Grosse Ehre
St.Galler Filmemacher Lasse Linder und sein Abschlussfilm «Nachts sind alle Katzen grau»: Was der «europäische Oscar» für ihn bedeutet

Wie und wo hat Lasse Linder die virtuelle Preisverleihung mitverfolgt, was sagt er über seinen Protagonisten, und ist dieser Erfolg überhaupt zu toppen?

Regina Grüter
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Während der Hamster im Rad dreht, sind die Katzen Marmelade und Katjuscha mit Christian auf Shoppingtour.

Während der Hamster im Rad dreht, sind die Katzen Marmelade und Katjuscha mit Christian auf Shoppingtour.

Bild: Bachelor Video HSLU

Daheim am Bildschirm, in seiner «megakleinen» Wohnung in Zürich hat Lasse Linder die virtuelle Verleihung des Europäischen Filmpreises verfolgt. Aus der Quarantäne, zusammen mit seiner an Corona erkrankten, isolierten und deshalb «in Klarsichtfolie eingepackten» Mitbewohnerin. «Meganervös» sei er gewesen, die Auszeichnung für «Nachts sind alle Katzen grau» in der Kategorie «Bester Kurzfilm» kam für ihn unerwartet. Was soll er anderes sagen.

Lasse Linder.

Lasse Linder.

Bild: Roshan Adhihetty

Das war am Donnerstagabend vor zwei Wochen. Jetzt befindet sich der 26-Jährige sozusagen wieder auf freiem Fuss und rollt mit dem Skateboard zum persönlichen Gespräch in der Luzerner Bourbaki-Bar ein. Wie er von den Proben zur virtuellen Preiszeremonie erzählt, zeugt von etwas, das sich auch im Film wiederfindet: Lasse Linder hat einen Sinn fürs Absurd-Komische, ja fürs Groteske.

Sein 18-Minuten-Dokumentarfilm über den «Katzenmann» Christian, der mit seinen zwei Büsi Marmelade und Katjuscha in symbiotischer Beziehung lebt, hat einige komische Szenen. Der Regisseur macht sich aber keineswegs über seinen Protagonisten lustig: Er suchte nach dem emotionalsten Element im Leben von Christian, um innerhalb dieser universellen Geschichte über die Einsamkeit eines Einzelgängers zu erzählen. Linder umschreibt in der ihm eigenen Art die Handlung auf seiner Website wie folgt:

«Da er sich danach sehnt, Vater zu werden, lässt er seine geliebte Katze Marmelade von einem exquisiten Kater im Ausland befruchten.»

Lasse Linder stammt aus dem St.Gallischen Widnau. «Nachts sind alle Katzen grau» ist sein Bachelor-Abschlussfilm an der Hochschule Luzern – Design & Kunst, Fachrichtung Video. Eigentlich wollte er einen Film über einen Freund machen, der in seiner Wohnung über einem Kino Musik mache – Noise und Garage –, für dessen Musik sich aber niemand im Dorf interessiere. Mit ebendiesem Freund traf er in einer Bar im Rheintal auf den «Katzenmann».

«Hinter einer Glaswand hat er mit seinen zwei Katzen gesessen wie in einem Edward-Hopper-Gemälde.»

Ein schönes Bild.

Lasse Linder beschreibt Christian als extravagante, manchmal überbordende Persönlichkeit. Er erzähle gerne Räubergeschichten und bewirtschafte seine Social-Media-Kanäle mit Katzenvideos mit Hans-Zimmer-Soundtrack. Es galt also, die Erwartungen des Protagonisten an den Film etwas zurechtzurücken.

«Während der Dreharbeiten haben wir ein Spiel gespielt, das hiess ‹jetzt reden wir zwei Stunden nicht›.»

Linder schmunzelt, als er das erzählt. Das sei Selbstdarsteller Christian anfänglich schwergefallen, er sei aber dadurch viel ehrlicher geworden vor der Kamera. So findet der Film ein Gleichgewicht zwischen amüsanten und aufrichtig emotionalen Szenen; manche lösen beim Zuschauer auch beide Regungen gleichzeitig aus.

Der Filmemacher verzichtet dabei auf jeglichen Kommentar. «Erklärungen geben der Montage viel vor», erläutert Lasse Linder, der 30 Prozent fürs SRF als Cutter arbeitet. «Die Bilder sollen sich selbst erklären», das war für den Jungregisseur von Anfang an klar. Und das funktioniert auch bestens.

«New York Times» hat ­ den Film gekauft

Der «europäische Oscar» ist der grosse Abschluss einer verrückten Zeit: Sieben Monate Freude nach dem Startschuss am Locarno Film Festival, dann unterbrach das Virus den Höhenflug mit vielen tollen Momenten und persönlichen Begegnungen abrupt. Linders Film wurde in einem Jahr an über 100 Festivals gezeigt, hat in Toronto einen wichtigen Sieg errungen, die «New York Times» hat den Film für seine Reihe «Op-Docs» gekauft. Kaum zu toppen. Das macht dem jungen Filmemacher ein bisschen Sorgen. Jetzt, mit diesem Preis in der Tasche, sei es schwer, nachzulegen, meint er und lächelt dazu.

Mit dem Hauptpreis am Kurzfilmfestival im finnischen Tampere hatte sich Lasse Linder bereits für die Oscars qualifiziert – nun steht er mit «Nachts sind alle Katzen grau» auf der Longlist. Für das ganze Oscar-Prozedere interessiert er sich aber nicht sonderlich. Lieber will er jetzt an zwei eigenen Projekten weiterarbeiten. Im langen Spielfilmprojekt wäre auch Christian wieder mit von der Partie. Er würde sich selbst spielen.

Link zum Film auf der Website von «Film Zentralschweiz»: www.filmstream.ch. Weitere Informationen zum Filmemacher und seinen Projekten: www.lasselinder.com.