FREIPASS #4
«Ich möchte den unfreiwilligen Freiraum nicht mehr missen»: Der Musiker Bernhard Ruchti im Fragebogen

Jede Woche spielen wir Ostschweizer Kulturschaffenden den Ball zu und fragen: Was lernen Sie gerade neu? Worauf freuen Sie sich? Heute mit Bernhard Ruchti, in St.Gallen aktiver Organist, Komponist, Pianist und Buchautor.

Martin Preisser
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Bernhard Ruchti, der Organist von St.Laurenzen St.Gallen ist künstlerisch vielfältig unterwegs.

Bernhard Ruchti, der Organist von St.Laurenzen St.Gallen ist künstlerisch vielfältig unterwegs.

Bild: Hanspeter Schiess

Bernhard Ruchti ist musikalisch in ganz verschiedenen Bereichen aktiv. Er ist Organist von St.Laurenzen in St.Gallen, wo er für die Liturgie, aber auch für musikalische Vespern, die Konzerte und die Veranstaltungsreihe der Mittwoch-Mittags-Konzerte verantwortlich zeichnet. Auf seine Initiative hin ist in St.Laurenzen auch ein neues Orgelprojekt am Entstehen. Die alte Laurenzen-Orgel wird durch eine neue Orgel ersetzt, deren Klänge von allen vier Wänden der Kirche kommen werden und neueste Massstäbe im Orgelbau setzen.

Bernhard Ruchti komponiert und ist auch pianistisch erfolgreich tätig. Seit einiger Zeit beschäftigt er sich mit dem «richtigen» Tempo in der klassischen und romantischen Musik. Neueste Einspielungen Ruchtis im Rahmen seines A-Tempo-Projekts mit Klavierwerken von Beethoven, Schumann, Chopin und Liszt zeigen, dass seine Überlegungen zu einem gemässigteren und weniger gehetzten Tempo zu Ergebnissen führen, bei denen man bekannte Klaviermusik plötzlich ganz neu und eindringlicher erleben kann.

Auch für Musik auf der Orgel denkt Ruchti über andere Interpretationsgeschwindigkeiten nach. Seine Überlegungen dazu sind jüngst im Buch «...das Gewaltigste, was ich je auf der Orgel gehört habe» nachzulesen. Anhand von Franz Liszts «Orgelwerk Ad nos, ad salutarem undam» erhellt Ruchti hierbei neue Aspekte der Aufführungspraxis auf der Orgel im 19. Jahrhundert.

Was lernen Sie gerade neu?

Beethovens Es-Dur Klaviersonate Opus 27 Nr. 1.

Welches Buch haben Sie zuletzt für sich entdeckt?

«Der Letzte Satz» von Robert Seethaler. Eine Freundin schenkte es mir. Es ist ein novellenartiger Roman über die letzte Atlantik-Überfahrt von Gustav Mahler. Die Feinsinnigkeit, der psychologische Blick und zahlreiche liebevolle Details der Geschichte haben mich sehr beeindruckt.

Was hat Sie in den letzten Monaten am meisten beschäftigt?

Die persönlichen Kontakte und Schicksale, die ich mitbekommen habe. Da sind plötzlich Tiefen aufgebrochen, da ist Nähe entstanden, und das ist eine Erfahrung, die mir nahe geht. Dazu eine mehr praktische Frage: wie bewahre ich mir den «unfreiwilligen Freiraum», den mir die Pandemie gebracht hat? Diesen möchte ich nicht mehr missen...

Vervollständigen Sie den Satz: «Wenn ich nicht Musiker geworden wäre, wäre ich heute...»

Vermutlich Naturwissenschaftler, genauer gesagt Astronom. Das war ein Jugendtraum von mir, und noch heute interessiert mich dieses Feld sehr. Nun übe ich den Griff nach den Sternen auf dem Klavier und auf der Orgel.

Ein Freipass für Ostschweizer Kulturschaffende

Es ist Zeit für einen vorsichtig optimistischen Blick in die Zukunft. Deshalb erscheint jeden Freitag unser Fragebogen, den wir sportlich «Freipass» nennen. Jede Woche spielen wir einer oder einem Ostschweizer Kulturschaffenden den Ball zu und sind gespannt, welche Antworten sie uns geben. Den «Freipass» nehmen wir dabei wörtlich: Wir redigieren die Antworten nur minimal und kürzen allenfalls, bearbeiten sie aber nicht weiter.

Wird die Pandemie die Kulturbranche längerfristig verändern – und sehen Sie darin auch etwas Positives?

Die letzten anderthalb Jahre waren für Kulturschaffende schwierig. Aber schwierige Erfahrungen bringen immer auch neue Substanz hervor. So hat die Corona-Zeit auch eine vielleicht erzwungene Reduktion aufs Wesentliche gebracht. Kunst ist zu einem viel existenzielleren Bedürfnis geworden. Weniger ist in der Tat mehr geworden. Das ist als Erfahrung ungemein wertvoll. Das Schlimmste wäre jetzt, aus dieser Erfahrung keinerlei Gewinn zu ziehen und nur eine «Rückkehr zur Normalität» zu fordern. Dann wären die letzten Monate wirklich verlorene Zeit. In diesem Sinne hoffe ich auf Veränderungen in der Kulturbranche, auf die bewusste Pflege und den Fokus auf die Substanz.

Bernhard Ruchti spielt Frédéric Chopins Etüden in ruhigerem Tempo.

Quelle: Youtube

Mit wem würden Sie gerne einmal zusammenarbeiten und warum?

Mit einer Film-Regisseurin oder einem Film-Regisseur für ein gemeinsames filmisch-kompositorisches Projekt.

Worauf freuen Sie sich?

Auf meine unmittelbar bevorstehende Aufnahme von Beethovens Hammerklaviersonate Opus 106 in der St.Galler Tonhalle – in der von Franz Liszt überlieferten Dauer des Werkes, und auf dem privaten grossen Bechstein-Konzertflügel von Wilhelm Backhaus.

Die nächste Reihe der Laurenzen-Vespern startet am Freitag, 27. August, 18 Uhr, in der Kirche St. Laurenzen St. Gallen; www.bernhardruchti.com

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