Porträt

«Ich hatte mich noch nie so glücklich gefühlt wie damals, als das erste Buch fertig war»: Für die Altnauer Autorin Julia Langkau ist Literatur Trost und Rückzugsort

Die Philosophin erhielt 2020 einen Förderbeitrag des Kantons Thurgau für die Arbeit an ihrem zweiten Manuskript. Nun liest sie im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Debüts: Der erste Roman», die in Gottlieben, Konstanz und Online stattfindet.

Dieter Langhart
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Die Autorin Julia Langkau.

Die Autorin Julia Langkau.

PD/Melania Trejo

Sie ist im Thurgau aufgewachsen und spricht lieber Hochdeutsch, weil sie so denkt. Sie forscht in der Philosophie und schreibt an ihrem zweiten Roman und will eine Brücke schlagen zwischen beiden Disziplinen. Sie lebt in Bern, ihr Mann ist Kanadier und arbeitet in den Niederlanden und sie ist Mutter. «Es ist kompliziert,» sagt Julia Langkau, eine von sechs Kulturschaffenden, die 2020 mit einem Förderpreis des Kantons Thurgau ausgezeichnet wurden. Sie erhielt ihn für ihr zweites Romanmanuskript. Am 19. November liest im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Debüts: Der erste Roman» per Livestream aus ihrem ersten Manuskript «Flussgeboren».

Woher stammt ihr Nachname Langkau? Wohl aus Preussen, sagt die 42-Jährige, der Name bedeute «langer See». Schon als Jugendliche schrieb sie, das Schreiben war ihr tröstliches Ausdrucksmittel. Dann kam die Philosophie hinzu, «um besser denken zu können». Ihr erstes Buch «Flussgeboren» schrieb sie vor zwei Jahren, das zweite in den letzten Monaten. Erschienen sind beide noch nicht, derzeit überarbeite sie das erste Manuskript nochmals. Gibt sich Julia Langkau nicht so rasch zufrieden? «In der Philosophie habe ich gelernt, dass ich Themen immer wieder neu angehen muss.» Philosophie sei wie nach einem Dieb zu suchen im Wissen, ihn niemals überführen zu können. Immer wieder müsse man auch die eigenen Überzeugungen verwerfen. «Das Schreiben gibt mehr Sicherheit.»

Debüts: Der erste Roman

Grenzüberschreitende Reihe

Zum zweiten Mal findet im November 2020 die von Judith Zwick gegründete grenzüberschreitende Reihe «Debüts: Der erste Roman» statt. Am 26. November 2020, 19.30 Uhr, liest Thilo Krause im Literaturhaus Thurgau in Gottlieben aus «Elbwärts». Im 2020 bei Hanser erschienenen Roman kehrt ein junges Paar nach Jahren zurück in die  Sächsische Schweiz. Krause erzählt vom Versuch der Heimkehr in ein fremd gewordenes Land. Es gibt nicht nur Apfelbäume und Elbwiesen, es gibt auch das Sommercamp der Neonazis, und am Misstrauen des Dorfes droht auch das Paar zu scheitern.
An vier weiteren Sonntagen im November werden online noch mehr Debütromane vorgestellt, Infos unter: https://judithzwick.de/debuets/

Eine Wissenschafterin arbeite problemorientiert, suche nach einer Lösung – Literatur entstehe aus dem Schreibprozess, folge ästhetischen Kriterien. Wenn sie sich für eine Disziplin entscheiden müsste? «Beide sind meine Leidenschaften, unterschiedliche Leidenschaften, auf den Beruf und das Private verteilt.» Frustration erfahre sie eher in der Philosophie, nicht beim Schreiben.

Verlust und Betrug

Was ist ihr wichtiger: Fakt oder Fiktion? Eine Frage, die sie in der Philosophie interessiert sei, ob wir von Fiktion lernen könnten. «Literatur kann Erfahrung nicht ersetzen – aber sie kann dennoch hilfreich sein und uns aufzeigen, wie wir mit gewissen Erfahrungen umgehen können.» In ihren Büchern gehe sie der Frage nach, wie Figuren erleben und weniger, wie sie handeln. In ihrem zweiten Roman entdeckt eine Witwe auf dem Estrich ungeöffnete Briefe an ihren Mann und beginnt, über ihre Beziehung nachzudenken. Es geht um Verlust und Betrug.

Julia Langkau kam mit zwölf nach Altnau, in ein altes Haus mit einem wilden Garten und einem Esel. Sie sieht sich noch heute durch die Wälder streifen, der See stets nah und auch der Nebel. In Kreuzlingen wechselte sie von der Steinerschule erst ans damalige Lehrerseminar, dann an die Kanti; in Zürich belegte sie Philosophie, zog für vier Jahre weiter zur renommierten Uni St. Andrews in Schottland, ihrem «Tor zur Welt», wo sie doktorierte. Die Philosophie habe sie sich hart erarbeitet, die Literatur liege ihr näher, sei ihr stets Trost und Rückzugsort. Sie sagt:

«Ich hatte mich noch nie so glücklich gefühlt wie damals, als das erste Buch fertig war.»

Ihr Tor zum Leser. Julia Langkau bleibt beiden Disziplinen treu, die Handlung für ihr drittes Buch steht bereits fest.

Do, 19.11., 19.30 Uhr: Julia Langkau liest in der Reihe «Debüts» aus ihrem Manuskript «Flussgeboren» per Livestream, Moderation: Michael Lünstroth.