Inszenierung vor der Homeoffice-Webcam: Die St.Galler Designerin Anna Zimmermann entwickelt Requisiten für aussichtsreiche Videokonferenzen

Die St.Galler Designerin Anna Zimmermann kreiert Produkte, die aus Sicht der Webcam die Illusion einer ordentlichen Büroumgebung wecken. Damit trifft sie gerade jetzt, in der Blütezeit des Home Office, einen Nerv.

Oliver Kerrison
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Anna Zimmermann, Designerin

Anna Zimmermann, Designerin

Bild: Michel Buechel

Wer in diesen Tagen vor einer nackten weissen Wand in die Webcam blickt, könnte den Anschein erwecken, etwas verbergen zu wollen. Anna Zimmermann kennt den Alltag im Homeoffice; Teile des Studiums an der renommierten Designakademie in Eindhoven absolvierte sie von ihrem heutigen Wohnsitz Wien aus, als freischaffende Grafikerin bedient sie Aufträge aus aller Welt. «Spätestens durch mein Studium lösten sich in meinem Umfeld die Landesgrenzen auf», sagt Zimmermann, die in St.Gallen aufwuchs, die Kantonsschule am Burggraben und das gestalterische Propädeutikum besuchte. Ihre freischaffende Tätigkeit beschreibt die 25-Jährige als Fluch und Segen zugleich:

«Ich schätze die Unabhängigkeit, doch die unternehmerische Selbständigkeit birgt Schattenseiten wie die schwierige Abgrenzung von Arbeit und Freizeit.»

Darauf will Zimmermann mit dem als Diplomarbeit lancierten «New Office» humoristisch hinweisen. Es gelingt ihr, Misslichkeiten an die Oberfläche zu spülen, ohne den Zeigefinger auszufahren. 

Bild: Erli Gruenzweil

Zur Selbstvermarktung verdonnert

Als Produkte des «New Office» kreierte sie ein Videokonferenz-Hemd oder einen als Wandplakat gestalteten Webcam-Hintergrund. Das Hemd, das sich innert Sekunden über ein gammeliges T-Shirt oder Pyjama-Oberteil stülpen lässt, soll in Kundenmeetings eine adrette Garderobe simulieren. Der Hintergrund im A2-Format erzeugt, durch die Webcam gesehen, die Illusion einer ordentlichen Büroumgebung. Was albern anmutet, hat Anna Zimmermann in Cafés der Kreativmetropolen als eine Art Theaterspiel beobachtet: 

«Das Arbeiten in halböffentlichen und öffentlichen Räumen wirkt oft inszeniert.»

Wo bewusst Pflanzen in das Blickfeld einer Webcam gerückt oder Telefongespräche in angestrengter Lautstärke mit dem Gegenüber geteilt werden, setzt die Designerin ein Fragezeichen: «Woher kommt dieser Geltungsdrang, der womöglich auch mir als Freischaffende anhaftet?» Einerseits, so Zimmermann, seien Freelancerinnen und Freelancer im Kreativsektor zur Selbstvermarktung geradezu verdonnert – wer im bunten Gefilde nicht auffällt, wird auf dem Markt übersehen. Darüber hinaus seien Momente der Anerkennung im Alltag von vielen selbständigen Kreativen rar. Nicht zuletzt Vorbehalte von Arbeitskräften aus anderen Branchen, ob im kreativen Sektor überhaupt gearbeitet – und nicht einfach gespielt oder experimentiert – werde, scheint die Bemühungen um eine lupenreine Arbeitsumgebung anzukurbeln.

Bild: Screenshot, Anna Zimmermann

Die Hinter- als Vorderbühne

Die Frage, aus welchem Winkel die eigene Erscheinung mitsamt Kulisse eine möglichst gute Falle macht, ist mit der Coronapandemie in das Erwerbsleben vieler vorgerückt. Alltägliche Selbstdarstellung, die der Soziologe Erving Goffman bereits 1956 mit einer Theater-Analogie verknüpfte, hält in den eigenen vier Wänden Einzug. Was sonst als Hinterbühne dazu einlädt, Masken fallen zu lassen – im Homeoffice wird es zur Vorderbühne erklärt. Zimmermann, die ihren Atelierplatz nach Möglichkeit dem Homeoffice vorzieht, sieht Parallelen zu Freischaffenden, die mangels Büro ins Café ausweichen: 

«Die Arbeit dringt in Räume vor, die dafür nicht vorgesehen sind, die sogar der Freizeit oder der Entspannung dienen sollten.»

Dass Zimmermann trotz Krise weiter an Aufträgen arbeiten kann, bezeichnet sie als Privileg. Und da, wo Kooperationen abgesagt sind, entstehen zeitliche Freiräume. Vielleicht werden die Produkte von Zimmermanns «New Office», die bisher in kleiner Auflage verkauft werden, bald in grösserer Menge nachgefragt. Der Markt gibt den Takt vor, das Theater geht weiter.

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