Freipass #28
«Ohne das Kulturbewusstsein bricht die Gesellschaft zusammen»: Der Jazzmusiker Urs C. Eigenmann im Fragebogen

Jede Woche spielen wir Ostschweizer Kulturschaffenden den Ball zu und fragen: Was lernen Sie gerade neu? Worauf freuen Sie sich? Heute mit dem St.Galler Jazzmusiker Urs C. Eigenmann. Er ist mit der Kulturberichterstattung unzufrieden und wünscht sich strengere Coronamassnahmen.

Claudio Weder
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Eine Ostschweizer Jazzlegende: Urs C. Eigenmann.

Eine Ostschweizer Jazzlegende: Urs C. Eigenmann.

Bild: PD

Urs C. Eigenmann prägte die Ostschweizer Jazzszene wie kein anderer – als Pianist, Komponist, Bandleader, Vereinsgründer oder Initiator von Festivals und Konzertreihen. Umtriebig ist das Schweizer Jazz-Urgestein auch heute noch: Eigenmann spielt in mehreren Formationen, unter anderem ist er Teil des Quartetts Drive On und der Band Passona, mit welcher er im Herbst 2021 das Album «Soul Blues & Heart» veröffentlicht hat.

Auch Eigenmanns legendäre Gruppe off&out, die vor 55 Jahren gegründet wurde, besteht noch immer, allerdings hat sich die Besetzung über die Jahre hinweg geändert. Mit off&out plant Eigenmann anlässlich seines 75. Geburtstages in diesem Jahr ein Jubiläumsprojekt mit mehreren Auftritten.

Urs C. Eigenmann mit dem Quint Orchestra.

Video: Youtube

Was lernen Sie gerade neu?

Im Moment nichts.

Was haben Sie zuletzt für sich entdeckt?

Ich entdeckte die Situation mit der Presse, die seit langem nicht mehr in der Lage ist, einen Grossteil der regionalen Ostschweizer Kultur zu behandeln und zu veröffentlichen. Uns Ostschweizer interessiert doch vor allem, was hier und nicht nur was in New York oder Paris geschieht. Das ist leider eine sehr traurige Entdeckung und gesellschaftspolitisch problematisch. Ich hoffe, dass hier die Situation verbessert werden kann. Wie wollen wir denn über kulturelle Anliegen abstimmen, wenn es diese öffentlich nicht mehr gibt, weil man ihr den doch so wichtigen Stellenwert nicht zugesteht?

Wir sind daran, eine Interessensgruppe zu bilden, die sich Ende Februar zu diesem Thema das erste Mal trifft. 20 Institutionen und Kulturschaffende haben sich bereits dafür angemeldet. Ein Missstand auch bei den Behörden. «Kultur» findet man meistens unter «Sport und Freizeit». Kultur ist für uns Kulturschaffende keine Freizeitbeschäftigung. Das sind hochqualifizierte Berufsleute, die ihren anspruchsvollen Job ausführen. Und ohne das Kulturbewusstsein in der Bevölkerung bricht die Gesellschaft zusammen, siehe die Griechen, Römer und die Kriege allgemein.

Ein Freipass für Ostschweizer Kulturschaffende

Jeden Dienstag erscheint unser Fragebogen, den wir sportlich «Freipass» nennen. Woche für Woche spielen wir Ostschweizer Kulturschaffenden den Ball zu und sind gespannt, welche Antworten sie uns geben. Den «Freipass» nehmen wir dabei wörtlich: Wir redigieren die Antworten nur minimal und kürzen allenfalls, bearbeiten sie aber nicht weiter.

Was hat Sie in den letzten Monaten am meisten beschäftigt?

Das Unverständnis rücksichtsloser und meist sehr gehässiger Menschen, die den Viruseffekt nicht einsehen wollen. Wenn von zehn Schwerstfällen in den Spitälern neun ungeimpft sind, dann spricht doch das von klaren Tatsachen. Die Viren haben nichts mit gesunder Lebensweise zu tun. Und dank dieser Situation ist unter anderem auch das kulturelle Leben schwerstens betroffen, weil die Unvernunft einfach eine Verbesserung verhindert. Ich stehe hier für strengere Massnahmen ein und danke allen, die sich – wenn auch nicht freudig – impfen lassen, für ein unkomplizierteres Zusammenleben.

Die Band Passona: Andy Leumann, Marc Ray Oxendine, Urs C. Eigenmann, Leandra Wiesli, Alex Steiner, Markus Bittmann.

Die Band Passona: Andy Leumann, Marc Ray Oxendine, Urs C. Eigenmann, Leandra Wiesli, Alex Steiner, Markus Bittmann.

Bild: PD

Vervollständigen Sie bitte den folgenden Satz: «Wenn ich nicht Musiker geworden wäre, wäre ich heute …»

… Gastronom. Dann hätte ich meine eigene Stammbeiz (die liebe ich so sehr, seit ich jung bin…) und mein eigenes Veranstaltungslokal mit eigenem Management.

Wird die Pandemie die Kulturbranche längerfristig verändern – und sehen Sie darin auch etwas Positives?

Die Pandemie hat schon längerfristig alles verändert und das einzig Positive kann nur sein, dass sie aufhört. Dass geimpft wird, nicht nur freiwillig bei Afrikareisen und dergleichen, bei denen die Menschen sich mehrere Impfungen problemlos gleichzeitig reinschiessen lassen, ohne grosses Geschrei. Das Positive? Das sind die noch möglichen Auftritte, bei denen so viele kulturhungrige Menschen die Darbietungen richtiggehend, wie ein Schwamm, in sich aufsaugen und inhalieren.

Mit wem würden Sie gerne einmal zusammenarbeiten und warum?

Da gibt es ganz viele – wahnsinnig viele Menschen. Ob ich bei allen das Format dazu hätte, ist die andere Frage. Ich durfte aber seit vielen Jahren mit grossartigen Leuten aus der Schweiz und dem nahen Ausland zusammenarbeiten, mit wunderbaren Projekten. Ich erinnere mich gerne an die 70er-Jahre, als ich «Jazz in Bern» präsidierte und ich während einer Woche allabendlich mit dem leider kürzlich verstorbenen, grossartigen Musiker und Pianisten Chick Corea auf dessen Wunsch im Hotel Nova Park in Zürich zusammen war. Das war ein wunderbares Erlebnis.

Worauf freuen Sie sich?

Ich freue mich auf das erste Grossvatersein, die Realisierung meiner anstehenden Projekte, den neuen Kulturverein «Wartsab», die vielen, wunderbaren Freundschaften und auf die hoffentlich vielen schönen Erlebnisse mit meiner Frau Cornelia.

Urs C. Eigenmann spielt am Mittwoch, 23. Februar, 20 Uhr, mit Passona im «1733» an der Goliathgasse St.Gallen ein Konzert. Mehr Infos unter: wartsab-st.gallen.ch

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