Film
«Es war schon etwas surreal, am Sänger der Toten Hosen herumzuschrauben»: Der Buchser Ennio Ruschetti ist Experte für filmische Reparaturen und andere Spezialeffekte

Wenn er seine Arbeit gut macht, merkt der Zuschauer nichts davon. Der Buchser Ennio Ruschetti macht am Bildschirm filmische Retouchen. Er lässt bei Bedarf Blut spritzen, Schnee fallen und Strassenschilder kappen. Er war zum Beispiel an den Schweizer Serien «Wilder» und «Frieden» beteiligt und er hat auch schon die Toten Hosen aufgefrischt.

Roger Berhalter
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Der Filmemacher und Animationskünstler Ennio Ruschetti aus Buchs.

Der Filmemacher und Animationskünstler Ennio Ruschetti aus Buchs.

Bild: PD

Einmal hat er in seinem Job wochenlang in das Gesicht von Campino geblickt. Nicht in echt, sondern am Bildschirm. «Es war schon ein wenig surreal, am Sänger der Toten Hosen herumzuschrauben», erinnert sich Ennio Ruschetti an den Auftrag für einen bekannten Videoclip-Regisseur.

Ruschetti ist Experte für virtuelle Effekte, Animation und eben Color-Grading. So heisst der Arbeitsschritt, wenn in einem fertiggedrehten Film die Farben aufeinander abgestimmt werden. Campinos Gesichtsfarbe ist zu rötlich? Ruschetti passt sie mit ein paar Klicks an. Das T-Shirt des Sängers soll blau statt grün sein? Ebenfalls kein Problem.

Auf diese Weise haben Ruschetti und seine Kollegen vom Studio Das alte Lager den Videoclip zum Tote-Hosen-Song «Laune der Natur» bearbeitet.

Schon in der Primarschule zeichnete Ruschetti seine ersten Animationen. Er sah bei einem Freund, wie dieser ein Daumenkino in ein Buch gekritzelt hatte. «Das war ein Aha-Moment für mich», sagt der 26-Jährige:

«Von da an habe ich in jedes Schulheft und in jeden Schreibblock Strichmännli-Animationen gezeichnet.»

Später wechselte der gebürtige Tessiner an den Computer, wo er Fotos von Legomännchen zu Stop-Motion-Filmen zusammenfügte. Nach dem Gymnasium im bündnerischen Schiers entschloss er sich, das Hobby zum Beruf zu machen, und begann ein Filmstudium an der Zürcher Hochschule der Künste. Mit dem Kurzfilm «Hand in Hand», seinem Bachelor-Abschlussprojekt, hat Ruschetti im vergangenen November den Ostschweizer Kurzfilmwettbewerb gewonnen.

Heute verdient Ruschetti sein Geld in der Film- und Fernsehbranche. Seine Strichmännli-Daumenkinos und Legofilmchen wurden längst durch professionelle Animationen und Effekte abgelöst. In Zürich betreibt der 26-Jährige zusammen mit Robin Disch und Valentin Huber das Studio Das alte Lager.

Die Lawine in der Serie «Wilder» ist von ihnen: Valentin Huber, Robin Disch und Ennio Ruschetti (von links) vom Studio Das alte Lager.

Die Lawine in der Serie «Wilder» ist von ihnen: Valentin Huber, Robin Disch und Ennio Ruschetti (von links) vom Studio Das alte Lager.

Bild: PD

Eine Lawine für «Wilder»

Die Ergebnisse seiner Arbeit sind jedem aus dem Schweizer Fernsehen bekannt. So konnte er zum Beispiel für die SRF-Serie «Wilder» arbeiten. «Das war unser erster grosser Auftrag», sagt Ruschetti.

Sein Studio hat die Lawine animiert, die in der Serie eine wichtige Rolle spielt. Und die drei jungen Filmemacher haben für «Wilder» künstlichen Schnee fallen lassen. Weil die Hänge am Drehort stellenweise schon braun waren, weil der Schnee früh geschmolzen war, musste Ruschetti sie am Bildschirm wieder mit Schnee bedecken.

Mehr Blut, mehr Rauch, weniger Schilder

Solche Arbeiten sind typisch für ihn. Selten geht es um bombastische Special Effects, die jedem ins Auge fallen. Im Gegenteil: Wenn Ruschetti seine Arbeit gut macht, merkt der Zuschauer nichts. Nach Beispielen befragt, sagt er trocken:

«Wir kommen zum Beispiel dann ins Spiel, wenn es mehr Blut braucht.»

Aus wenig Blut kann Ruschetti am Bildschirm ganze Blutlachen machen, was bei den jüngsten Zürcher «Tatort»-Folgen gefragt war. Er kann bei Bedarf auch Häuser ins Bild kopieren, die in Wirklichkeit nicht dort stehen. Er kann ein Mikrofon wegretuschieren, das aus Versehen ins Bild ragt.

Er kann Rauch aus einem Kamin aufsteigen lassen. Oder er kann moderne Strassenschilder entfernen aus einer Szene, die in den 1940er-Jahren spielt – so geschehen bei der Arbeit für die aktuelle Serie «Frieden» des Schweizer Fernsehens.

Videoclips für Panda Lux

Doch erledigt der Buchser nicht nur solche filmischen «Reparaturaufträge». Wenn immer möglich, verfolgt Ruschetti auch eigene Projekte, wo er grössere Freiräume hat. So wie die zwei Videoclips, die er für die befreundete Rorschacher Band Panda Lux gedreht und produziert hat.

Jener zum Song «Karambolage» wurde am Ostschweizer Kurzfilmwettbewerb 2020 als bester Musikclip ausgezeichnet:

Von Corona blieb Ennio Ruschetti in seiner Arbeit verschont. Die Pandemie hatte für ihn sogar positive Effekte. «Wir hatten fast noch mehr Arbeit als sonst.» Das ist erstaunlich, schliesslich wurden wegen Corona viele Dreharbeiten und Filmstarts verschoben.

Doch Ruschetti kann am Bildschirm eben vieles möglich machen, was während einer Pandemie unmöglich scheint. Etwa Massenszenen mit 100 Statisten: Statt tatsächlich so viele Personen zu versammeln, fügt Ruschetti einfach kleinere Gruppen zu einer Menschenmenge zusammen.

Kinofilm mit Kinderbuchfigur

Nach aktuellen Projekten befragt, wird der Buchser gleichzeitig redselig und schweigsam. Zu erzählen gäbe es vieles, doch darf er über seine neusten Fernseh- und Filmprojekte kaum etwas verraten, dazu hat er sich vertraglich verpflichtet. Nur so viel: Er arbeite an einem Kinofilm mit einer bekannten Kinderbuchfigur:

«Ein sehr grosses Projekt. Hoffentlich wird der Film bald gedreht.»