Interview
«Jede Nacht sagen wir einander was Schönes», sagt der Frauenfelder Büchermacher Beat Brechbühl

Mit bald 82 Jahren gehört der Lyriker, Verleger und Schriftsetzer Beat Brechbühl zur Risikogruppe. Im Interview erzählt der Frauenfelder von Einsamkeit, Nachfolgeproblemen und Ritualen, die er seit 40 Jahren mit seiner Frau pflegt.

Beat Steiger
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Im Sommer gibt Beat Brechbühl seinen Verlag und sein Atelier im Eisenwerk altershalber auf.

Im Sommer gibt Beat Brechbühl seinen Verlag und sein Atelier im Eisenwerk altershalber auf.

Bild: Thi My Lien Nguyen (Frauenfeld, 9. Oktober 2017)

Beat Brechbühl, wie wirkt sich die Corona-Pandemie im Moment auf Ihr Leben und Schaffen aus?

Für mich ist, wie für andere Leute, alles anders, nur wissen wir nicht, wie.

Viele Ältere mit Vorerkrankungen fühlen sich verunsichert und vermeiden Kontakte, was zu Einsamkeit und psychischem Stress führen kann. Welche Auswege sehen Sie da?

Auswege habe ich noch keine. Meine Frau in München und ich hier in Frauenfeld telefonieren einander seit knapp 40 Jahren jeden Abend. Jetzt während der Pandemie rufe ich vielleicht schon tagsüber an, um irgendein Stichwort oder ein Ereignis oder etwas Erfreuliches mitzuteilen, und jede Nacht sagen wir einander was Schönes. Das ist für mich der wichtigste Halt im Leben. Letztes Jahr haben wir uns nur viermal gesehen, mal konnten wir uns wegen Corona, mal aus gesundheitlichen Gründen nicht treffen. Was bleibt ist die Hoffnung, dass es besser wird. Aber das ist ja nicht sehr konkret.

In einem ihrer jüngsten Gedichte steht: «Ich will keine/ Altersgedichte/ schreiben; ich denke sie nur. Ich erlebe sie nur. Sie/ winken in mir nur. Sie werden zum Gegenteil/ vom Weiten Raum, nur. Sie bauen Mauern um/ mich herum,/ nur./» Bauen nur Altersgedichte Mauern um Sie herum, oder baut das Altern selbst Mauern?

Für mich als Dichter sind es Gedichte, die mich allenfalls einmauern könnten, aber ich kann mir vorstellen, dass man sich ummauert fühlt, wenn man mit andern nicht zusammen sein kann. Einsamkeit ist eine Einmauerei.

Im selben Gedicht steht auch: «Mein Altern interessiert ausser mich/ in der Öffentlichkeit niemanden.» Wo sehen Sie den Platz der Älteren in der Öffentlichkeit?

Wenn man nicht in einer Familie oder Partnerschaft lebt und gebraucht wird, ist es schon mies. Im Sommer gebe ich mein Atelier und meinen Verlag im Eisenwerk altershalber auf, aber ich kann mir nicht vorstellen, ins Altersheim zu ziehen. Ich hoffe, dass ich danach ein kleines «Büröchen» im Eisenwerk haben kann. Was ich dann dort mache, weiss ich noch nicht, aber es ist mein Schritt aus meiner Wohnung raus in die Öffentlichkeit. Einfach raus!

Ist der sogenannte Generationenkonflikt nur herbeigeredet oder gibt es den wirklich?

Das ist ein weites Feld, «uh verreckte Cheib». Solche Sachen habe ich nie in den Mittelpunkt gestellt, sondern Gedanken, Geschichten und was wir miteinander machen oder nicht machen wollen.

Was für Projekte haben Sie in diesem Jahr?

In diesem Pandemiejahr? Im vergangenem Februar, als mir hier im Eisenwerk ein Fachmann von Corona erzählte, habe ich gesagt: Verdammt nochmal, das gefällt mir gar nicht, ich hoffe nur, dass Corona nicht uns, unsere Arbeit, unser Leben und nicht die Erde kaputt macht. Dann haben die Leute um mich herum gegen meine Bedenken protestiert. Als ich dann meiner Frau davon erzählt habe, sagte sie zur mir: Schau, wir versuchen nur eins, wir versuchen nicht krank zu werden. Ja, das ist das eine. Und dann versuche ich jemanden zu finden, der den Verlag und das Atelier übernimmt und sagt: «Ich will Bücher machen!»