Digitalkunst
Mit digitalen Werken endlich Geld verdienen: Erste Ostschweizer Kulturschaffende setzen auf die Blockchain

Die derzeit gehypte NFT-Technologie ermöglicht es, digitale Daten als unersetzliche Originale auf den Markt zu bringen. Das bietet für Kulturschaffende neue Verdienstmöglichkeiten. Subito Zeitlos sind die erste Schweizer Band, die ein Album auf diese Weise versteigert. Die Wiler Kunstmalerin Daniela Filippelli hat bereits erste NFT-Gemälde verkauft.

Roger Berhalter
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Alle können das Kunstwerk kopieren, aber das Original gehört mir: Die NFT-Technologie verbindet die digitale Reproduzierbarkeit mit der Wertschätzung für ein Einzelstück.

Alle können das Kunstwerk kopieren, aber das Original gehört mir: Die NFT-Technologie verbindet die digitale Reproduzierbarkeit mit der Wertschätzung für ein Einzelstück.

Bild: 4artechnologies

Ein Album für 300 Franken: Das bietet die Ostschweizer Band Subito Zeitlos derzeit im Internet an. Sie versteigert ihr Débutalbum «Attachment» auf der Plattform OpenSea – gleichzeitig stellt sie es auf der Plattform Bandcamp fast kostenlos zum Download zur Verfügung. Mehr als 300 Franken für Album verlangen, das es auch gratis gibt: Was soll das?

Sie seien die erste Schweizer Musikgruppe, die ein Album als sogenanntes NFT (Non-Fungible Token) verkauft, schreibt die Band in einer Mitteilung: «Uns hat die Geringschätzung der Musik im Kunstmarkt schon länger gestört.» Dem wolle man ein «multisensorisches Erlebnis» entgegensetzen, schreibt Songwriter Andrin Uetz: «Das Album funktioniert nicht nur als Musik, sondern auch als digitale Konzeptkunst.»

Eine von 1000 Kopien wird zum Original erklärt

Sein Mitmusiker Samuel Weniger, der das Album produziert und visuell gestaltet hat, ergänzt: «Diese Aufnahmen waren von Anfang an als digitales Kunstwerk konzipiert.» Man wolle etwas Genre- und Medienübergreifendes schaffen:

«Neue Technologien stellen dringliche Fragen an uns alle. Die wollen wir mit dieser Aktion thematisieren.»

Die neue Technologie, mit der Subito Zeitlos spielen, heisst NFT. Das ist die Abkürzung für non-fungible Token, zu Deutsch: nicht austauschbare Wertmarke. Die Idee: Eine digitale Datei, die im Prinzip beliebig kopierbar ist – sei es eine Fotografie, ein Song, ein Film oder ein Text –, erhält gewissermassen einen Stempel aufgedrückt, der diese eine Kopie zum unersetzlichen Original macht.

Technisch basiert dieses Vorgehen auf der Blockchain, die auch bei Digitalwährungen wie Bitcoin zur Anwendung kommt und die wie ein öffentlich einsehbares Verzeichnis funktioniert. In dieser Blockchain wird gespeichert, wer Eigentümer der digitalen Datei ist, wer also die Kopie mit dem «Stempel» besitzt. Diese Kopie wird damit zum Originalwerk erklärt, das man auf dem Markt verkaufen kann wie ein echtes physisches Werk.

Die NFT-Technologie wird derzeit gehypt, weil sich damit Geld verdienen lässt. Sehr viel Geld, sogar: Das Auktionshaus Christie's hat im März ein digitales Kunstwerk für fast 70 Millionen Dollar verkauft. So viel Geld auszugeben für eine Bilddatei, die jeder per Copy-Paste selber vervielfältigen kann: Ist das hirnrissig oder genial? Die NFT-Technologie wird derzeit kontrovers diskutiert. Die Idee dahinter ist jedenfalls bestechend, gerade aus Sicht von Kulturschaffenden, bietet sie ihnen doch neue Verdienstmöglichkeiten.

So auch für die Musiker von Subito Zeitlos. Selbst wenn es ihnen keineswegs ums Geld geht, sondern vielmehr um eine künstlerisch-philosophische Auseinandersetzung mit der neuen Technologie.

Andrin Uetz (links) und Samuel Weniger versteigern das Débutalbum ihrer Band Subito Zeitlos im Internet. Einstiegspreis: 300 Franken.

Andrin Uetz (links) und Samuel Weniger versteigern das Débutalbum ihrer Band Subito Zeitlos im Internet. Einstiegspreis: 300 Franken.

Ralph Ribi

Die Krautrocker zitieren in ihrer Mitteilung den Schweizer Medienkünstler Alex Antener, der die Versteigerung ihres Albums abwickelt: «Wenn Sie ein NFT von Subito Zeitlos kaufen, so besitzen Sie das von den Künstlern gezeichnete Original, von dem es eine exponentiell steigende Anzahl von Kopien gibt.» Dieser Gegensatz hat laut Antener eine philosophische Dimension:

«Das Netz wird überflutet von Musik, wobei Künstlerinnen und Künstler zumeist leer ausgehen. NFT ermöglicht die Wertschätzung des kreativen Originals, ohne dessen beliebige Reproduzierbarkeit zu verkennen.»

Animierte Gemälde im Angebot

Auch die Wiler Kunstmalerin Daniela Filippelli setzt seit neustem auf NFT. Sie habe sofort erkannt, dass sich ihr Kunststil ideal für diese Technologie eigne, schreibt sie in einer Mitteilung. Als Multimediakünstlerin verbindet sie analoge und digitale Kunst: Sie malt Bilder von Hand, digitalisiert sie und animiert sie am Computer.

Filippelli schwärmt von den «praktisch grenzenlosen» Möglichkeiten der NFT-Technologie: «Sie gibt mir die Möglichkeit, die digitalen Erzeugnisse, die aus meinen Werken entstehen, auch entsprechend vermarkten und verkaufen zu können.»

Analog und digital: Daniela Filippelli animiert ihre Gemälde am Computer.

Analog und digital: Daniela Filippelli animiert ihre Gemälde am Computer.

Bild: PD

Filippelli hat schon erste eigene NFT-Kunstwerke im Angebot: Die Werkserie «Welcome To Paradise» ist in Zusammenarbeit mit der Internetplattform VivaArte.online und der Galerie Kunsthaus Rapp in Wil entstanden. Es handelt sich um Gemälde, die Filippelli am Computer in animierte NFT verwandelt hat und (wie Subito Zeitlos) auf der Plattform OpenSea zum Verkauf anbietet. Die ersten Werke hat sie gemäss Mitteilung schon verkauft und damit einige hundert Franken verdient.

Noch viel lukrativer war die NFT-Technologie für den US-amerikanischen Digitalkünstler Beeple. Sein Werk «Everydays: The First 5000 Days» war es, das im März für fast 70 Millionen Dollar bei Christie's versteigert wurde. Beeple erreichte damit auf einen Schlag Platz drei der weltweit bestbezahlten lebenden Künstler.

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