Festivals
«Die Zeit rennt uns davon»: Ostschweizer Open-Air-Veranstalter hoffen, dass die Sitzpflicht fällt

Die Lockerungen des Bundesrats stimmen die Festivalmacher zuversichtlich. Das Sur Le Lac in Eggersriet verkauft mehr Tickets, die St.Galler Festspiele wollen zum Pilot werden, das Appenzeller Clanx-Festival wartet ab, und die Poolbar in Feldkirch lockt mit internationalen Bands. Das Kulturfestival St.Gallen hingegen steht auf der Kippe.

Roger Berhalter
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Ein Bild aus ausgelasseneren Zeiten: Ein Konzertabend am Kulturfestival St.Gallen.

Ein Bild aus ausgelasseneren Zeiten: Ein Konzertabend am Kulturfestival St.Gallen.

Bild: Urs Bucher

«2021 ist wie 2020, nur mit Regen»: Dieser Spruch macht derzeit in den Sozialen Medien die Runde. Auch für die Open-Air-Veranstalter scheint sich die Geschichte zu wiederholen. Zwar ist das Ende der Pandemie in Sichtweite, aber nach wie vor gibt es 1000 Fragezeichen, unter welchen Umständen in diesem Sommer Festivals stattfinden können. Die jüngsten Beschlüsse des Bundesrats vom Donnerstag haben daran nur wenig geändert, wie eine Umfrage unter regionalen Festivalmachern zeigt.

Die meisten geben sich zwar zuversichtlich, dass in diesem Sommer wieder Anlässe möglich sind, die den Namen «Festival» auch verdienen. Doch vor allem die aktuell geltende Sitzpflicht beim Essen und Trinken bereitet den Veranstaltern Bauchweh. Das sei ein Killerkriterium, sind sich alle einig. Niemand will an einem Rockfestival sein Bier im Sitzen trinken. Und überhaupt: Wer soll das kontrollieren?

Kulturfestival St.Gallen entscheidet in den nächsten Tagen

«Unter den derzeitigen Voraussetzungen ist unser Festival nicht umsetzbar», sagt denn auch Lukas Hofstetter vom Kulturfestival St.Gallen. Schon in vier Wochen, am 30. Juni, soll die Konzertreihe im Innenhof des Historischen und Völkerkundemuseums starten. Hofstetter:

«Die Zeit rennt uns davon. In den nächsten Tagen müssen wir entscheiden, ob wir das Festival durchführen oder nicht.»

Schliesslich müssten auch die Bands, Lieferanten und Helfer wissen, woran sie seien.

Lukas Hofstetter vom Kulturfestival St.Gallen.

Lukas Hofstetter vom Kulturfestival St.Gallen.

Bild: Adriana Ortiz Cardozo

Für den Juli hat der Bundesrat weitere Lockerungen in Aussicht gestellt, doch: «Diese Entscheidung kommt für uns wohl zu spät», fürchtet Hofstetter. In einem Jahr ohne Corona hätten er und sein Team schon Ende März alle Verträge fixiert. Auch jetzt wären sie parat, sagt Hofstetter. Das Programm mit internationalen Bands stehe, die Musiker könnten einreisen. «Wir wissen aber immer noch nicht, wie wir das Festival konkret umsetzen können.»

Kein Ersatz im Sittertobel, dafür auf der Frauenfelder Allmend

Bereits abgesagt sind die ganz grossen Ostschweizer Festivals: Das Open Air St.Gallen und das Open Air Frauenfeld. Auf der grossen Allmend in Frauenfeld soll es im September aber ein Ersatzfestival mit 10'000 Besuchern pro Tag geben. Auch im Sittertobel war Ende Juni ein (allerdings viel kleinerer) Ersatzevent geplant. Nun haben die Open-Air-St.Gallen-Veranstalter diese Pläne wieder begraben, wie sie diese Woche in den sozialen Medien mitteilten. Die Unsicherheiten seien zu gross:

«Wir sehen uns also definitiv erst 2022 wieder!»
Das Summerdays-Festival in Arbon.

Das Summerdays-Festival in Arbon.

Bild: Andrea Stalder

Nach wie vor aktuell ist hingegen das Summerdays-Festival in Arbon, als voraussichtlich grösstes Ostschweizer Open Air in diesem Sommer. Am 3. und 4. September sollen Peter Maffay, Kim Wilde und Patent Ochsner am Bodensee spielen. «Es geht in die richtige Richtung», kommentiert die Medienverantwortliche Nora Fuchs die Lockerungen des Bundesrats. Zunächst gelte es, die neuen Regelungen bis ins Kleingedruckte zu studieren und Abklärungen mit Lieferanten, Künstlern und Mitarbeitern zu treffen. Erst nächste Woche könne man eine klare Ansage machen.

