Hip-Hop
Von Coronaleugnern und Faxgeräten: Neues Album der St.Galler Bungle Brothers

«Halb Fiction» heisst das zweite Album der St.Galler Hip-Hop-Crew Bungle Brothers. Die Musiker persiflieren darauf ihren Status als alte Hasen in der Szene. Und sie üben Gesellschaftskritik – wobei die Realität ihre Fiktion in einigen Punkten überholt hat.

Roger Berhalter
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Kein Hip-Hop ohne Posen: Die Bungle Brothers mit den Rappern CRF (links) und Flip (rechts) sowie dem Produzenten Dan One (hinten rechts) und DJ Ill-O (vorne links).

Kein Hip-Hop ohne Posen: Die Bungle Brothers mit den Rappern CRF (links) und Flip (rechts) sowie dem Produzenten Dan One (hinten rechts) und DJ Ill-O (vorne links).

Bild: PD

«Halb Fiction» heisst das neue, zweite Album der St.Galler Hip-Hopper Bungle Brothers. «Halb Fiction», das ist einerseits ein Verweis auf Quentin Tarantinos Filmklassiker «Pulp Fiction» aus den 1990er-Jahren und damit auf jene Zeit, als die Mitglieder der Bungle Brothers begannen, Musik zu machen.

Anderseits bringt «Halb Fiction» auch die Coronazeit gut auf den Punkt, in der es manchmal gar nicht so einfach war, Wahrheit und Fiktion voneinander zu unterscheiden. Insbesondere während der Lockdowns, als das öffentliche Leben stillstand und die Welt fast nur noch medial vermittelt über den Bildschirm ins Wohnzimmer kam. Vieles war wahr, vieles erfunden, manches übertrieben, manches schlicht falsch. Mit anderen Worten: halb echt und halb Fiction.

Cover des Albums «Halb Fiction», eine Hommage an das Filmplakat von «Pulp Fiction». Doch statt John Travolta und Samuel L. Jackson zücken hier Janus, Odysseus, King Tafur, Megatron und Iron Man (von links) die Pistolen.

Cover des Albums «Halb Fiction», eine Hommage an das Filmplakat von «Pulp Fiction». Doch statt John Travolta und Samuel L. Jackson zücken hier Janus, Odysseus, King Tafur, Megatron und Iron Man (von links) die Pistolen.

Bild: PD

Die Bungle Brothers und namentlich ihre Rapper CRF und Flip zählen zu den dienstältesten Hip-Hoppern von St.Gallen. Lange waren sie unter dem Namen Beat Dictator Crew unterwegs und nahmen mehrere Alben auf. Seit ein paar Jahren nennen sie sich, in leicht veränderter Besetzung, Bungle Brothers. 2018 veröffentlichten sie ihr Album «Ersatzstylelager», jetzt folgt mit «Halb Fiction» der Zweitling. Die Beats hat Dan One produziert, DJ Ill-O bedient die Plattenteller, CRF und Flip sind als Rapper am Mikrofon.

Die Faxgeräte unter den Hip-Hoppern

Spassreime wechseln sich auf dem Album ab mit gesellschaftskritischen Texten. Und selbstironisch rappen die Bungle Brothers über ihren Status als alte Hasen in der Hip-Hop-Szene. Am offensichtlichsten in «Boombapper»: Der 42-jährige CRF erzählt davon, wie ihn die Rapkultur langsam zurücklasse – und dass ihn das nicht kümmere, weil er immer noch mit Herz und Seele am Hip-Hop hänge.

Das Feuer brennt noch immer, die Leidenschaft ist nach wie vor da, deshalb gibt es keinen Grund aufzuhören. Auch wenn die Lieder der Bungle Brothers, wie CRF reimt, in etwa «den finanziellen Erfolg von neuen Videotheken, Plattenläden, Schreibmaschinen oder Faxgeräten» versprechen. Und auch wenn die Kopfnickerbeats der Bungle Brothers längst nicht mehr dem gerade angesagten Hip-Hop-Stil entsprechen. Kein Problem für CRF, der im Gespräch abgeklärt und augenzwinkernd sagt:

«Den Zeitpunkt, in Würde aufzuhören, haben wir schon mindestens um zehn Jahre verpasst.»

Selbstgemachte Kartonkostüme und tanzende Roboter: Videoclip zu «Takt/Gefühl» von den Bungle Brothers.

Quelle: Youtube

Doch dranbleiben lohnt sich, und rappen können sie noch immer, wie ihre ausgefeilten hochdeutschen Texte beweisen. Ebenfalls haben sie nach wie vor etwas zu sagen, gerade in dieser Pandemie. So ist manche Corona-Erfahrung in «Halb Fiction» eingeflossen.

Am deutlichsten in «Hütte im Wald», dem düstersten Song des Albums. «Ich baue mir eine Hütte im Dickicht meiner Lebenslügen», rappt CRF und erzählt von einem metaphorischen Ort, wo alle dunklen Geheimnisse verborgen liegen. «Jeder hat das Recht auf seinen finstern, dunklen Fleck.» Der Text handelt von Abgrenzung, von Rückzug, vom Sich-Verkriechen – bis man alles ausserhalb der «Hütte» als Bedrohung wahrnimmt.

Plötzlich Coronaleugner

Manchmal überholt die Fiktion auch die Realität, wie es den Bungle Brothers in «Iron Man» passiert ist. «Ich zieh die Maske an», heisst es im Refrain immer wieder. Es sollte eigentlich keine Anspielung auf die Corona-Schutzmasken sein, die Bungle Brothers wollten damit vielmehr auf die soziale «Maske» anspielen, die wir uns alle manchmal aufsetzen, um unsere wahren Gefühle zu verbergen. Auf dem Weg ins Büro oder «beim Small Talk mit Leuten, die mich nicht interessier'n», wie es im Refrain heisst.

Doch kommt da eben auch die Zeile vor: «Um ein wahrer Held zu werden, muss ich riskieren, die Maske abzulegen» – das kann man als Parole eines Coronaleugners auffassen, der sich vermeintlich heroisch die Schutzmaske vom Gesicht reisst. Diese Zeile könnte völlig falsch verstanden werden, das wurde den Rappern plötzlich bewusst. Also fügten sie nachträglich ein Outro ein, um klarzustellen, dass sie sich nicht gegen die Coronamassnahmen stellen wollen, im Gegenteil: «Manchmal ist keine Maske tragen eigentlich das Asoziale.»

Masta Ace, Gunda Wechee und Lowray mit Gastauftritten

Für Abwechslung sorgen mehrere Gastauftritte. Für «Janus» steuert die New Yorker Hip-Hop-Grösse Masta Ace ein paar Zeilen bei, für die Dub-Nummer «Ein bisschen weniger» haben die Bungle Brothers mit dem St.Galler MC Gunda Wechee zusammengearbeitet und «Keiner kommt» ist ein (allerdings gewöhnungsbedürftiger) Rocksong mit Liveinstrumenten und Gesang des St.Gallers Lowray.

«Halb Fiction» ist auf CD und Vinyl im Onlineshop der Bungle Brothers erhältlich.

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