Festivalsommer
«Die Würfel sind gefallen»: Corona zwingt das Kulturfestival St.Gallen 2021 zum Aus

Der Ostschweizer Sommer ist um ein weiteres Festival ärmer. Das Organisationsteam der Open-Air-Veranstaltung kapituliert nach einem Jahr Planungsunsicherheit.

Viola Priss
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So fröhlich wird es diesen Sommer nicht im Innenhof des Historischen und Völkerkundemuseums. 2020 fand das Kulturfestival St.Gallen in abgeänderter Variante trotz Einschränkungen noch statt.

So fröhlich wird es diesen Sommer nicht im Innenhof des Historischen und Völkerkundemuseums. 2020 fand das Kulturfestival St.Gallen in abgeänderter Variante trotz Einschränkungen noch statt.

Bild: Kulturfestival St.Gallen

Bis zuletzt hatten sie gehofft, geplant und gekämpft. Nun aber ist es offiziell: Das Kulturfestival St.Gallen findet 2021 nicht statt. Die Festivalleitung der Konzert-und Kulturreihe gab sich bis zuletzt optimistisch. Das Kulturfestival hätte vom 30. Juni bis 24. Juli stattfinden sollen. Die schmerzhafte Entscheidung, wie der Veranstalter Lukas Hofstetter es nennt, fiel am vergangenen Wochenende. Als nach der letzten Pressekonferenz des Bundesrats vom 26. Mai zu viele Fragen offenblieben, schwand die Zuversicht, das Festival durchführen zu können, täglich, fast stündlich. Für Veranstaltungen im Freien, etwa für Open Airs, gilt demnach ab Juli: maximal 3000 Personen, bei halber Kapazität und mit Maske, Essen und Trinken ist nur im Sitzen erlaubt, ausserdem besteht weiterhin Tanzverbot. Er sagt:

«Wir waren unendlich traurig.»
Lukas Hofstetter, einer der Organisatoren des Kulturfestivals St.Gallen.

Lukas Hofstetter, einer der Organisatoren des Kulturfestivals St.Gallen.

Bild: Arthur Gamsa

Doch ein halbvolles Open Air mit Tanzverbot widerspräche der Grundidee eines Open-Air-Festivals mit Livemusik. Seit dem letzten Kulturfestival, das als Lightvariante im Coronasommer 2020 stattgefunden hatte, waren die Veranstalter hin- und hergerissen zwischen Planungsmut einerseits und logistischer Machbarkeit andererseits. Den Unterschied zum letzten Jahr erklärt Hofstetter folgendermassen: «Immerhin hatten wir damals ein Minimum an Planungszeit, wussten im Mai, woran wir sind, was geht und was nicht, und konnten dementsprechend umdisponieren.» Dieses Jahr aber sei ein Abwarten bis zum 23. Juni, an dem der Bundesrat möglicherweise die erforderlichen Lockerungen bekanntgäbe, schlichtweg zu spät.

Die Bands, die Technik, die Security: Sie können nicht länger hingehalten werden

2020 herrschte am Kulturfestival ausgelassene Feierstimmung.

2020 herrschte am Kulturfestival ausgelassene Feierstimmung.

Bild: Michel Canonica

Im Gegensatz zu 2020 wäre es nicht an den ausländischen Gästen gescheitert, die wären alle angereist. Sie hätten sich schon seit den abgesagten Auftritten des letzten Festivalsommers auf die Auftritte gefreut, sagt Hofstetter. Auch geimpft, genesen oder allenfalls getestet zu spielen, wäre bei keinem der Auftretenden ein Problem gewesen. Umso bitterer die Fakten, die dennoch zur Absage zwangen. Doch ein halbvolles Open Air, an welchem man still stehen müsse, widerspräche der Grundidee eines Open-Air-Festivals mit Livemusik. Ausserdem sei es schlicht nicht möglich, das ganze Personal – die Security, die Helferinnen und Helfer, die Ton- und Lichttechnik – auf Stand-by zu halten, sagt Hofstetter.

«Die Leute brauchen jetzt eine Ansage und nun sind die Würfel auch bei uns gefallen.»
Das Kulturfestival am Samstag, 27. Juni 2020, in St.Gallen. Zwar bereits in abgespeckter Version, dafür aber mit Getränken, Tanz und ganz viel Nähe. 2021 wäre das nach heutigem Stand nicht möglich.

Das Kulturfestival am Samstag, 27. Juni 2020, in St.Gallen. Zwar bereits in abgespeckter Version, dafür aber mit Getränken, Tanz und ganz viel Nähe. 2021 wäre das nach heutigem Stand nicht möglich.

Bild: Benjamin Manser

Auf die Frage, weshalb andere Open Airs diesen Sommer dennoch stattfänden, antwortet Hofstetter: Diese hätten einfach die entscheidenden paar Monate mehr Zeit. Den Termin ebenfalls in den Spätsommer oder Herbst zu legen, sei zwar im Gespräch gewesen. Einerseits würden sich auf diese Art aber die Festivals ballen, und andererseits wäre es dann eine «Never-ending Story» der Planungsunsicherheiten geworden. Nervenzehrend nennt er das.

Die Tickets hätte man erst wenige Tage vor der Veranstaltung in den Vorverkauf geben können. Hofstetter ist sich aber sicher, dass man sie losgeworden wäre. 2020 waren gleich die ersten beiden Abende des Kulturfestivals ausverkauft. Er sagt:

«Das Publikum wartet und hungert, aber uns sind 2021 die Hände gebunden.»

Den Veranstaltern bleibt nun wieder das Abwarten, aber auch die Vorfreude, wie Hofstetter sagt: «Immerhin gibt es nun endlich Klarheit. Kein Hinhalten und Kopfzerbrechen, was diesen Juli betrifft.» Doch das Spiel, so Hofstetter weiter, fange nun eigentlich wieder von vorne an. Die Bands können ihre Tourneen 2022 nicht einschätzen, bei ihnen staue sich alles ins nächste Jahr. «Wir können nur hoffen, dass die Auftritte der Bands sich um ein weiteres Jahr schieben lassen.»

Welche Bands dabei seien, könne Hofstetter noch nicht verraten. Bis auf eine Ausnahme: Die kanadische Folkband The Dead South, so viel stehe fest, wird das Eröffnungskonzert am Kulturfestival 2022 spielen. Ohne Maske, ohne Abstand, mit Getränk in der Hand und einer überstandenen Pandemie, sagt Lukas Hofstetter: «Hoffentlich.»

«Was für ein crazy Jahr» untertiteln die Veranstalter das Kulturfestival St.Gallen 2020.

Quelle: YouTube