Oper im St.Galler Klosterhof

Definitiv stattfinden werden die St.Galler Festspiele vom 25. Juni bis 9. Juli. Der Aufbau der Tribüne im Klosterhof hat schon begonnen, der Vorverkauf ist gestartet, und das Theater St.Gallen hat noch mehr vor. «Die Beschlüsse des Bundesrates vom 26. Mai 2021 eröffnen den St.Galler Festspielen neue Perspektiven», schreibt Theaterdirektor Werner Signer auf Anfrage.

Die Festspiele sollen als so genannte Pilotveranstaltung durchgeführt werden, man habe beim Kanton ein entsprechendes Gesuch eingereicht. Dieser kann ab 1. Juni fünf solche Anlässe bewilligen; damit wären 1000 Personen im Freien erlaubt.

Der Aufbau der Bühne und Tribüne der St.Galler Festspiele im Klosterhof hat begonnen.

Der Aufbau der Bühne und Tribüne der St.Galler Festspiele im Klosterhof hat begonnen.

Bild: Sandro Büchler

Das Theater St.Gallen sei sehr interessiert daran, ein solcher «Pilot» zu werden, schreibt Signer. Dadurch könnten sichere Festspiele garantiert werden, und die Besucherinnen und Besucher wären sogar von der Maskenpflicht befreit. «Dies ist ein weiterer Schritt in Richtung eines ungetrübten Kulturgenusses.»

Werner Signer vom Theater St.Gallen.

Werner Signer vom Theater St.Gallen.

Bild: Adriana Ortiz Cardozo

Spontane Aktion in Appenzell

Soweit die Grossen. Ganz anders gehen kleine, ehrenamtlich organisierte Open Airs mit der Situation um. «Wir haben einen grossen Vorteil: Wir müssen mit unserem Festival kein Geld verdienen», sagt Remo Hollenstein vom Clanx-Festival in Appenzell.

Remo Hollenstein vom Clanx-Festival in Appenzell.

Remo Hollenstein vom Clanx-Festival in Appenzell.

Bild: PD

2020 fiel das Festival aus, und man sei finanziell mit einem blauen Auge davongekommen. Dies dürfe sich in diesem Jahr nicht wiederholen, sonst erleide das Clanx Genickbruch, sagt Hollenstein.

Das Open Air im Grünen, das vor der Pandemie jeweils knapp 2000 Besucher pro Tag zählte, ist auf das Wochenende vom 27. bis 29. August angesetzt. Das Musikprogramm stehe teilweise schon. Hollenstein:

«Wenn es irgendwie möglich ist, werden wir ein Festival auf die Beine stellen.»

Es sei wichtig, dass kulturell wieder etwas laufe, das Bedürfnis sei gross. Noch warte man aber ab. «Es wird wohl eine sehr spontane Aktion werden.»

Das Clanx-Festival in Appenzell.

Das Clanx-Festival in Appenzell.

Bild: Urs Bucher

Lorena Vellone vom Festival Sur Le Lac in Eggersriet bewertet die neuen Lockerungen des Bundes als positives Signal. «Wir können jetzt Fahrt aufnehmen.» 300 Tickets haben die Veranstalter schon im April, auf gut Glück, in den Vorverkauf gegeben – und innert drei Minuten verkauft. Nun werde man das Ticketkontingent erhöhen. Wann und um wie viele Tickets genau, sei noch nicht klar und werde nächste Woche kommuniziert.

Das Festival Sur Le Lac in Eggersriet.

Das Festival Sur Le Lac in Eggersriet.

Bild: Urs Bucher

Das Poolbar-Festival in Feldkirch hat derweil scheinbar ungerührt sein Programm bekannt gegeben. Schon im Januar (!) hatten die Veranstalter verkündet, das Festival im Alten Hallenbad in Feldkirch werde auf jeden Fall stattfinden. Schliesslich habe es auch 2020 mit Schutzkonzept funktioniert. Nun treten vom 8. Juli bis 15. August unter anderem The Notwist, James Hersey, Stermann & Grissemann, Mighty Oaks und Keziah Jones auf.

Das Poolbar-Festival in Feldkirch ging 2020 mit Schutzkonzept über die Bühne.

Das Poolbar-Festival in Feldkirch ging 2020 mit Schutzkonzept über die Bühne.

Bild: Matthias Rhomberg