Die fantastischen Vier erfinden sich noch einmal neu: Das Figurentheater St. Gallen spielt «Die Bremer Stadtmusikanten» in neuem Gewand

In ihrem bisherigen Job haben sie ausgedient, doch in der Krise ihrer späten Jahre entdecken Hund, Katze, Hahn und Esel ungeahnte Talente und neue Lebensentwürfe. Davon erzählen Eliane Blumer und Lukas Bollhalder mit prächtigen Klappmaulpuppen – und sehr viel Witz.

Bettina Kugler
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Noch ist der Katzenjammer gross bei Mila (Eliane Blumer). Bald aber steppt der Esel. Im Stück heisst er Rudi; gespielt wird der potenzielle Schlagzeuger der Bremer Stadtmusikanten von Lukas Bollhalder.

Noch ist der Katzenjammer gross bei Mila (Eliane Blumer). Bald aber steppt der Esel. Im Stück heisst er Rudi; gespielt wird der potenzielle Schlagzeuger der Bremer Stadtmusikanten von Lukas Bollhalder.

Bild: Tine Edel

Ach, Rudi! War es nicht gestern erst, dass er flink durch die Welt trabte, mit schweren Säcken auf dem Buckel, immer bedacht auf gute Haltung? Wie man sich lange rüstig hält, das wüsste Esel Rudi nach wie vor. Bloss will es leider keiner hören. Stattdessen droht ihm der Abtransport zum Schlachthof.

Dass der alte Esel noch in der grössten Krise Haltung bewahrt, weiss man aus dem Märchen «Die Bremer Stadtmusikanten». Man weiss auch von den Brüdern Grimm, wie es weitergeht: Dass dieser gar nicht lebensmüde Esel sich zusammentut mit Wegbekanntschaften, mit Katze, Hund und Hahn. Dass die fantastischen Vier sich dann bei einem fulminanten Gig ihre Zukunft sichern. Wenn nicht als Rentnerband in Bremen, so immerhin als lustige WG im Wald.

Der Soundtrack: sanft swingende Lebenserfahrung

Den Märchenstoff macht sich die neue Eigenproduktion des Figurentheaters St. Gallen sehr originell und augenzwinkernd zu eigen. Schon im Prolog: Der nämlich malt sich aus, wie es gewesen wäre, hätten die Vier tatsächlich ihre Chance packen und auf der Bühne reüssieren wollen. Weltstars hätten sie werden können! Bei Katze Mila glaubt man es sogar – ihr gibt Eliane Blumer so eine lebensherbstlich glamouröse Stimme, dass die Erwachsenen im Saal sicher die eine oder andere späte Diva vor Augen haben, oder das Musical «Cats».

Kleine Nachtmusik: Die vier singen den Nichts-zu-verlieren-Blues im Wald.

Kleine Nachtmusik: Die vier singen den Nichts-zu-verlieren-Blues im Wald.

Bild: Tine Edel

Ebenso liebevoll gezeichnet sind die anderen Tiercharaktere; alle haben unsere Sympathie, was nicht zuletzt an den beschwingten, aber auch altersweisen Songs von Willi Häne sowie an den grossen Klappmaul-Figuren von Sibylle Grüter liegt. Und an deren Outfit! Kleider machen bekanntlich Leute – und spielen eine Schlüsselrolle in der Inszenierung von Frauke Jacobi (Textversion: Simon Deckert), die ja ein altes Märchen in neuem Gewand präsentiert. Die Szene dafür hat Helen Prates de Matos eingerichtet, mit verstellbaren Wänden, Kleiderständern, Wäscheleine und Showbühne: Hier sind blitzschnelle Rollenwechsel und Verwandlungen möglich, wenn nötig auch vom Zirkuszelt zum tiefen, dunklen Wald.

Bonnie und Clyde gründen eine Bank

Das alles ist eine Stunde lang so witzig und gespickt mit Überraschungen, dass auch die Älteren im Publikum sich die Augen reiben. Die Jüngeren schreiben sich derweil hinter die Ohren, dass jedes Alter seine Talente und neue Perspektiven hat. Mit Vergnügen: so wie es die noch jugendfrischen Spieler Eliane Blumer und Lukas Bollhalder in Gestalt von Esel, Hund und Katz, nicht zu vergessen Henning Hahn auf die Bühne bringen.

Sogar das in die Jahre gekommene Räuberpärchen (nein, die Namen Bonnie und Clyde fallen nicht, doch im Kopf hat man sie gleich) erfindet sich noch einmal neu. Wie? Wenn die Erinnerung nicht täuscht, dann hat das Bertolt Brecht auch schon mal propagiert, in der «Dreigroschenoper».

Nächste Vorstellungen: 24.10., 19 Uhr; 25., 28.10., 14.30 Uhr, Figurentheater St. Gallen.