FREIPASS #20
«Ich wurde zu meinem eigenen Coach»: Die Künstlerin Rahel Flückiger im Fragebogen

Jede Woche spielen wir Ostschweizer Kulturschaffenden den Ball zu und fragen: Was lernen Sie gerade neu? Worauf freuen Sie sich? Heute mit der Künstlerin Rahel Flückiger aus St.Gallen. Sie hat gerade ihren ersten Kurzfilm gedreht und stellt ihn in der Galerie vor der Klostermauer aus.

Christina Genova
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Rahel Flückiger ist Künstlerin und Kulturvermittlerin.

Rahel Flückiger ist Künstlerin und Kulturvermittlerin.

Bild: Arthur Gamsa

Rahel Flückiger ist bildende Künstlerin und arbeitet als Kunstvermittlerin im Museum im Lagerhaus. Die 43-Jährige ist in Herisau aufgewachsen und lebt heute in St.Gallen. Seit 2018 betreibt sie mit zwei Kolleginnen in einer ausgedienten Telefonkabine bei der St.Leonardbrücke den Miniausstellungsraum «Kabinenwechsel». Bisher kombinierte Flückiger in ihrer künstlerischen Arbeit Bilder oder Fotocollagen mit dreidimensionalen Figuren zu Halbreliefs.

Im vergangen Jahr hat die Künstlerin nun zum ersten Mal einen Kurzfilm gedreht. Er spielt in einem um 1900 erbauten Hotel, wo die Zeit stehen geblieben scheint. In «Hôtel la pleine conscience» tritt sie selbst als Madame Dupont auf, die auf der Suche nach Ruhe ist und dem Alltag entfliehen will. Am Ende feiert sie ein Fest mit ihr völlig unbekannten Menschen. Der Film ist noch bis am 14. November in der Galerie vor der Klostermauer in St.Gallen zu sehen. Die Galerieräumlichkeiten hat Rahel Flückiger mit Requisiten aus dem Film in ein kleines Hotel verwandelt. Ausserdem sind Filmstills und inszenierte Fotografien zu sehen.

Was lernen Sie gerade neu?

Mit meinem ersten Kurzfilm habe ich gerade ein Mammutprojekt abgeschlossen. Dabei kam immer mal wieder die Frage auf: «Wofür mache ich das eigentlich?» Dennoch habe ich gelernt mich zu motivieren. Immer wenn es besonders harzig war, versuchte ich mir einzureden: «Du schaffsch da. Du hesch da wölle mache, jetzt ziehs durä.» Ich wurde teils zu meinem eigenen Coach. Nun versuche ich, mich auch im Alltag selber zu coachen. Es gelingt mir mal mehr, mal weniger. Aber die Vorstellung mindestens jemanden in der Nähe zu haben, der einen motiviert, tut gut.

Die geheimnisvolle Madame Dupont kommt im Hotel an. Filmstill aus «Hôtel la pleine conscience».

Die geheimnisvolle Madame Dupont kommt im Hotel an. Filmstill aus «Hôtel la pleine conscience».

Bild: Rahel Flückiger

Welches Kunstwerk haben Sie zuletzt für sich entdeckt?

Ein Buch von Peter Stamm: «An einem Tag wie diesem». Lange Zeit habe ich kein Buch mehr zu Ende gelesen. Ich mag es nicht, wenn eine Geschichte zu Ende ist. Dann ist sie fertig, und es ist mir nicht mehr möglich, in ihr zu schwelgen. Diesmal war es anders. Dieses Buch habe ich in drei Tagen fertig gelesen. Obschon ich das Eintauchen in die Erzählung sehr genossen habe, ist am Schluss die Ernüchterung gekommen. Was schon fertig? Wars das jetzt? Ich darf gar nicht an den Schluss denken.

Ein Freipass für Ostschweizer Kulturschaffende

Es ist Zeit für einen vorsichtig optimistischen Blick in die Zukunft. Deshalb erscheint jeden Freitag unser Fragebogen, den wir sportlich «Freipass» nennen. Jede Woche spielen wir einer oder einem Ostschweizer Kulturschaffenden den Ball zu und sind gespannt, welche Antworten sie uns geben. Den «Freipass» nehmen wir dabei wörtlich: Wir redigieren die Antworten nur minimal und kürzen allenfalls, bearbeiten sie aber nicht weiter.

Was hat Sie in den letzten Monaten am meisten beschäftigt?

Im Dezember 2020 habe ich mich dazu entschlossen, meinen lang gehegten Wunsch, einen ersten Kunstfilm zu drehen, in die Tat umzusetzen. Ich war bis Oktober 2021 mit diesem Projekt beschäftigt und davon absorbiert. Ich konnte an fast nichts anderes mehr denken und habe von der Aussenwelt wenig mitbekommen. Das war manchmal auch ein Glück. Nach vielen Höhen- und Tiefflügen war es geschafft. Es ist ein 13-minütiger Kunstkurzfilm namens «Hôtel la pleine conscience» entstanden. Dieser Film ist nun in meine Ausstellung in der Galerie vor der Klostermauer integriert.

Der Schatten von Madame Dupont bei der Reception. Filmstill aus «Hôtel la pleine conscience».

Der Schatten von Madame Dupont bei der Reception. Filmstill aus «Hôtel la pleine conscience».

Bild: Rahel Flückiger

Vervollständigen Sie den Satz: “Wenn ich nicht Künstlerin geworden wäre, wäre ich heute...

Abendvelokurierin, Halbtagesphilosophin, Temporärdesignerin, Dauerstudentin und Teilnehmerin einer Forschergruppe des Unterbewusstseins und der Traumanalyse.

Wird die Pandemie die Kunstbranche längerfristig verändern - und sehen Sie darin auch etwas Positives?

Die Veränderungen durch die Pandemie sind bereits am Laufen und teilweise stark durch diese gesteuert. Deswegen bewundere ich die unermüdlichen, motivierten Idealistinnen und Idealisten, welche trotzdem dranbleiben, umso mehr. Sei es in der Produktion oder als Kulturveranstalterinnen und -veranstalter.

Das Filmset von «Hôtel la pleine conscience».

Das Filmset von «Hôtel la pleine conscience».

Bild: Rahel Flückiger

Mit wem würden Sie gerne einmal zusammenarbeiten und warum?

Ich arbeite am liebsten mit Menschen zusammen, welche die oben erwähnten Eigenschaften besitzen. Dann ist so vieles möglich.

Worauf freuen Sie sich?

Jetzt freue ich mich erst einmal auf den Abschluss der Ausstellung und auf das Résumé des Publikums. Weiterhin freue mich darauf, in etwa einem halben Jahr an einem weiteren Film zu arbeiten und von meinen Erfahrungen zu profitieren. Aber erst einmal muss ich etwas Geld verdienen und mich der Realität stellen.

Letzte Möglichkeiten, die Ausstellung «Hôtel la pleine conscience» in der Galerie vor der Klostermauer zu sehen: Fr, 12.11., 18 bis 20 Uhr; Sa, 13.11., 11 bis 15 Uhr. Die Finissage findet am Sonntag, 14. November, von 11 bis 13 Uhr statt; es gibt eine kleine Überraschung.

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