ein Stück ihrer Biografie. Es erzählt mit Tanz, Musik, szenischem Spiel, filmischen Einspielungen und Sprechtext von den Wegen einer jungen Frau, die lernt, sich im professionellen Tanzbetrieb durchzusetzen.

Das Stück arbeitet mit biografischem Material. Tanzen Sie sich selbst oder eine Bühnenfigur?

Ilona Kannewurf: Die Situationen sind aus meinem Leben gegriffen, aber es soll keine Autobiografie sein. Es ist autofiktional, deshalb spiele ich mich auch nicht selbst, sondern die Figur Noemi. Leute, die mich kennen, würden vielleicht sagen: Das bist doch du. Aber die Rolle von Noemi gibt mir auf der Bühne Abstand zu mir selbst.

Der Trailer zu: «When You Move Like That».

Video: Youtube

Im Stück geht es um gesellschaftliche Widerstände, um den Kampf um Anerkennung. Was wollen Sie mit dem Stück vermitteln?

In meiner Kindheit gab es auf den Bühnen noch keine People of Color, keine Menschen, die anders sind als, sagen wir, Melanie Meier. Ich habe mich immer gefragt, wo bin ich? Ich will zeigen, dass wir sichtbar sind und in der Schweiz genauso zu Hause sind wie alle anderen. Ich bin Ostschweizerin, auch wenn die Herkunft meiner Mutter mich prägt. Als Kind sagte man manchmal zu mir: Du sprichst so gut Schweizerdeutsch! Ich habe mich gewundert, warum sie das nicht auch zu meiner Freundin sagen.

Guy Krneta arbeitete mit Ilona Kannewurf an den Texten.

Guy Krneta arbeitete mit Ilona Kannewurf an den Texten.

Bild: Gaetan Bally

Die Texte schrieben Sie gemeinsam mit dem Berner Autor Guy Krneta. Wie kam die Zusammenarbeit zustande?

Wir lernten uns auf einer Terrasse bei einer Lesung kennen. Ich habe damals angefangen, Gedichte zu schreiben und die Texte mit Tanz zu verbinden. Guy hatte noch nie mit Tanz gearbeitet, uns hat interessiert, wie das zusammengeht. Vor allem wollten wir die Elemente gleichwertig verbinden. Im Stück ist es wie im Orchester: Wir entscheiden immer, welches Instrument wir für die Szene wählen wollen: Tanz, Texte, szenisches Spiel, Film?

Was lässt sich leichter mit Worten ausdrücken als mit Tanz?

Der Tanz ist der rote Faden, der innere Monolog durch das Stück. Mit dem Körper kann man leichter die Emotionen und inneren Zustände von Noemi zeigen. Dialoge oder eine äussere Situation brauchen manchmal einen klaren Satz.

«Wenn ich mich unwohl fühle, muss ich mich bewegen», sagt die Tänzerin Ilona Kannewurf.

«Wenn ich mich unwohl fühle, muss ich mich bewegen», sagt die Tänzerin Ilona Kannewurf.

Bild: Milad Ahmadvand

Sie schreiben: «Der Tanz ist Utopie, Gegenwelt zur Realität.» Wie kann man sich ins Tanzen fliehen, wenn man darin auf so viele Hindernisse stösst?

Das sind für mich zwei Sachen: Einerseits ist es einfach die Liebe zur Bewegung; wenn ich mich unwohl fühle, muss ich mich bewegen. Aber man kommt nicht weiter, wenn man nur in der Küche tanzt. Deshalb will man lernen und Dinge annehmen, die es schon gibt. Aber man muss aufpassen, dass man den Sparkle, den Spass, nicht verliert, wenn einem alle reinreden.

Ist Ihnen das gelungen?

Es ist immer ein Prozess. Im Stück geht Noemi zu einer Aufnahmeprüfung, es sind nur komische Leute da, die ihre Zehen aufwärmen und alle die gleichen Frisuren haben. Sie hält sich an dem fest, was sie hingetrieben hat, an ihrer Begeisterung für den Tanz. Man muss sich an die Regeln halten und sich trotzdem treu bleiben.

Premiere: 25. September, 20.15 Uhr, Phönix Theater Steckborn. Tickets Online erhältlich. Weitere Aufführungen sind im nächsten Jahr im Theater Aarau, in der Roten Fabrik und im Tanzhaus Zürich geplant.

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