Die «Jungfrau der Stille» packt am Ohr: Die Organistin Imelda Natter spielte in der Kathedrale St. Gallen Werke, die mehr Beachtung verdienen

Drei Prozent der Stücke im tausend Seiten umfassenden Verzeichnis der Orgelliteratur stammen von Frauen: Das ist nicht wenig. Dennoch führen Komponistinnen im Konzertleben ein Schattendasein – völlig zu unrecht, wie das Programm «frauenkomponiert» der St. Galler Organistin Imelda Natter in der Kathedrale zeigte.

Bettina Kugler
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«Ich bin fast verloren gegangen», sagt die St. Galler Organistin Imelda Natter über ihre Recherche nach Orgelmusik von Komponistinnen, «und es tut sich viel». Eine Auswahl an weltlichen und geistlichen Werken spielte Imelda Natter in der Kathedrale unter dem Motto «frauenkomponiert».

«Ich bin fast verloren gegangen», sagt die St. Galler Organistin Imelda Natter über ihre Recherche nach Orgelmusik von Komponistinnen, «und es tut sich viel». Eine Auswahl an weltlichen und geistlichen Werken spielte Imelda Natter in der Kathedrale unter dem Motto «frauenkomponiert».

Bild: Urs Bucher

«La vergine del silenzio», die Jungfrau der Stille: Die Ikone, auf der Maria stumm und zugleich vielsagend den Zeigefinger auf ihre Lippen legt, hat die Italienerin Carlotta Ferrari (*1975) zu einem mystisch verinnerlichten Orgelstück inspiriert – zu einer Miniatur, die hellhörig macht und die Neugier weckt auf bislang Unentdecktes. Das unprätentiöse, klanglich auf leisen Sohlen den Chor der Kathedrale ausmessende Werk könnte seinerseits als Ikone über dem Programm stehen, das die St. Galler Organistin Imelda Natter unter dem Titel «frauenkomponiert» erarbeitet hat: bestehend aus Stücken von Musikerinnen, um deren Wirken es eigentümlich still ist im Konzertleben. Aus Geheimtipps, die es nicht bleiben sollten. Wer will, kann in der «Vergine del silenzio» auch eine augenzwinkernde Imelda Natter erkennen: die Tür- und Ohrenöffnerin, die ihr Publikum in verborgene Schatzkammern führt.

Immens viel Arbeit war dazu wahrlich nötig. Nicht allein fleissiges Üben und eine selbstbewusste Aneignung von Werken, die kaum auf Tonträger verfügbar sind. Sondern zunächst erst einmal ausgedehnte und gründliche Recherchen im knapp tausendseitigen Verzeichnis sämtlicher Orgelwerke. Darunter sind immerhin drei Prozent von Frauenhand auf Notenpapier gebracht.

Ausgedehnte Entdeckungstour im Internet und in Archiven

Imelda Natters Recherche setzte sich fort in Archiven, Bibliotheken, im Internet und schliesslich im St. Galler Musikalienladen «Notenpunkt», auf der Suche nach lieferbaren Ausgaben. «Ich bin fast verloren gegangen», sagt die Organistin über ihre Entdeckungsreise auf kaum erforschtem, sicher nicht abgegrastem Terrain. Höreindrücke davon gab es am Donnerstag Abend in der Kathedrale beim Konzert «frauenkomponiert», veranstaltet von den Orgelfreundinnen und Orgelfreunden St. Gallen.

Ein exklusiver Anlass, leider: Denn das Interesse an den komponierenden Frauen war grösser als die derzeit maximal erlaubte Zahl von 50 Personen. Im Chor wie im weiten Kirchenschiff hätten auch die am Eingang und vorab schon schriftlich Abgewiesenen reichlich Platz gehabt, sich maskiert und ohne engen Kontakt zu verteilen. Schweigend wie die Jungfrau der Stille, also nicht aerosolverbreitend. Doch stellte Hans-Peter Völkle, Präsident der Orgelfreunde, eine Wiederholung des Konzertes in Aussicht, für hoffentlich bald wieder mehr als 50 Zuhörerinnen und Zuhörer, die künftig Namen wie Marianna Martinez, Maija Einfelde, Ann-Helena Schlüter oder Elfrida Andrée mit reizvoller Musik verbinden wollen.

Die Wiener Komponistin Marianna Martinez (1744-1812): Einer ihrer Lehrer war Joseph «Papa» Haydn.

Die Wiener Komponistin Marianna Martinez (1744-1812): Einer ihrer Lehrer war Joseph «Papa» Haydn.

Bild: pd

Ein Totentanz aus dem Jahr 2020: Ann-Helena Schlüters «Pandemic Dance»

Die Jahrgänge reichen von 1744 bis 1986, dem Geburtsjahr der deutsch-schwedischen Komponistin und Lyrikerin Ann-Helena Schlüter. An ihrem Beispiel zeigte Imelda Natter zum einen, dass viele der Komponistinnen Doppelbegabungen haben, zum anderen, dass sie mit ihrer Musik sensibel auf ihre Zeit reagieren. Kann es ein aktuelleres Orgelwerk geben als «Pandemic Dance. White Panic», das diffuse Ängste, das aktuelle Geworfensein in Ungewissheit angesichts von Covid-19, in flirrende, irrlichternde Klänge und Motive übersetzt? Dass «kein Ende des Todes» ist, schwingt dabei düster mit – doch auch die lichte Perspektive der Hoffnung, jenes «Doch Du bist Himmel», das die Musik für Orgel beinahe immer anstimmt.

Die deutsch-schwedische Komponistin Ann-Helena Schlüter, geboren 1986, ist auch Lyrikerin – und hat ein Corona-Stück geschrieben: «Pandemic Dance. White Panic».

Die deutsch-schwedische Komponistin Ann-Helena Schlüter, geboren 1986, ist auch Lyrikerin – und hat ein Corona-Stück geschrieben: «Pandemic Dance. White Panic».

Bild:pd

Vielfältig und abwechslungsreich ist das Programm, nimmt zu Beginn in rokokohafter Heiterkeit und Leichtigkeit mit auf den Hörspaziergang, in einer dreisätzigen Sonate von Marianna Martinez (1744-1812): Die beiden Stimmen, die hier angeregt miteinander plaudern, verteilt Imelda Natter mit schönem Stereo-Effekt auf die beiden Chororgeln. Festlich erhaben wird es an der grossen Domorgel mit Dorothea Hofmanns Toccata «Komm, Schöpfer, Heiliger Geist» – das hätte die 1961 geborene Komponistin sicher gerne live gehört. Die «White Panic» Corona freilich machte ihr die Reise nach St. Gallen unmöglich.

Was Frauen können und was die Königin Orgel angemessen in Szene rückt, machte das Programm eindrücklich deutlich: Unter den Händen von Imelda Natter singt sie, versenkt sich ins Gebet (in Maija Einfeldes «Ave Maria» oder Marie-B. Dufourcets Suitensatz «Méditatif»), sie tanzt, jubelt und rollt im Finalsatz der Orgelsinfonie h-Moll von Elfrida Andrée einen mächtigen Klangteppich aus. Umso bedauerlicher, dass nur ein kleines Häuflein Menschen an jenem Abend darauf im Geiste und mithörend durch die Kathedrale schreiten durfte.