Porträt

«Ich hatte keinen Platz, wo ich meine Zahnbürste lassen konnte»: Wie Tänzerin Elenita Queiróz in St. Gallen eine neue Heimat fand und einen Preis gewinnt

Die St. Galler Tänzerin und Choreografin Elenita Queiróz erhält den Förderpreis von Tanzplan Ost. Im prämierten Werk «48 seconds» thematisiert sie das Gefühl, nirgends zu Hause zu sein. Die Choreografie basiert auf eigenem Erleben: Die gebürtige Brasilianerin hat an über 40 Orten gewohnt, bis sie in St. Gallen ihr zu Hause fand.

Mirjam Bächtold
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Die St. Galler Tänzerin und Choreografin Elenita Queiróz wird für ihre Choreografie «48 seconds» mit dem Förderpreis von Tanzplan Ost ausgezeichnet.

Die St. Galler Tänzerin und Choreografin Elenita Queiróz wird für ihre Choreografie «48 seconds» mit dem Förderpreis von Tanzplan Ost ausgezeichnet.

Bild: Benjamin Manser

48 Sekunden. So lange hätte Elenita Queiróz in jedem ihrer über 40 Wohnorte gelebt, hätte ihr bisheriges Leben statt 37 Jahre 37 Minuten gedauert. Schon als Kind zog ihre Familie oft um und sie lebte meist nie länger als zwei Jahre an einem Ort. Diese Ruhelosigkeit empfand die aus Brasilien stammende Tänzerin und Choreografin auch wieder, als sie für ihr Masterstudium in die Schweiz kam.

«Ich war frisch geschieden und liess alle meine Habseligkeiten in Brasilien. Mit nur einem Koffer reiste ich in die Schweiz», erzählt die heute 40-Jährige. Ständig sei sie zwischen St. Gallen, wo sie bei ihrem Freund lebte, und Bern, wo sie studierte, hin und her gependelt. In Bern schlief sie bei verschiedenen Leuten, die sie über «Couchsurfing» fand.

«Ich war erschöpft und irgendwann sagte ich mir: Natürlich bin ich müde, ich habe keinen Platz, wo ich meine Zahnbürste lassen kann.»

Aus diesem Gefühl, nirgends zu Hause zu sein, und jenem der Ruhelosigkeit entstand ihre Masterarbeit «48 seconds», für die sie nun den Förderpreis von Tanzplan Ost erhält. Am Mittwochabend, 18. November, findet die Preisverleihung in der St. Galler Lokremise statt. Der mit 5000 Franken dotierte Preis wird vom Kulturfonds der Société Suisse des Auteurs gestiftet.

Fünf Städte in einem Tag

Für den Teaser ihrer Arbeit versuchte sie, die Ruhelosigkeit zu verdeutlichen, indem sie in fünf Städten jeweils 48 Sekunden lang vor einer Videokamera performte. «Wir sind nach dem Dreh jeweils zum Bahnhof gehetzt und in die nächste Stadt gefahren. Alles musste in einem Tag geschafft sein», erzählt Elenita Queiróz. Sie wählte Städte mit hohem Migrationsanteil, weil sie selbst auch Migrantin ist. Sie habe zwar schon vorher in anderen Ländern gewohnt, aber das sei das erste Mal gewesen, dass sie dauerhaft in ein fremdes Land zog.

«Mich beschäftigen die Gründe, warum jemand seine Heimat verlässt. Ich war glücklicherweise nicht dazu gezwungen.»
Was macht ein Zuhause aus? Elenita Queiróz in «48 seconds».

Was macht ein Zuhause aus? Elenita Queiróz in «48 seconds».

Bild: PD

Neben dem Teaser entstand die eigentliche Performance «48 seconds», die eine Stunde dauerte und in der die Tänzerin die Bewegungen aus dem Teaser wieder aufgriff. Vor zwei Jahren hat sie diese Arbeit präsentiert und damit ihr Masterstudium abgeschlossen. Jetzt lebt sie mit ihrem Mann und ihrem acht Monate alten Sohn in St. Gallen, hat also ein festes zu Hause.

In ihrer neusten Choreografie «La ultima» greift sie das Thema Mutterschaft und das Rollenbild der Frau auf. Ihre persönlichen Erlebnisse fliessen immer in ihre Arbeit ein. Dank der Unterstützung ihres Mannes bringt Elenita Queiróz das Muttersein sowie die Arbeit gut unter einen Hut.

Die letzte Frau der Welt, dreifach verkörpert von Mara Natterer, Elenita Queiróz und Anna Zurkirchen im Stück «La Ultima».

Die letzte Frau der Welt, dreifach verkörpert von Mara Natterer, Elenita Queiróz und Anna Zurkirchen im Stück «La Ultima».

Bild: Kay Appenzeller

Ihr erstes Theaterstück sah sie als Studentin

Es war nicht immer Elenita Queiróz’ Traum, Tänzerin zu werden. Sie wuchs mit drei Geschwistern auf dem Land auf, ihr erstes Theaterstück sah sie erst während des Studiums. Eigentlich wollte sie Schauspielerin werden, doch für die Aufnahmeprüfung hätte sie Monologe vorbereiten müssen.

«Wir hatten keine Bücher, es gab kein Internet, ich wusste nicht einmal, was ein Monolog ist.»

Eine Bekannte, die Weihnachtstheater mit Kindern inszeniert hatte, empfahl ihr das Tanzstudium, zu dem sie nach dem Aufnahmeverfahren zugelassen wurde. Heute gibt sie nebst ihrer Arbeit als Choreografin und Tänzerin auch Unterricht.

Dass sie nun den Förderpreis erhält, freut sie sehr. «Zuerst dachte ich, ich hätte das E-Mail mit der Nachricht falsch verstanden, weil mein Deutsch noch nicht so gut ist», erinnert sie sich. Doch jetzt ist die Begeisterung gross. «Es ist für mich eine Anerkennung, ein Zeichen des Vertrauens in meine Arbeit. Als würde man mir die Hand auf die Schulter legen und sagen: ‹Mach weiter so!›»

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