«Fritz träumt gern von Afrika»: Autoren aus der Bodenseeregion beschreiben die Aussensicht auf das Vertraute

Auch in Coronazeiten entsteht Literarisches: Der neue Thurgauer Verlag Caracol vertreibt für die Schweiz das 7. grenzüberschreitende Literarische Jahresheft «Mauerläufer». Die Ostschweizer Autorinnen und Autoren wie Zsuzsanna Gahse oder Jochen Kelter richten dabei den Blick in die Fremde, und nicht nur auf den Bodenseeraum.

Dieter Langhart
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Die aktuelle Ausgabe des Literarischen Jahreshefts «Mauerläufer» befasst sich mit dem Blick in die Fremde – hier mit einer hintersinnig ironischen Geschichte des Thurgauer Historikers Stefan Keller.

Die aktuelle Ausgabe des Literarischen Jahreshefts «Mauerläufer» befasst sich mit dem Blick in die Fremde – hier mit einer hintersinnig ironischen Geschichte des Thurgauer Historikers Stefan Keller.

Bild: PD

Der Mauerläufer (Tichodroma muraria) lebt im Fels der Berge; rot leuchten seine Schwingen, wenn er nach Insekten jagt. Der andere «Mauerläufer» lebt im weiten Bodenseeraum; alljährlich schwingt er sich auf und landet als an Wort und Bild reiches Heft beim Leser. Das Thema für die siebte Ausgabe stand fest: «Der fremde Blick». Dann kam der Krisenfrühling, die Autoren schrieben sich in der Corona-Klausur die Finger wund, die Redaktion des Jahresheftes hielt im Thema fest – und das ist gut so.

Das Cover der aktuellen Ausgabe.

Das Cover der aktuellen Ausgabe.

Bild: PD

Denn dieser «fremde Blick» bedeutet ebenso die Aussensicht auf das Vertraute der eigenen Heimat wie den Blick auf unbekanntes Territorium. Wie geschaffen dafür ist die Herkunft der Autoren und Künstler im Viereck zwischen Bregenz, Frauenfeld, Überlingen, Ravensburg, mit Aussenstationen in Berlin, Wien, Zagreb oder Zürich.

Simay Alsan, 1986 in Istanbul geboren, lebt in St. Gallen. Mit «Briefe an die Tante» hebt das Heft an. «Mein Körper ist hier, meine Seele nicht», schreibt sie, vom Kopfsalat, der keinen Geschmack hat, von grasenden Kühen und sauberen Zügen und wie sehr sie sich anstrengen muss, die fremde Sprache zu lernen.

Blick ins aktuelle Heft «Mauerläufer».

Blick ins aktuelle Heft «Mauerläufer».

Bild: PD

Zsuzsanna Gahse, 1946 in Budapest geboren und in Müllheim lebend, lässt in «Tonspur» eine Ich-Figur sprechen, die sich manchmal wie ein mutterloses Kind fühlt, weit weg von zu Hause. Sie lernt in Romanshorn die Äthioperin Loa kennen, deren Sprache hier niemand versteht. Gahse, deren Hauptfigur stets die Sprache ist, schreibt: «Jedenfalls kann man die Sprache, zumindest einzelne Wörter, mit Liedern ködern. Auch die Sprache ist Musik [...]. Die einzelnen Wörter sind kleine Instrumente.»

Statt Offenheit trifft er am Bodensee verhockte Menschen

Der in Zürich lebende Thurgauer Historiker Stefan Keller verquickt in «Bernrain» lakonisch den Dreieckshandel mit Textilien, Rohstoffen und Sklaven mit dem Schicksal eines arabischen Jungen, den ein französischer Graf mit nach Hause bringt und auf Anraten der Zellwegers in Trogen 1844 in die Internatsschule Bernrain schickt, wo Bauernarbeit als gesund und sittlich gilt.

In seinem zweiten Beitrag «Afrikaforscher» hinterlegt Keller einer Fotografie von vier Arbeitern des Zirkus Knie vor dem leeren Löwenkäfig aus dem Jahr 1920 eine hintersinnig ironische Geschichte, die so beginnt: «Das ist Onkel Fritz. Fritz träumt gern von Afrika. Das ist Vetter Hans. Hans plant schon die Reise. Das ist Onkel Ernst. Ernst freut sich auf wilde Tiere. Das ist Vetter Paul. Paul fürchtet die Malaria.»

Der Ermatinger Jochen Kelter schreibt in «Die Ankunft» von einem jungen Mann, der vom Genfer See her kommend an eine neue Universität am andern See kommt, das Deutsch aus Kindertagen erinnert und statt der badischen Liberalität und Offenheit nur verhockte Menschen antrifft. «Die Geographie der ersten Tage war wie ausgelöscht.»

Der Mauerläufer wurde aufwendig gestaltet mit vielen Abbildungen von Kunstwerken.

Der Mauerläufer wurde aufwendig gestaltet mit vielen Abbildungen von Kunstwerken.

Bild: PD

Im Gedicht «Hannibal schläft» nennt der Kreuzlinger Hans Gysi die gen Süden fahrenden Lastwagenkarawanen «ferngesteuerte Elefantenreihen». Das Jahrbuch beschliesst Ruth Erat aus Arbon mit «Für immer hier», die erstmals für den «Mauerläufer» schreibt. Die alte Berta packt ihren Rucksack und verlässt das Dorf unterm Säntis, in das sie mit Karl gezogen war. «Dableiben», hatte Karl damals gesagt. «Ich gehe», sagt Berta jetzt zu Karl. «Ihr Tritt federnd. Der Beginn eines Tages.»

«Der fremde Blick», Mauerläufer 2020/21, Fr. 16.–. Bezug: vertrieb@caracol-verlag.ch; Infos hier