FREIPASS #37
«Mich beschäftigt meine Aggression auf die Vollidioten dieser Welt»: Das Künstlerduo Com&Com im Fragebogen

Jede Woche spielen wir Ostschweizer Kulturschaffenden den Ball zu und fragen: Was lernen Sie gerade neu? Worauf freuen Sie sich? Heute mit Marcus Gossolt und Johannes Hedinger, die seit 1997 als Künstlerduo Com&Com unterwegs sind und schon allerlei Provokationen hinter sich haben, etwa mit der «Moc-Moc»-Figur in Romanshorn. Obwohl das Duo seit 2011 einen Baumstamm durch die Welt reisen lässt, wünscht sich Hedinger selbstironisch, dass durch die Pandemie weniger sinnlose Reisen und Transporte durchgeführt werden.

Aylin Erol
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Johannes Hedinger (50) und Marcus Gossolt (53) stehen vor einem ihrer Kunstwerke, einem Waldboden-Teppich.

Johannes Hedinger (50) und Marcus Gossolt (53) stehen vor einem ihrer Kunstwerke, einem Waldboden-Teppich.

Bild: PD

Ihr 25-jähriges Bestehen feierte das Künstlerkollektiv Com&Com, bestehend aus den Ostschweizern Marcus Gossolt (53) und Johannes Hedinger (50), Anfang Jahr mit einer Sonderausstellung in der Galerie Bernhard Bischoff in Bern, wo sie Werke aus all den Jahren der Zusammenarbeit ausstellten. In der Ostschweiz in der breiten Öffentlichkeit bekannt ist Com&Com wohl vor allem wegen der «Moc-Moc»-Figur am Bahnhof von Romanshorn. Sie kam bei ihrer Lancierung 2003 bei den Romanshornerinnen und Romanshornern zunächst überhaupt nicht gut an. Besonders sauer stiess der Bevölkerung auf, dass die ganze Legende um das schwarz-gelbe Flossentier, das der Stadt ihren Namen gegeben haben soll, von den bildenden Künstlern erfunden worden war.

«Moc-Moc» soll einem Jungen namens Roman sein Horn gegeben haben, damit dieser die Stadtbewohner vor einem grossen Brand warnen konnte. Die von den Künstlern erfundene Legende sollte erklären, wie Romanshorn zu seinem Namen gekommen ist.

«Moc-Moc» soll einem Jungen namens Roman sein Horn gegeben haben, damit dieser die Stadtbewohner vor einem grossen Brand warnen konnte. Die von den Künstlern erfundene Legende sollte erklären, wie Romanshorn zu seinem Namen gekommen ist.

Bild: Keystone

Inzwischen hat sich das Duo allerdings weg von Provokationen und Ironie bewegt und sich weiterentwickelt. Seit 2010 stellen Gossolt und Hedinger mit der Skulpturenserie «Baum» etwa ganze Bäume samt ihrer imposanten, verwobenen Wurzeln aus oder lassen mit dem Reise- und Austauschprojekt «Bloch» einen ganzen Appenzeller Baumstamm um die Welt reisen. Neben Ausstellungen und Projekten drehte das Künstlerkollektiv auch schon einige Kurzfilme, inszenierte ein Musical und veröffentliche CDs und Bücher.

Neben seiner Tätigkeit als Künstler lehrt Johannes Hedinger an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) und ist Direktor des Institute for Land and Environmental Art. Marcus Gossolt ist Inhaber der Projektagentur «Alltag».

Was lernen Sie gerade neu?

Johannes Hedinger: Ich lerne jeden Tag und immer wieder neu dazu, was es heisst, Vater zu sein und die Welt durch Kinderaugen neu zu erfahren – auch wenn mein Kind bereits 23 Monate alt ist.

Marcus Gossolt: Ich lerne gerade, was für ein unglaubliches Privileg meine gelassene Kindheit und Jugendzeit war. Und wie tapfer, sozial und weitsichtig meine Töchter das Weltgeschehen reflektieren.

Was haben Sie zuletzt für sich entdeckt?

Hedinger: Den britisch-ghanaischen Künstler, Filmer, Autor, Kurator und Theoretiker John Akomfrah.

Gossolt: Das Entdecken ist für mich per se ein Lebenselixier. Meistens findet dieses aber ausserhalb der klassischen Kunstsparten statt. Müsste ich jedoch einen Namen nennen, den ich grad jüngst für mich wiederentdeckt habe, dann ist es des US-amerikanische Pop-Art-Künstlers Jim Dine.

Was hat Sie in den letzten Monaten am meisten beschäftigt?

Hedinger: Der Aufbau von ILEA (Institute for Land and Environmental Art) im Safiental.

Gossolt: Mich beschäftigt derzeit am meisten der Balanceakt zwischen Zerstreuung und Aggression auf die Vollidioten dieser Welt.

Ein Freipass für Ostschweizer Kulturschaffende

Jeden Dienstag erscheint unser Fragebogen, den wir sportlich «Freipass» nennen. Woche für Woche spielen wir Ostschweizer Kulturschaffenden den Ball zu und sind gespannt, welche Antworten sie uns geben. Den «Freipass» nehmen wir dabei wörtlich: Wir redigieren die Antworten nur minimal und kürzen allenfalls, bearbeiten sie aber nicht weiter.

Wird die Pandemie die Kulturbranche längerfristig verändern – und sehen Sie darin auch etwas Positives?

Hedinger: Ja, ich hoffe auf weniger sinnlose Reisen und Transporte.

Gossolt: Genau dieser Frage, mit der Ergänzung, ob eine solche Frage überhaupt legitim sei, sind Gilgi Guggenheim, Adrian Krüsi, Daniele und Ben Lupini und ich im Buch «Plötzlich diese Leere» nachgegangen. Ich erachte dieses Buch bereits als etwas Positives.

Im Sommer 2019 war das «Bloch» von Com&Com in der chilenischen Atacama-Wüste unterwegs.

Im Sommer 2019 war das «Bloch» von Com&Com in der chilenischen Atacama-Wüste unterwegs.

Bild: Thomas Rickenman

Vervollständigen Sie den folgenden Satz: «Wenn ich nicht Künstler geworden wäre, wäre ich heute …»

Hedinger: Ich weiss es nicht. Als Kind hätte ich wohl Astronaut gesagt. Danach war lange Architekt mein Berufswunsch, bis ich etwa 20 Jahre alt war.

Gossolt: …genauso aufgeschmissen bei der Aufgabe, eine Berufsbezeichnung in ein Formular zu schreiben.

Mit wem würden Sie gerne einmal zusammenarbeiten und warum?

Hedinger: Ich hätte gerne einmal mit dem deutschen Regisseur, Autor und Aktionskünstler Christoph Schlingensief zusammengearbeitet, der aber leider 2010 verstorben ist: Er legte immer den Finger auf die Wunde.

Gossolt: Ich würde extrem gerne mal mit einer Schweizer Uhrenmanufaktur zusammenarbeiten. Das ist mein absolut grösster Wunsch.

Worauf freuen Sie sich?

Hedinger: Auf die längeren Tage und auf den Kunstsommer 2022.

Gossolt: Auf den Moment, wenn eine Uhrenmanufaktur auf mich zukommt.

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