FILMPREMIERE
Ein neuer Film der Kreuzlinger Performerin Micha Stuhlmann: «Der Tod intensiviert das Leben»

Micha Stuhlmann lässt neun Menschen über den Tod reden: Ihr Film «Tod. Sein», mit Raphael Zürcher an der Kamera, ist nicht nur schwere Kost. Er ist intensiv, aber auch bunt und bisweilen von schwebender Leichtigkeit. Am Donnerstag hat der Film im Kult-X Kreuzlingen Premiere.

Martin Preisser
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Die Performerin Micha Stuhlmann denkt über den Tod auch mit Leichtigkeit nach.

Die Performerin Micha Stuhlmann denkt über den Tod auch mit Leichtigkeit nach.

Bild: Donato Caspari

Nach dem Abklingen der dritten Coronawelle einen Film über den Tod anschauen? Ja, unbedingt! Der Film «Tod. Sein» der Kreuzlinger Performerin Micha Stuhlmann ist intensiv, geht an die Grenzen, ist aber auch bunt, lebendig, lebensbejahend. Er will die Vergänglichkeit feiern und zur Reflexion anregen. Mit Erfolg und kurzweilig.

Corona hat die Anonymität des Todes noch weiter verstärkt, er ist noch tabuisierter als immer schon in unseren Breiten. Das Distancing hat sich auch auf den Umgang mit dem Sterben ausgewirkt. Sehr viele sind sehr alleine gestorben in dieser Zeit. Micha Stuhlmann sagt: «Das Nachdenken über den Tod provoziert die Intensität des Lebens.» In ihrem Kreuzlinger «Laboratorium für Artenschutz» arbeitet sie seit langem mit Laien, die in ihren Performances auftreten und dabei oft über sich selbst hinauswachsen.

Organspende und Suizidpraktiken

Regie in einem Film zu führen, ist für Micha Stuhlmann eine neue Erfahrung. «Der Film denkt, anders als ein Theaterabend, in Schnitten. Daran musste ich mich erst gewöhnen.» Neun Laiendarstellerinnen und Laiendarsteller reden in «Tod. Sein» über das Sterben, ihre Ängste, ihre Gewissheiten, ihre Wünsche und Zweifel. Themen wie Organspende und Suizidpraktiken kommen genauso zur Sprache wie die Vorstellungen, wie denn der Tod tatsächlich dann sei, wenn er anklopft.

Micha Stuhlmanns Film (mit Raphael Zürcher an der Kamera) wirkt nicht düster oder schwer, sondern in vielen Passagen durchaus leicht und schwebend. Überhaupt nicht morbide, aber enttabuisierend und an die Grenzen gehend. Für Micha Stuhlmann, die als Performerin vom Tanz kommt, sind der Körper und seine Sprache der Ausgangspunkt für ihrer Arbeit.

«Ich muss mit meinen Darstellern im Prozess eine gemeinsame Sprache entwickeln».

Auf jedem Teller liegt ein anderes Tierorgan

Ihre Schauspieler haben bereits seit 2018 die Tischgespräche über Tod und Sterben entwickelt. Stuhlmann platziert sie in einer Choreografie, die an das Bild des letzten Abendmahls Jesu erinnert. Es wird getrunken, die Themen entwickeln sich scheinbar zwanglos. Makaber wird es, wenn das gebratene Hähnchen zerlegt wird.

«Wo ist jetzt sein Geist», fragt jemand. Micha Stuhlmann hat überhaupt Lust am sezieren, nicht nur das Thema Tod, sondern auch andere Innereien. In einer weiteren Szene liegt auf jedem Teller ein anderes Tierorgan. Ihre Crew redet offen und ehrlich und aus innerer Überzeugung heraus, aber auch mit allem Nichtwissen über diesen Übergang vom Leben in eine vielleicht andere Daseinsform.

Unter Micha Stuhlmanns Requisiten findet sich auch ein Schweinedarm.

Unter Micha Stuhlmanns Requisiten findet sich auch ein Schweinedarm.

Bild: Donato Caspari

Micha Stuhlmann sagt, sie strebe an, in ihrer Arbeit immer an Grenzen zu gehen, sei gerne an ihnen unterwegs. Das Thema Tod beschäftigt sie schon seit ihrer Kindheit. Da hat sie Beerdigungsszenen nachgespielt. Während der Arbeit an ihrem Film sind beide Eltern gestorben. Micha Stuhlmann kennt sich aus mit den Fragen rund um den Tod, denkt über das Sterbefasten bei ihrem eigenen Tod nach, spricht aber auch von der «Poesie der Sterblichkeit» und will mit ihrem Film beim Betrachter eine Selbstreflexion anregen, ihn an die Hand nehmen, ihn wegführen von der weit verbreiteten, verdrängenden Vorstellung des Todes als «Zwischenfall» oder «missglückter Umstand».

Trailer einer früheren Produktion von Micha Stuhlmann.

Quelle: Youtube

Totentanz mit Hasenmaske

«Nahfilm-Erfahrung» steht im Untertitel von «Tod. Sein». Tod und Sein sind hier eng miteinander verknüpft. Micha Stuhlmann tritt selbst als Figur auf, die mit einer Metastimme das Sterben fast wie in einem Meditationstext beleuchtet. Mit Hasenmaske und mit den Protagonisten auch den Totentanz tanzend.

Beeindruckend sind die Stärke und die Energie, mit der hier die Laiendarstellerinnen und -darsteller über sich hinauswachsen. Etwa Gerda Löw aus Romanshorn, die mitten im aktiven Leben vor vielen Jahren einen Hirnschlag erlitt und sich ins Leben zurückgekämpft hat. Sie hat Angst, beim Sterben einsam zu sein, will jetzt aber ihrem «zweiten Leben Sorge tragen».

Bei dem Film, in dem sich eine Protagonistin auch mutig nackt in ihr eigenes Grab legt, soll es nicht bleiben. Micha Stuhlmann will die Sterbekultur, unseren Umgang mit den Tod, weiter erforschen. «Ausgrabungen» heisst ihr nächstes Projekt, das Menschen in der Region nach ihren Vorstellungen vom Tod befragen möchte. Eine Zusammenarbeit mit dem Hospiz-Verein Konstanz ist bereits angedacht. Die Stadt Kreuzlingen hat indes abgewunken. Sie ist an dem Projekt von Micha Stuhlmann nicht interessiert. Es ist ihr ein zu heisses Eisen.

Premiere: Do, 13. 5., 11 + 19 Uhr, Kult-X, Kreuzlingen (dann: 25 bis 30. 5., «Hallo, Tod»–Festival, Zürich); Anmeldung für Premiere/Home-Version: www.kult-x.ch; www.todsein.com

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