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Der italienische Van Gogh verbrachte seine Kindheit in der Ostschweiz: «Zwölf Filmminuten sind dafür zu wenig», sagt Museumsleiterin Monika Jagfeld

Der italienische Spielfilm «Volevo nascondermi» erzählt das berührende Schicksal Antonio Ligabues. Der bekannteste italienische Aussenseiterkünstler wurde mit 19 Jahren aus der Schweiz ausgewiesen. Monika Jagfeld hat 2019 die erste grosse Ausstellung mit Ligabues Werken ins St.Galler Museum im Lagerhaus gebracht.

Christina Genova
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Monika Jagfeld, Leiterin des Museums im Lagerhaus, neben dem Filmplakat von «Volevo nascondermi».

Monika Jagfeld, Leiterin des Museums im Lagerhaus, neben dem Filmplakat von «Volevo nascondermi».

Bild: Arthur Gamsa

In zwölf Minuten werden Antonio Ligabues erste 19 Lebensjahre abgehandelt, die er in der Ostschweiz verbrachte. Zwei Stunden dauert der Spielfilm «Volevo nascondermi» über das Leben des bekanntesten italienischen Aussenseiterkünstlers insgesamt. «Das ist zu wenig», sagt Monika Jagfeld, die Leiterin des St.Galler Museums im Lagerhaus. Ihrer Ansicht nach werden Ligabues prägenden Schweizer Jahre im Biopic zu kurz und zu oberflächlich abgehandelt: «Wie Ligabue in der Schweiz lebte, interessiert in Italien offenbar nicht wirklich.» Für die Italiener sei er ein italienischer Künstler, ihr italienischer Van Gogh.

Jagfeld hat sich mit Ligabues Leben und Werk eingehend beschäftigt: Sie zeigte 2019 unter dem Titel «Der Schweizer Van Gogh» die erste repräsentative Ausstellung mit seinen Gemälden in der Schweiz. Ligabue wurde 1919 nach Italien ausgeschafft, ins Dorf Gualtieri in der Emilia Romagna, dem Heimatort seines Adoptivvaters, den er nie kennenlernte. Der verhaltensauffällige junge Mann sprach bei seiner Ankunft kein Wort Italienisch und kannte niemanden.

Diese erste schwierige Zeit, als Ligabue im Wald lebte – es war einer der härtesten Winter des 20. Jahrhunderts – sei etwas geschönt dargestellt, findet Jagfeld: «Weil er seine Kleider gegen die Kälte mit Stroh auspolsterte, sah er aus wie eine Vogelscheuche.» Ligabues Heimweh nach der Schweiz werde im Film nur angedeutet, seine mehrfachen und erfolglosen Versuche, in seine alte Heimat zurückzukehren, würden gar nicht thematisiert.

Schon in der Schweiz fiel Ligabue als begabter Zeichner auf

Antonio Ligabue, das uneheliche Kind einer italienischen Fremdarbeiterin, wurde seiner Mutter weggenommen und wuchs in einer Pflegefamilie auf.

Antonio Ligabue, das uneheliche Kind einer italienischen Fremdarbeiterin, wurde seiner Mutter weggenommen und wuchs in einer Pflegefamilie auf.

Filmstill: PD

Ligabues Ostschweizer Stationen sind dank Recherchen von Renato Martinoni, emeritiertem Professor für italienische Sprache und Kultur der Universität St.Gallen, mittlerweile bekannt: die verschiedenen Wohnorte im Italienerquartier «Kleinvenedig» in St.Gallen, wo Ligabue zur Schule ging. Marbach, wo er ein evangelisches Institut für Lernschwache besuchte, die psychiatrische Klinik in Pfäfers. Egnach, Staad und Romanshorn.

In Ligabues Krankenakte in Pfäfers ist sein «ausserordentliches zeichnerisches Talent» vermerkt. Monika Jagfeld findet es schade, dass darüber in «Volevo nascondermi» kein Wort verloren wird. Auch nicht über weitere Kultureinflüsse der Ostschweiz, ob Ligabue als Jugendlicher in Kontakt mit Bauernmalerei gekommen sei, was sein Kunstverständnis beeinflusst haben könnte. Die Kunst war ihm in Italien Rettung und verhalf ihm in späteren Jahren zu etwas Wohlstand:

«Ligabue wurde als Künstler anerkannt und wertgeschätzt, auch wenn er als Mensch nicht verstanden wurde.»

Beeindruckt zeigt sich Monika Jagfeld von Elio Germanos schauspielerischer Leistung. Er hat für seine Verkörperung von Antonio Ligabue an der Berlinale 2020 den Silbernen Bären erhalten. Gefallen haben ihr auch die schönen Bilder, die Ligabue in der Auenlandschaft der Po-Ebene zeigen.

Mehr Liebe für Tiere als für Menschen

Schauspieler Elio Germano sieht Antonio Ligabue verblüffend ähnlich.

Schauspieler Elio Germano sieht Antonio Ligabue verblüffend ähnlich.

Filmstill: PD

In Gualtieri lebte Ligabue am Rande der Gesellschaft. Trost fand er bei den Tieren, die er mit Vorliebe malte. Seine Schweizer Pflegemutter sagte über ihn: «Er liebt die Tiere mehr als die Menschen.» Diese Aussage komme im Film leider nicht vor, obwohl darin Ligabues enge Beziehung zu Tieren eine wichtige Rolle spiele, sagt Jagfeld.

Gefehlt hat Monika Jagfeld im Film Ligabues intensive Auseinandersetzung mit sich selbst, die in den zahlreichen Selbstporträts zum Ausdruck komme. In einem Dokumentarfilm von 1962 sehe man den Künstler, wie er vor einem Selbstbildnis auf der Staffelei in die Knie gehe: «Er versetzt sich vor dem Werk in sein eigenes Leiden hinein», sagt Jagfeld. Diese eindrückliche Szene hätte sie gerne im Film gesehen. Von der grossen Sensibilität des Regisseurs Giorgio Diritti jedoch zeuge, dass er die Selbstverletzungen, die sich Ligabue zufügte, zwar thematisiere, sie aber in keiner Szene explizit darstelle.

Der Dokumentarfilm «Il vero naif» über Antonio Ligabue bildete eine wichtige Quelle für «Volevo nascondermi».

Leider sei Ligabue in der Schweiz immer noch kaum bekannt, sagt Jagfeld. Sie hofft, dass «Volevo nascondermi» daran etwas ändert. Und sie regt an, in St.Gallen, wo Ligabue den grössten Teil seiner Kindheit verbracht hat, eine Strasse nach dem Ostschweizer Van Gogh zu benennen.

«Volevo nascondermi» läuft in diversen Kinos der Ostschweiz, darunter das Cinema Luna in Frauenfeld und Kinok St.Gallen.