Designgeschichte
Ein Ostschweizer in Hollywood: Kostümbildner René Hubert staffierte Filmdiven wie Marlene Dietrich aus

Glamour und Üppigkeit waren das Markenzeichen der Kostüme, die René Hubert zwischen 1920 und 1960 in Paris, London und Hollywood kreierte, für Musicaltheater, Filmstudios und Modehäuser. Nach seinem Tod geriet der vielseitige Designer in Vergessenheit, nun würdigt ihn eine Ausstellung im Zürcher Museum für Gestaltung.

Bettina Kugler
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René Hubert in seinem Atelier bei Les Studios Paramount in Paris, 1932.

René Hubert in seinem Atelier bei Les Studios Paramount in Paris, 1932.

Bild: Collection Cinémathèques suisse

Von Marlene schwärmte er zeitlebens: vom Hutgesicht der blonden Stilikone aus Berlin, das unter üppigen Krempen ebenso wirkungsvoll zur Geltung kam wie mit einem schmalen Turban. «Bring mir ein paar Abendhüte mit» – solche Wünsche erfüllte der aus der Ostschweiz stammende Kostümbildner René Hubert (1895-1976) nur allzu gern für seine Freundin und Klientin Marlene Dietrich, wenn er in Paris oder London zu tun hatte.

Dass Hubert diskret hinter den Kulissen arbeitete, liess ihn freilich nach Ende seiner Karriere bald in Vergessenheit geraten, anders als die Kinodiven, die er am Set und auch privat umwerfend aussehen liess. Nun dokumentiert eine Ausstellung im Zürcher Museum für Gestaltung erstmals die Bedeutung des St. Gallers für die Film- und Designgeschichte und fächert die Vielfalt seines Schaffens auf. «Kleider machen Stars» hat Kurator Andres Janser die Schau betitelt: zugkräftig genug, um einen heute weitgehend unbekannten Kostümbildner im Glanz der Promis erstrahlen zu lassen.

Filmkostüme für Anthony Quinn und Ingrid Bergman in «The Visit», IT/DE 1964 – mit ihnen war René Hubert für den Oscar nominiert.

Filmkostüme für Anthony Quinn und Ingrid Bergman in «The Visit», IT/DE 1964 – mit ihnen war René Hubert für den Oscar nominiert.

Bild: Collection Cinémathèque suisse
Uniformentwurf für die Swissair-Stewardessen, 1965

Uniformentwurf für die Swissair-Stewardessen, 1965

Bild: Museum für Gestaltung Zürich, Grafiksammlung

Verdient hat es René Hubert allemal; Opulenz lag ihm ebenso wie gehobene Damenmode und Corporate Design – das bewies er in späteren Jahren, zurück in der Schweiz, mit Arbeiten für hiesige Textilfirmen, mit Aufträgen für das Warenhaus Jelmoli und mit der Ausstattung der Stewardessen und der Flugzeugkabinen als Hausdesigner der Swissair. Auch für das «Modetheater» der Landi 1939, einem performativen Schaufenster der Schweizer Stoff- und Stickereihersteller, entwarf er Kleider und Hüte.

Shirley Temples Filmkleider prägten die Kindermode

In Hollywood staffierte René Hubert neben Marlene Dietrich in den vier Jahrzehnten bis 1960 etliche andere Stars und Diven aus: Er schuf Kostüme für Kino-Kassenschlager mit Vivien Leigh, Laurence Olivier, Marlon Brando und Ingrid Bergman. Seine herzigen Kleider für den Film «Curly Top» mit Shirley Temple verkauften sich prächtig als Kindermode und machten die Siebenjährige mit den Korkenzieherlocken eine Weile zur bestverdienenden Schauspielerin Hollywoods: so hoch waren die Tantiemen.

Märchenhaft üppig: Musicalkostüme für Madge Elliott und Edna Best in «Cinderella», Coliseum Theatre London, 1936.

Märchenhaft üppig: Musicalkostüme für Madge Elliott und Edna Best in «Cinderella», Coliseum Theatre London, 1936.

