Interview

«Bis jetzt kommen wir mit einem blauen Auge davon»: Philip Stuber vom Ostschweizer Kulturmagazins «Saiten» macht sich aber Sorgen um die längerfristigen Folgen der Pandemie

Die Inserate sind bei «Saiten» massiv eingebrochen. Dank Ausfallentschädigungen können die Verluste jedoch einigermassen abgefedert werden. Um neue Mitglieder zu gewinnen, wird das Januar-Heft gratis an Interessierte versandt.

Christina Genova
Drucken
Teilen
Philip Stuber vom Verlag Saiten.

Philip Stuber vom Verlag Saiten.

Bild: PD

Die Pandemie trifft die Kulturbranche hart. Wie geht «Saiten» mit dieser Situation um?

Philip Stuber: Corona beschäftigt uns stark. Wir versuchen zu vermitteln, was jetzt gerade im Kulturbereich passiert und wie es den Kulturschaffenden und den Institutionen geht. Im aktuellen Januar-Heft porträtieren wir Menschen, die hinter den Kulissen arbeiten, wie Lichttechnikerinnen, Veranstalter oder Agentinnen.

Wie sehr leidet «Saiten» selbst unter dem Kulturlockdown?

Am meisten zu spüren bekommen wir die Pandemie beim Veranstaltungskalender und den Inseraten. Letztere sind massiv zurückgegangen. Bis November 2020 waren es 70'000 Franken, die uns deshalb in der Kasse fehlten. Wir hatten aber das grosse Glück, dass wir vom Kanton St. Gallen und dem Bund eine Ausfallentschädigung von 80 Prozent erhalten haben. Das ging sehr schnell und unkompliziert. Ausserdem konnten wir im Frühling für die Verlagspensen Kurzarbeitsentschädigung beziehen. Bis jetzt kommen wir mit einem blauen Auge davon.

Wie sieht es für die nächsten Monate aus?

Da wir noch bis Ende 2021 Ausfallentschädigung beziehen können, geht es uns verhältnismässig gut und wir stehen finanziell noch immer auf sehr solidem Boden. Kurzfristig mache ich mir deshalb für uns überhaupt keine Sorgen, sondern eher mittel- bis längerfristig. Denn wir beziehen keinerlei Subventionen und sind deshalb sehr abhängig von unseren Inserentinnen und Inserenten. Zwei Drittel unseres Budgets, rund 400'000 Franken, besteht aus Inserateeinnahmen – fast alle aus dem Kulturbereich. Ein Drittel sind Beiträge von Mitgliedern.

Das Januar-Heft von «Saiten» wird gratis an Interessierte versandt.

Das Januar-Heft von «Saiten» wird gratis an Interessierte versandt.

Bild: Screenshot

Versuchen Sie deshalb, mehr Mitglieder zu gewinnen?

Bereits im Frühling während des Lockdowns haben wir all jene Institutionen angeschrieben, die jeweils gratis «Saiten»-Hefte auflegen. Weil die Kulturhäuser geschlossen waren, baten wir sie um ihre Adressdatenbanken und versandten «Saiten» gratis an alle Interessierten. Dafür haben wir sehr viel positive Resonanz bekommen, ausserdem hat uns diese Aktion einige neue Mitglieder beschert. Jetzt, im Januar, gibt es diese Angebot erneut, und wahrscheinlich auch im Februar und im März. Gratis-Hefte können unter saiten.ch/strom bestellt werden.

Wie gross ist die Solidarität mit «Saiten» in diesen schwierigen Zeiten?

Wir haben so viele Gönner wie noch nie. Diese unterstützen uns mit mindestens 350 Franken jährlich. Und auch von Seiten der Mitglieder und Inserenten spüren wir klar Solidarität.

Das Informationsbedürfnis ist wegen Corona sehr gross. Hat «Saiten» das ebenfalls zu spüren bekommen?

Generell haben unsere Pageviews 2020 leicht abgenommen, von 400'000 im Jahr 2019 auf 385'000. Das hängt stark mit unserem Veranstaltungskalender zusammen, der in normalen Zeiten sehr gut genutzt wird. Doch wenn nichts mehr stattfindet und alle zu Hause bleiben müssen, braucht niemand einen Kalender. Weil die Nutzerzahlen trotzdem nicht massiv eingebrochen sind, sehen wir, dass unsere Texte entsprechend häufiger gelesen wurden.

Warum hat es von «Saiten» keine Streaming-Angebote gegeben?

Wir haben darüber nachgedacht, uns aber dagegen entschieden. Stattdessen haben wir im Frühling das Format Blackbox eingeführt, das Kulturschaffenden für Gastbeiträge zur Verfügung steht.

Gehen «Saiten» jetzt, wo die Kultur darniederliegt, nicht langsam die Ideen für Texte aus?

Überhaupt nicht! Im Gegenteil gibt es sehr viel zu tun. Zum Beispiel müssen wir über das Impfen und seine Auswirkungen auf den Kulturbetrieb diskutieren.