Corona-Idee
«Kunst ist mehr als nur Picasso»: Der Flawiler Felix Stöckle gewinnt mit seinem Projekt «Paper View» den dritten Platz beim Ideenwettbewerb der SRF-Sendung «Kulturplatz»

Zusammen mit seiner Partnerin Sophie Benvenuti zeigt der 26-Jährige ab Ende Januar auf Plakatsäulen in St.Gallen, Biel und Vevey Werke von jungen Kunstschaffenden. Er bringt damit Kunst in den öffentlichen Raum und will den Röstigraben überwinden. Am 6. Januar wird «Paper View» im «Kulturplatz» vorgestellt.

Christina Genova
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Sophie Benvenuti und Felix Stöckle mit Hündchen Ruby und Siebdruckpresse in ihrem Bieler Atelier Q90.

Sophie Benvenuti und Felix Stöckle mit Hündchen Ruby und Siebdruckpresse in ihrem Bieler Atelier Q90.

Bild: PD

Ausstellungen, die verschoben, gestrichen oder vorzeitig geschlossen wurden. Vernissagen, die entweder gar nicht, oder via Zoom oder Skype stattfanden. «Ich wollte trotz Corona weiterarbeiten, aber wo sollte ich meine Werke zeigen? Deshalb fehlte mir zunehmend die Energie», sagt der Künstler Felix Stöckle.

Die fehlenden Ausstellungsmöglichkeiten, aber auch der Frust über die mangelhafte Unterstützung der Künstlerinnen und Künstler, brachten den gebürtigen Flawiler und seine Partnerin, die Illustratorin Sophie Benvenuti, auf eine Idee, die auch Jury der SRF 1-Sendung «Kulturplatz» überzeugte. Diese wollte den von der Pandemie stark betroffenen Kulturschaffenden eine zusätzliche Plattform bieten und lancierte deshalb den Wettbewerb Kultur-Kick. Die Gewinner und ihre Projekte werden in der Sendung porträtiert. Mehrere Dutzend Kulturschaffende machten mit. Stöckle und Benvenuti, die aus Vevey stammt, landeten mit ihrem Projekt «Paper View» auf Platz drei.

Am Mittwoch, 6. Januar, wird nun der Beitrag über Stöckle und Benvenuti ausgestrahlt. Ausgewählt wurde ihr Projekt von einer Jury, bestehend aus Fanni Fetzer, der Direktorin des Kunstmuseums Luzern, der Schauspielerin und Bernhard-Theater-Leiterin Hanna Scheuring und dem Autor Pedro Lenz. Das Publikum konnte online abstimmen.

Mit «Paper View» zeigen Stöckle und Benvenuti Werke von Künstlerinnen und Künstlern aus der West- und Ostschweiz an Plakatsäulen der Städte St.Gallen, Biel und Vevey. Darüber hinaus hat das Projekt nichts weniger als das Ziel, den Röstigraben zu überwinden, den kulturellen Austausch und die Vernetzung zwischen den Landesteilen zu fördern: So stellen die Ostschweizer Kunstschaffenden nicht in St.Gallen, sondern in Vevey und Biel aus, die Künstlerinnen und Künstler aus dem Kanton Waadt entsprechend in Biel und St.Gallen.

Biel, das verruchtere St.Gallen

«Paper View» ist für Stöckle auch eine Möglichkeit, Kunst der ganzen Bevölkerung zugänglich zu machen. Der 26-Jährige will sie auf die «coolen» Kulturszenen in den anderen Landesteilen aufmerksam machen: «Kunst ist mehr als nur Picasso.» Es sind vor allem Künstlerinnen und Künstler aus dem Netzwerk von Stöckle und Benvenuti, die mitmachen, die Mehrheit ist jünger als 35 Jahre. Mit dabei sind unter anderem das Weinfelder Peng Peng Duo, die diesjährige St.Galler Manor-Preisträgerin Martina Morger, der Illustrator Dario Forlin aus St.Gallen oder die aus dem thurgauischen Buhwil stammende Cheyenne Oswald, die heute in Basel lebt.