Bild: Museum für Gestaltung Zürich

Dabei stammte der Meister glamouröser Kinokostüme aus gänzlich unglamourösen Kreisen und aus der Schweizer Provinz. Geboren in Frauenfeld, wuchs Hubert, damals noch «Huber» ohne -t und nicht französisch ausgesprochen, in St. Gallen auf. Der Vater betrieb dort eine Reithalle; mit den künstlerischen Ambitionen des Sohnes wusste er wenig anzufangen. Dieser konnte sein zeichnerisches Talent zunächst nur in einer Lehre als Stickereizeichner ausbilden, ging dann aber schliesslich doch nach Paris, um an der Ecole des Beaux-Arts Malerei zu studieren.

Zurück zu Stoffen und Kleidern: Die Malerei war eine kurze Episode

Eher zufällig geriet er dort wieder in Berührung mit Kleidern und Kostümen. Er begann als Designer für Music-Halls zu arbeiten und entwarf 1924 erste Filmkostüme – für «Monsieur Beaucaire» mit Rudolph Valentino und für «Madame Sans-Gêne». Hier spielte Gloria Swanson die Titelrolle; nach Ende der Dreharbeiten nahm sie René Hubert mit nach Hollywood und brachte seine Karriere als Kostümbildner furios in Gang. Er hatte Engagements bei Paramount und Metro Goldwyn Mayer; allein für Twentieth Century-Fox stattete er in sieben Jahren vierzig Filme aus.

Dass er zwar zweimal nominiert wurde, aber keinen Oscar bekam, lässt sich einfach erklären: Es gab erst ab 1949 eine eigene Kategorie Kostümdesign. In diesen Jahren begann sich Hubert mehr und mehr aus Hollywood zurückzuziehen - was mit dem zunehmend homophoben Klima der McCarthy-Ära zu tun haben könnte.

Filmkostüme für Laurence Olivier und Vivien Leigh in «That Hamilton Woman», US 1941.

Filmkostüme für Laurence Olivier und Vivien Leigh in «That Hamilton Woman», US 1941.

Bild: Museum für Gestaltung Zürich

Leider sind in der Ausstellung nur wenige Kostüme zu sehen: Stücke aus «That Hamilton Woman», einem Historienfilm mit Vivien Leigh und Laurence Olivier beispielsweise, aus «Désirée» und «The Visit», der Verfilmung von Dürrenmatts «Besuch der alten Dame» mit Ingrid Bergman und Anthony Quinn. Die Originalkostüme von privaten Sammlern auszuleihen und unter Pandemiebedingungen nach Zürich zu transportieren, war aufwendig und teuer.

Zurück in die Zukunft: Kostüme für Historiendramen und Science-Fiction

Kostümentwurf für einen unbekannten Film von Twentieth Century-Fox, 1943.

Kostümentwurf für einen unbekannten Film von Twentieth Century-Fox, 1943.

Bild: Collection Cinémathèque suisse

Dafür ist jedoch der Nachlass, den das Museum für Gestaltung vom Ostschweizer Sammler Rolf Ramseier übernommen hat, ein reicher Schatz. Die Ausstellung zeigt Stills und Ausschnitte aus zahlreichen Filmen, Werkfotos und Entwurfszeichnungen und zeichnet die vielseitige Karriere Huberts nach: auch Arbeiten für Musicals im Londoner Westend oder den frühen, stilbildenden Science-Fiction-Film «Things to Come».

Sichtbar wird auch die hohe Qualität der Hollywood-Kostüme: Sie mussten perfekt sitzen und, anders als beim Theater, Nahaufnahmen standhalten. Hubert passte sie dem Wandel der bewegten Bilder von Schwarz-Weiss zu Technicolor und Cinemascope an. Dass er für besonders hochwertige Kleider auch Stoffe aus der Schweiz und St. Galler Stickerei einsetzte, liegt nahe, denn er bewegte sich rege zwischen Amerika und Europa und entwarf selbst Stoffe, etwa für die exportorientierte Firma Stoffel aus Schmerikon.

Nach seinem Rückzug aus Hollywood lebte René Hubert von 1952 bis 1960 wieder in St. Gallen und übernahm mehrfach Kostümentwürfe für das Theater, beispielsweise für Mozarts «Così fan tutte», die Jubiläumsproduktion zum 150-jährigen Bestehen des Theaters St. Gallen. Er wurde nicht wieder «der Huber», vielmehr brachte er auf unprätentiöse Art einen Hauch Hollywood in die biedere Schweiz.