Engelszungen im Jammertal: Dorothee Mields und Daniel Johannsen mit barocken Duetten in der Kathedrale St. Gallen

Kathedrale statt Schutzengelkapelle, das ist derzeit das Schutzkonzept für die Barockkonzerte der St.Galler Dommusik – zur Freude der vielen Zuhörerinnen und Zuhörer, die auf diese Weise am Samstag Abend Platz fanden, bei freiem Eintritt.

Bettina Kugler
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Die Sopranistin Dorothee Mields.

Die Sopranistin Dorothee Mields.

Bild: Harald Hoffmann

Schutzengel wären derzeit hochwillkommen als himmlisches Aufgebot gegen den Widersacher namens Corona. Die Schutzengelkapelle aber im St. Galler Stiftsbezirk, sonst Stammadresse für die klein und hochkarätig besetzten Barockkonzerte der Dommusik, ist nun einmal nicht gross genug, um die gebotenen Abstände im Publikum einzuhalten – es wäre dann doch eine zu handverlesene Schar.

Michael Wersin, künstlerischer Leiter der Barockkonzerte.

Michael Wersin, künstlerischer Leiter der Barockkonzerte.

Bild: Urs Bucher

So musste Michael Wersin als künstlerischer Leiter der Konzertreihe am Samstag Abend mit seinen musikalischen Gästen Dorothee Mields und Daniel Johannsen auf die Kathedrale ausweichen: kein Notbehelf, was die barocke Pracht angeht. Auf dem Programm standen geistliche Duette von Heinrich Schütz und Samuel Scheidt, dazu Sonaten Johann Heinrich Schmelzers: erlesene, kunstfertige Abendmusik, komponiert am Hof Leopolds I. in Wien zur Ergötzung des Kaisers – dafür durfte der Raum ruhig etwas pompöser sein als die Schutzengelkapelle.

Die Kathedrale als Zufluchtsort

Es war die richtige Entscheidung, das sah man spätestens eine Viertelstunde vor Konzertbeginn. Bis dahin waren alle verfügbaren Sitzplätze im Kirchenschiff besetzt, die zusätzlichen Stühle im Chor allenfalls ein Trost, akustisch aber sicher nicht befriedigend. Wie überhaupt die Kathedrale für Barockmusik, zumal in Kleinbesetzung, ein schwieriger Raum ist: Dem Auge mag sich der Himmel öffnen; an Schutzenglein mit und ohne Musikinstrument mangelt es nicht. Doch luftige Koloraturen und Verzierungen, auch eindringlich und klar artikulierte Texte gehen auf dem weiten Weg im weiten, hohen Raum verloren.

Der österreichische Tenor und Barockspezialist Daniel Johannsen.

Der österreichische Tenor und Barockspezialist Daniel Johannsen.

Bild: Anette Friedel

Trotzdem kann ein Konzert beglückend sein an diesem Ort; der Abend mit Dorothee Mields, Daniel Johannsen und Mitgliedern des Collegium Instrumentale der Kathedrale (Susanne von Bauszern und Christine Baumann, Violine, Bettina Messerschmidt, Violoncello, Andrea Cordula Baur, Chitarrone und Michael Wersin, Continuo und Leitung) jedenfalls liess schnell vergessen, dass die Hörbedingungen für fein Ziseliertes nicht ideal sind.

«Schaff in mir, Gott, ein reines Herz», so war das Programm mit dem Titel eines geistlichen Duetts von Samuel Scheidt überschrieben, und im Geist dieses Psalmworts wurde musiziert: stilkundig, überaus beweglich, ausdrucksvoll und inspiriert – zudem mit einem Timbre, das dem Blattgold allenthalben Konkurrenz machte. Auch wenn wohl nicht jedes Wort und jede Finesse der Gestaltung in den hinteren Reihen angekommen sein wird.

Duette aus Zeiten des Krieges und der Pest

Schütz, Schein und Scheidt: Diese drei Namen stehen für geistliche Musik im deutschen Frühbarock, mal innig-zuversichtliche, mal in betrübt absteigenden Linien klagende Vokalwerke, überwiegend auf Texte aus den Psalmen. Sammlungen wie die «Symphoniae Sacrae» von Schütz, Scheins «Israelsbrünnlein» oder Scheidts «Liebliche Krafft = Blümlein» entstanden in Zeiten des Leids und der Anfechtung: sie sind der Soundtrack des Dreissigjährigen Krieges, könnte man sagen. Die Pest wütete, Scheidt konnte ein Klagelied darüber singen – vier seiner Kinder starben während der Epidemie in Halle an der Saale.

Man hört, die aktuelle Pandemie im Nacken, seine Duette aus den «Lieblichen Krafft = Blümlein» aufmerksamer, empfindlicher, schöpft Kraft und Zuversicht aus den Bibelworten, die Schein so nah am Text in Koloraturen, Vorhalten und Weinen, in musikalischem «Ungewitter» und Heulen vertonte. Das wird eindringlich, aber auch ohne falsche Theatralik ausgespielt, in einen lebhaften Dialog der Stimmen versetzt.

Die Auswahl der zehn Duette (darunter «Wirf dein Anliegen auf den Herren», «Herr, wo dein Wort nicht mein Trost gewest wäre» und «Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen») passt bestens in die Gegenwart, und man darf annehmen, dass die Aufführenden ihre Erfahrungen der letzten Monate mit ins Gebet genommen haben - das jedenfalls kam bis zur letzten Reihe sehr bewegend an. Und auch, dass ihnen die Freude am virtuosen, engelsgleichen Jubilieren nicht vergangen ist.

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