Digitalisierung
Alle senden nur noch, niemand empfängt mehr: Drei St.Galler Schauspieler machen Podcasts über eine trostlose Welt

Was passiert mit uns, wenn wir allmählich von Algorithmen und künstlicher Intelligenz verdrängt werden? Oliver Losehand, Matthias Albold und Marcus Schäfer vom Theater St.Gallen gehen dieser Frage in der «Supervacuum Radio Show» nach. In ihrem theatralen Podcast erzählen sie von einer Welt, die der unsrigen erschreckend nahe ist.

Roger Berhalter
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Jeder für sich in seinem Vakuum: Oliver Losehand, Matthias Albold und Marcus Schäfer (von links).

Jeder für sich in seinem Vakuum: Oliver Losehand, Matthias Albold und Marcus Schäfer (von links).

Bild: PD

Beim ersten Mal wars noch lustiger. Wie Helden stürzten sich Oliver Losehand, Matthias Albold und Marcus Schäfer in ihrer ersten «Supervacuum Radio Show» in die erste Coronawelle. Die drei Schauspieler vom Theater St.Gallen konnten plötzlich nicht mehr auftreten. «Wir waren von der Bühne verbannt», sagt Losehand. «Wir wollten aber nicht schweigen.» Also recherchierten sie, schrieben Texte und nahmen zu dritt eine fiktive Radiosendung auf.

Matthias Albold, jetzt ohne Plastiksack über dem Kopf.

Matthias Albold, jetzt ohne Plastiksack über dem Kopf.

Bild: Michel Canonica

Darin thematisierten sie das Nicht-Stattfinden, das Zurückgeworfen-Sein auf sich selber, die Selbstoptimierung in den eigenen vier Wänden. «Hängenlassen geht gar nicht. Erst recht nicht in der Krise», heisst es in der Show. Schliesslich müsse man «fit und wachsam sein, wenn der Zug wieder losrollt.» Damals wars wie erwähnt noch lustig, zumindest für die Privilegierten. Ein bisschen zu Hause sitzen, Netflix schauen und auf dem Hometrainer strampeln. So lange, bis das Virus wieder weg ist.

Die gähnende Leere mit Nutzlosem füllen

Inzwischen ist klar: Das kann noch dauern. «Wir reiten auf der unendlichen Welle, la ola infinita, vorbei an den letzten Eisbrocken der geschmolzenen Polkappen», heisst es zum Auftakt der zweiten «Supervacuum Radio Show», die jetzt auf Spotify verfügbar ist. Jetzt sitzen die drei Schauspieler nicht mehr im selben Radiostudio, sondern jeder ist für sich in seinem Vakuum. Diese «gähnende Leere, die ich bin», soll endlich wieder ausgefüllt werden mit «nutzlosen Informationen, Handlungen, Repetitionen»:

«Bitte lass es wieder entstehen in meinem Schädel, dieses herrlich hirnlose Supervakuum!»

In diese Normalität wollen die Drei zurück. Das Lachen ist ihnen offensichtlich vergangen.

Marcus Schäfer.

Marcus Schäfer.

Bild: PD

Musikalisch untermalt wird diese Dystopie von der Band Sarkis. Deren flirrenden Klänge und Surfgitarren erinnern an die Strände, zu denen man nicht mehr reisen kann, und in Punk-Rock-Manier skandieren sie: «Du bist im Netz! Alles muss ins Netz!»

Alle senden, aber niemand empfängt mehr: Das Bild zur neuen «Supervacuum Radio Show».

Alle senden, aber niemand empfängt mehr: Das Bild zur neuen «Supervacuum Radio Show».

Bild: PD

Es ist eine furchtbar trostlose Welt, aus der die drei Schauspieler senden. Dabei scheint sie der unsrigen erschreckend nahe. Ichbezogen sind die Protagonisten, selbstverliebt, sie senden unablässig, empfangen aber nichts mehr.

«Hallo? Seid ihr noch da? Hört ihr mich?», diese Fragen wiederholen sich während der dreiviertelstündigen Sendung ständig. Es klingt einerseits nach den technischen Problemen zu Beginn einer Videokonferenz. Aber auch nach der unsicheren Frage einer Influencerin, die sich zwischen ihren Instagram-Posts vergewissert, ob ihr Publikum noch da ist, ob ihr die Likes noch immer zufliegen.

Ein Sexsklave auf einer Bohrinsel

Das Erstaunliche an der «Supervacuum Radio Show» ist, dass sie zwar wie für die Pandemie gemacht scheint, aber schon lange vor Corona geboren wurde. Im Rahmen der «Nachtzug»-Reihe des St.Galler Theaters haben Losehand, Albold und Schäfer ihr Programm in der Lokremise schon zweimal live auf die Bühne gebracht. Das erste Mal 2019, das zweite Mal kurz vor Corona.

Oliver Losehand.

Oliver Losehand.

Bild: PD

Jetzt hat das Virus den drei Schauspielern in die desinfizierten Hände gespielt. Ihr Oberthema war plötzlich aktueller denn je: Der überflüssige Mensch. Wo geht es mit uns hin, wenn wir allmählich von Algorithmen und künstlicher Intelligenz ersetzt werden? Wie gehen wir mit der Digitalisierung um? Solche grundsätzlichen Fragen hätten sie sich bei der Recherche gestellt, sagt Oliver Losehand:

«Wir wollten nicht einfach übers Händewaschen und Abstandhalten reden.»

Alles endet mit einem Sexsklaven auf einer Bohrinsel und einer Erlösungsfantasie mit einem Impfstoff, den ein Musicalstar spritzt, so viel sei verraten. Und die nächste «Supervacuum Radio Show» findet dann hoffentlich wieder auf der Bühne statt. Live, analog und zwischenmenschlich.

Die «Supervacuum Radio Show» ist auf Spotify verfügbar.