Freipass #29
«Ich hoffe, dass der Spuk bald einmal vorbei ist»: Die Künstlerin Mirjam Kradolfer im Fragebogen

Jede Woche spielen wir Ostschweizer Kulturschaffenden den Ball zu und fragen: Was lernen Sie gerade neu? Worauf freuen Sie sich? Heute mit der St.Galler Künstlerin Mirjam Kradolfer. Sie hat für sich gerade eine irische Handschrift aus dem 9. Jahrhundert entdeckt und wurde in den letzten Monaten von ihrem kleinen Neffen ziemlich auf Trab gehalten.

Christina Genova
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Die St.Galler Künstlerin Mirjam Kradolfer.

Die St.Galler Künstlerin Mirjam Kradolfer.

Bild: PD

Als Kind wollte Mirjam Kradolfer Clownin werden. Zwar studierte die 42-Jährige dann doch bildende Kunst an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Luzern. Doch spielen schauspielerische und tänzerische Ansätze in ihrer künstlerischen Arbeit eine wichtige Rolle, etwa bei der Performance «Whiteout», die Kradolfer 2020 im Rahmen der Gruppenausstellung im Geilen Block, einer künstlerischen Zwischennutzung im ZiK-Areal in Arbon, zeigte. Dabei schlägt vor einem weissen Hintergrund eine durch einen weissen Ganzkörperdress verfremdete Person unermüdlich Purzelbaum, ohne von der Stelle zu kommen.

Von 2012 bis 2021 engagierte sich Mirjam Kradolfer als Vorstandsmitglied bei der Visarte Ost, dem Berufsverband für visuelle Kunst. 2020 machte die Künstlerin ein Praktikum im Museum im Lagerhaus in St.Gallen und entwickelte dabei mit ihrem Kollegen Ahmad Al Rayyan drei fantasievolle und verspielte Erklärvideos zu Outsider Art, Naive Kunst und Art Brut – Kunst, die im Museum im Lagerhaus gesammelt und ausgestellt wird.

Was lernen Sie gerade neu?

Zeichnung «Vorschau (Hiltibold)».

Zeichnung «Vorschau (Hiltibold)».

Bild: Mirjam Kradolfer

Im Moment bereite ich eine Arbeit vor, welche ich ab dem 17. Februar im Kunstschaufenster Hiltibold in St.Gallen präsentieren werde. Da schlage ich mich mit Materialien herum, mit welchen ich noch nicht viel Erfahrung habe – zum Beispiel mit Gips. Bei der Umsetzung von Ideen werde ich immer wieder mit neuen Techniken oder dem Umgang mit für mich neuen Materialien konfrontiert. So lerne ich immer wieder etwas Neues dazu. Und sonst versuche ich schon seit langem, zu lernen, die Dinge zu akzeptieren, wie sie sind. Und nicht zu sehr in Selbstzweifeln zu versinken.

Welches Buch/Film/welche Künstlerin etc… haben Sie zuletzt für sich entdeckt?

Ich arbeite nebenbei als Aufsicht in der Stiftsbibliothek St.Gallen und da ist aktuell ein Blatt aus einer liturgischen Handschrift aus dem 9. Jahrhundert ausgestellt, möglicherweise aus einem Psalter. Es ist sehr faszinierend, ich muss es immer wieder anschauen und bestaunen; die verschlungenen Muster sind sehr präzise gezeichnet, die «Typografie» ist wunderschön, die Farben stimmig – alles in allem ein Meisterwerk!

Mirjam Kradolfer.

Mirjam Kradolfer.

Bild: PD

Was hat Sie in den letzten Monaten am meisten beschäftigt?

Mein beruflicher Werdegang und daran hängend die finanzielle Situation. Mein kleiner Neffe, der uns alle schön auf Trab hält. Viele Ideen, die meisten unausgegoren und weiterschlummernd. Und natürlich auch immer wieder diese Virenkrise.

Ein Freipass für Ostschweizer Kulturschaffende

Jeden Dienstag erscheint unser Fragebogen, den wir sportlich «Freipass» nennen. Woche für Woche spielen wir Ostschweizer Kulturschaffenden den Ball zu und sind gespannt, welche Antworten sie uns geben. Den «Freipass» nehmen wir dabei wörtlich: Wir redigieren die Antworten nur minimal und kürzen allenfalls, bearbeiten sie aber nicht weiter.

Vervollständigen Sie den Satz: «Wenn ich nicht Künstlerin geworden wäre, wäre ich heute ...»

Ehrlich gesagt, keine Ahnung. Ich habe noch nie wirklich einen Lebensplan gehabt. Und habe darum auch keinen Plan B.

Wird die Pandemie die Kulturbranche längerfristig verändern – und sehen Sie darin auch etwas Positives?

Verändert hat sie sie ja bereits; die vielen Einschränkungen, die Schliessungen, der damit verbundene Wahnsinn mit der Planung und dem ständigen Verschieben oder Absagen von Auftritten, Ausstellungen etc... Ich hoffe einfach, dass der Spuk bald einmal vorbei ist und es wieder für alle möglich ist, spontan und bedenkenlos Konzerte und Veranstaltungen zu besuchen. Denn Livestreams sind einfach nicht dasselbe wie das Liveerlebnis! Etwas Positives daran? – Vielleicht, dass ich und viele andere Menschen durch die Lockdowns und Schliessungen herausgefunden haben, dass Konzerte, Ausstellungen oder Theaterbesuche etwas Existenzielles sind, eine Notwendigkeit, und nicht nur eine nette Zugabe.

Mirjam Kradolfers letzte Videoarbeit« Whiteout» (Musikproduktion: Marc Jenny).

Video: Youtube

Mit wem würden Sie gerne einmal zusammenarbeiten und warum?

Es gibt so viele tolle Künstlerinnen und Künstler, mit welchen ich mir eine Zusammenarbeit vorstellen kann. Konkret verfolge ich momentan aber keine bestimmten Pläne.

Zeichnung «Vorfreude (Geiler Block)».

Zeichnung «Vorfreude (Geiler Block)».

Bild: Mirjam Kradolfer

Worauf freuen Sie sich?

Auf die kommenden zwei Ausstellungen, an denen ich mitwirke. Auf ein paar sonnige schneereiche Wintertage. Und danach auf den Frühling.

Vom 17. bis 20. März 2022 wird Mirjam Kradolfer als eine von 43 Kunstschaffenden aus der ganzen Ostschweiz am 5. Geilen Block in der ehemaligen Fahnenfabrik Stadelmann in St.Gallen teilnehmen.