Interview

«Ich werde Frau Sommaruga sieben Bücher schicken»: Warum der St.Galler Autor Christoph Keller einen Blog und Briefe an Prominente schreibt

Mit seinem Buch «Jeder Krüppel ein Superheld» macht der St.Galler Schriftsteller Christoph Keller das Thema der Behinderung im gesellschaftlichen Diskurs sichtbar. Jetzt schreibt er mit einem Blog auf tagblatt.ch weiter an gegen Diskriminierung.

Roger Berhalter
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Der Autor Christoph Keller schreibt nun monatlich auf tagblatt.ch einen Blog mit dem Titel «Wir wollen da raus! Schreiben aus der Exklusion.»

Der Autor Christoph Keller schreibt nun monatlich auf tagblatt.ch einen Blog mit dem Titel «Wir wollen da raus! Schreiben aus der Exklusion.»

Bild: Benjamin Manser

Der St.Galler Autor Christoph Keller ist mit seinem Buch «Jeder Krüppel ein Superheld» gerade auf allen Kanälen präsent. Aus gutem Grund: Wie Keller über seine fortschreitende Muskelkrankheit schreibt, ist einzigartig; er öffnet damit Nicht-Behinderten die Augen. Ab heute schreibt Keller für uns einen monatlichen Blog mit dem Titel «Wir wollen da raus! Schreiben aus der Exklusion.» Im Interview erklärt der Schriftsteller, warum es diesen Blog dringend braucht.

Sie schreiben Ihren Blog in Briefform. Den ersten Brief richten Sie an Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga. Warum gerade sie?

Christoph Keller: Alle Adressaten sind Schweizer Persönlichkeiten, für die ich eine gewisse Bewunderung habe, wobei ich aber nicht mit allem einverstanden bin, was sie tun. Es sind Menschen, die dabei helfen können, etwas zu verändern. Ich werde Frau Sommaruga nicht nur einen Brief schicken, sondern auch sieben Exemplare meines Buches. Ich freue mich schon auf den exklusivsten Leseclub des Landes.

Ist denn die Situation für Menschen mit Behinderungen in der Schweiz immer noch so schlimm? Hat sich nicht vieles verbessert?

Tatsächlich ist vieles besser geworden. Aber die Integration von Menschen mit Behinderungen ist noch lange nicht verwirklicht, auch wenn wir in der Schweiz längst ein Gleichstellungsgesetz haben. Noch immer gibt es eine grosse strukturelle Diskriminierung.

Schriftsteller Christoph Keller ist aufgrund der fortschreitenden Krankheit spinale Muskelatrophie auf einen Rollstuhl angewiesen.

Schriftsteller Christoph Keller ist aufgrund der fortschreitenden Krankheit spinale Muskelatrophie auf einen Rollstuhl angewiesen.

Bild: Benjamin Manser

Wie zeigt sich diese konkret?

Gegenfrage: Wie viele Behinderte arbeiten bei Ihnen auf der Redaktion?

Kein einziger.

Sehen Sie. So ist es fast überall. Es gibt zum Beispiel nur einen einzigen Nationalrat mit Beeinträchtigung. In wie vielen Kantonsregierungen sind Behinderte vertreten? In wie vielen Geschäftsleitungen? Wer aber nicht vertreten ist, wird zwangsläufig diskriminiert. Das muss sich ändern, das ist mein Anliegen. Schliesslich geht es um 20 Prozent der Schweizer Bevölkerung.

20 Prozent?

Ja, so viele Menschen in der Schweiz haben eine oder mehrere Behinderungen. Die Zahl stammt vom Bundesamt für Statistik. Es schockiert, wie hoch dieser Anteil ist. Und es erschüttert mich, wie unsichtbar diese 20 Prozent noch immer sind. Man redet über so vieles in der heutigen Zeit. Mir fehlt aber der nachhaltige Diskurs über das Thema Behinderung. Wirklich integriert ist nur, wer stets mitgedacht ist.

Zur Person

Christoph Keller wurde 1963 geboren. Er ist in St.Gallen aufgewachsen, wo er heute als freier Schriftsteller wieder wohnt. 20 Jahre lang hat er in New York gelebt und dort seine ersten Bücher auf Englisch veröffentlicht. Keller ist aufgrund der fortschreitenden Krankheit spinale Muskelatrophie auf einen Rollstuhl angewiesen. Seine Romanfantasie «Der Boden unter den Füssen» wurde eben mit dem Alemannischen Literaturpreis 2020 ausgezeichnet. In seinem neuen Buch «Jeder Krüppel ein Superheld» erzählt Keller von den Hürden, die er mit seiner Behinderung täglich zu nehmen hat. Ab 17. September 2020 hält er im Raum für Literatur in der St. Galler Hauptpost die Literaturvorlesungen der Universität St. Gallen. (rbe)

Deshalb haben Sie auch Ihr neues Buch dem Thema gewidmet, und deshalb schreiben Sie neu auch einen monatlichen Blog.

Genau. Ich möchte das Problem sichtbar machen, immer wieder, was hoffentlich zu Veränderungen führt. Am liebsten würde ich wöchentlich einen Blogeintrag schreiben. Ab und zu mal ein Zeitungsartikel zum Thema, das genügt nicht. Solche Alibiübungen gibt es schon genug.

Sie möchten das Thema deshalb in hoher Kadenz auf den Tisch bringen?

Ja, ich möchte die Adressaten meiner Briefe sozusagen anstupsen, damit sie etwas verändern. Ein gutes Beispiel ist das Prinzip des «Universal Design» in der Architektur.

Was bedeutet das?

Es geht darum, dass man Gebäude von Anfang an für alle plant. Nehmen wir ein Hotel: Statt eines zusätzlichen, separaten Rollstuhlzimmers würde ich mir wünschen, dass alle Zimmer für alle geeignet sind. Da übernachten Sie dann sozusagen in einem Behindertenzimmer und merken es nicht einmal.

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