Einmal Islam und wieder zurück – wie der Dokfilm «Shalom Allah» und seine St.Galler Protagonistin Emotionen wecken

Warum konvertieren Schweizerinnen und Schweizer zum Islam? Dieser Frage geht Filmemacher David Vogel auf den Grund. In seinem berührenden Dokfilm spielt eine St.Gallerin eine wichtige Rolle – auch wenn sie am Ende das Kopftuch wieder ablegt.

Julia Nehmiz
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Szene aus dem Dokfilm «Shalom Allah»: Jetzt möchte auch die Tochter zum Islam konvertieren.

Szene aus dem Dokfilm «Shalom Allah»: Jetzt möchte auch die Tochter zum Islam konvertieren.

Bild: First Hand Films

Religion ist Frauensache. Diesen Eindruck zumindest bekommt man an der St.Galler Filmpremiere von «Shalom Allah». Im Kinosaal des Programmkinos Kinok verliert sich am Dienstagabend eine Handvoll Männer zwischen knapp 50 Frauen. Als würden nur Frauen sich mit dem Thema auseinandersetzen wollen, warum jemand heutzutage zum Islam konvertiert, freiwillig.

Der Zürcher Journalist und Filmemacher David Vogel geht in seinem feinfühligen Dokfilm dieser Frage nach. Über sieben Jahre lang hat er seine Protagonistinnen und Protagonisten begleitet, doch allein schon sie zu finden, sei schwierig gewesen, erzählt Vogel im Gespräch nach der Filmpremiere. Es ist ein vorsichtiger, tastender, suchender Film geworden, der nicht alle Fragen beantwortet, aber viele auf kluge Weise stellt.

Ein Berner Ehepaar, eine junger Westschweizer Student, eine St.Gallerin, die in Zürich Informatik studiert: So unterschiedlich die vier sind, eint sie ihre Hinwendung zum Islam. Filmemacher David Vogel, der selber im Film auftritt und sich seiner eigenen Suche stellt, warum er, streng-jüdisch aufgewachsen, nicht mehr an Gott glaubt, kommt seinen Protagonisten nahe. Und zeigt sie auch in ihren Zweifeln, wie sie hadern, wie sie teils auch kämpfen, um von Familie und Freunden trotz ihres neuen Glaubens weiterhin akzeptiert zu werden.

Nicole wird Aïcha wird Nicole

Spannend ist, dass David Vogel sie über so einen langen Zeitraum begleitete. So sieht man, wie die Bernerin Miriam Lo Manto anfangs locker ihre Haare mit einem Tuch bedeckt, später das Kopftuch fester steckt, und zur Filmpremiere nach St.Gallen reist sie ohne Kopftuch an.

Oder Aïcha Schmid: Die junge Studentin aus einem kleinen Dorf im St.Galler Rheintal, die sich voller Überzeugung in ihren neuen Glauben stürzt, einen Video-Blog über sich und ihren neuen Glauben führt, sich nach einigen Jahren aber vom islamischen Glauben abwendet, das Kopftuch ablegt und sich wieder Nicole nennt.

Dokfilmer David Vogel wertet das nicht. Er zeigt, dass Glaube etwas Dynamisches ist. Er lässt seine Protagonistinnen und Protagonisten sich selber erklären. Ihm gelingt das auf eine berührende Weise, und er legt offen, wie viel Misstrauen auf beiden Seiten, bei christlichen und bei muslimischen Schweizerinnen und Schweizern, vorhanden ist. Der Berner Konvertit Franco Lo Manto sagte nach der St.Galler Filmpremiere: «Wir wollten zeigen, dass es einen offenen Islam gibt. Wir sind alle Menschen, miteinander geht es, ohne einander nicht.»