FOTOAUSSTELLUNG
Hier sind die Fotografen die Künstler: Das Forum Würth zeigt die Gesichter hinter der Kunst

35 Fotografinnen und Fotografen präsentieren in der Ausstellung «Art Faces» im Rorschacher Forum Würth ein Who's Who der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Martin Preisser
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Jean Tinguely, fotografiert 1964 in Lausanne.

Jean Tinguely, fotografiert 1964 in Lausanne.

Bild: Monique Jacot

230 Künstlerporträts umfasst die Sammlung von Jacqueline und François Meyer, 108 davon sind in der neuen Ausstellung im Rorschacher Forum Würth zu sehen. Würth hat Meyers wertvolles Konvolut von Fotografien 2003 in seine riesige, fast 20'000 Werke umfassende Kunstsammlung integriert. Meyer ist nicht nur Sammler, sondern hat auch selbst Künstler abgelichtet. So ist er mit Fotografien von Max Bill, Andy Warhol, Friedensreich Hundertwasser oder Roy Lichtenstein vertreten.

Die Chemie mit dem Porträtierten muss stimmen

François Meyer, 1953 in Genf geboren, hat sich in den 1970er-Jahren als junger Fotograf in der New Yorker Kunstszene umgesehen und sich rasch einen Namen als sensibler Fotograf gemacht. Für Meyer musste stets die Chemie mit den Porträtierten stimmen. Seine Fotografien sieht er als Resultat einer gelungenen Verbindung zwischen ihm und dem Gegenüber. Diese Nähe und Vertrautheit spürt man aus seinen Fotografien heraus.

Max Bill, fotografiert 1980 in Zürich.

Max Bill, fotografiert 1980 in Zürich.

Bild: François Meyer

In «Art Faces» sind für einmal die Fotografen die Künstler. Die Fotoausstellung, die fast ausschliesslich Schwarz-Weiss-Bilder zeigt, erlaubt intime, überraschende Blicke auf bekannte Künstlerinnen und Künstler und macht mit Meistern der Künstlerfotografie vertraut. Gisèle Freund, eine der sechs Fotografinnen der Ausstellung, verrät das Geheimnis kunstvoller Porträtbilder:

«Das Auge macht das Bild, nicht die Kamera»

In der Tat ist es das genaue Auge und der scharfe Blick der Fotografierenden, welche die oft beeindruckende Ausstrahlungskraft vieler Fotografien erzeugen. In der Sammlung sind Schnappschüsse genauso vertreten wie inszenierte Bilder, etwa das Porträt von Piet Mondrian, auf dem der berühmte New Yorker Fotograf Arnold Newman den Künstler in einer konstruktivistischen Szene zeigt, die von Mondrian selbst stammen könnte. Newman sagt über die Fotografie:

«Ein Bild wird mit dem Herzen und dem Verstand aufgenommen.»

Ein Schnappschuss von Pablo Picasso mit kleiner Eule

Eine Entdeckung sind auch die Arbeiten von Michel Sima, der einen ganz speziellen Beitrag zu Porträts von Pablo Picasso leistet, etwa mit dem wunderbaren Schnappschuss, auf dem Picasso mit einer kleinen Eule in der Hand zu sehen ist. Der Fotograf, ein Freund Picassos, und der Künstler hatten sie gerade erst aufgelesen. Sima fällt auch mit Künstlerporträts auf, welche die Porträtierten eher klein und inmitten ihrer Werke, manchmal fast als Teil von diesen zeigt.

Künstlerporträts von Michel Sima in der Würth-Ausstellung.

Künstlerporträts von Michel Sima in der Würth-Ausstellung.

Bild: PD

Die Namen von «Art Faces» lesen sich wie ein Who’s Who der Kunstwelt des 20. Jahrhunderts. Frühestes Bild ist das 1928 entstandene Bild von Otto Dix, das August Sander fotografiert hat. Dix, stehend, mit Mantel und Hut, erkannt man da auf den ersten Blick kaum wieder.

Ein eindrucksvolles Porträt von Francis Bacon, der auf dem Bild fast wie aus einem seiner Gemälde entsprungen scheint, findet sich genauso wie ein Bild des Ostschweizer Aussenseiterkünstlers Hans Krüsi, hier mit einem Revolver in der Hand fotografiert. Vertreten ist auch ein Fotograf, der in Rorschach geboren wurde. Ernst Scheidegger (1923 - 2016) hat etwa Oskar Kokoschka oder Jean Tinguely abgelichtet, womit Letzterer mit einem weiteren Bild von Monique Jacot zweimal zu sehen ist.

Dalí mit hochgezwirbeltem Schnurrbart im Wasser

Haften bleibt das berühmte Porträt Salvador Dalís im Wasser mit hochgezwirbeltem Schnurrbart genauso wie ein entspanntes, spontanes Bild, das Kurt Blum von Meret Oppenheim gemacht hat, mit Zigarette und Kaffeetasse. Ein Reiz der «Art Faces»-Schau liegt auch darin, dass man einige Kunstwerke der Porträtierten in der laufenden Würth-Ausstellung «Lust auf mehr» entdecken und zwischen Bild und Kunstwerk hin und her pendeln kann.

Bis 29. Mai 2022. Forum Würth (Rorschach, Churerstrasse. 10); www.forum-wuerth.ch

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