Einblick ins Bieler Studio Q90, wo Künstlerinnen und Künstler aus der West- und Ostschweiz ihre Plakate für das Projekt« Paper View» drucken werden.

Einblick ins Bieler Studio Q90, wo Künstlerinnen und Künstler aus der West- und Ostschweiz ihre Plakate für das Projekt« Paper View» drucken werden.

Bild: PD

Mit «Paper View» haben Stöckle und Benvenuti nicht nur die «Kulturplatz»-Jury überzeugt, sondern auch die Kulturförderung von Stadt und Kanton St.Gallen, die beide das Projekt finanziell unterstützen. Die beiden Kreativen hoffen, dass noch weitere Unterstützungsgesuche bewilligt werden, damit sie den Künstlerinnen und Künstlern ein Honorar bezahlen können.

Am 25. Januar geht es los: Dann hängen an den über 30 Kultursäulen der Stadt St.Gallen die ersten Plakate, die das Projekt ankündigen. Sie stammen von Stöckle, Benvenuti und der Grafikerin Diotima Grossert aus Biel, mit welcher die beiden das Studio teilen. Danach werden bis im Dezember jeden Monat jeweils während einer Woche zwei Künstlerplakate zu sehen sein.

Zwar lebt Felix Stöckle seit Oktober in Biel und studiert in Luzern, wo er demnächst seinen Bachelor in Kunst und Vermittlung abschliesst. Mit der Ostschweizer Kulturszene ist er aber weiterhin eng verbunden und vernetzt:

«Ich schätze St.Gallen als Kulturpflaster sehr.»

In Biel hat er sich gut eingelebt, vieles dort erinnere ihn an St.Gallen: Beide Städte, hätten einen dörflichen Charakter, verfügten über viele Grünflächen, eine schöne Altstadt und eine Migros, die Neumarkt heisse: «Manuel Stahlbergers Neumarkt-Lied kann man also auch hier hören», sagt Stöckle verschmitzt. Biel sei aber einen Touch trashiger und verruchter als St.Gallen.

Atelier, Werkstatt und Off-Space

Hohe Decken, Jugenstilfassade, riesige Räume: Das Studio Q90 in Biel.

Hohe Decken, Jugenstilfassade, riesige Räume: Das Studio Q90 in Biel.

Bild: PD

Dreh- und Angelpunkt von «Paper View» ist das im Herbst neu gegründete Studio Q90 in Biel, wo Stöckle, Benvenuti und Grossert arbeiten. Stöckle sagt selbstbewusst:

«Wir wollen ein Knotenpunkt zwischen Ost- und Westschweiz sein.»

In den zwei riesigen Räumen, die über vier Schaufenster verfügen, betreiben sie die öffentliche Siebdruckwerkstatt Turbo Press.

Das Logo von Studio Q90 besteht aus drei miteinander verbundenen Delphinen.

Das Logo von Studio Q90 besteht aus drei miteinander verbundenen Delphinen.

Bild: PD

Dies wurde möglich, weil sie auf einer Auktion sehr günstig eine Siebdruckmaschine erwerben konnten. Damit werden die an «Paper View» beteiligten Künstlerinnen und Künstler ihre Plakate im Weltformat drucken. Stöckle und Benvenuti haben ihnen dafür eine Carte Blanche erteilt und einzig ein Farbkonzept fürs ganze Jahr bestimmt.

Das Studio Q90 ist aber nicht nur Atelier und Werkstatt, sondern auch Off-Space. Stöckle will dort regelmässig auch Künstlerinnen und Künstler aus der Ostschweiz ausstellen: «Für mich ist es sehr wichtig, den Kontakt zur St.Galler Kunstszene zu halten», sagt Stöckle. Bereits zu sehen waren eine Performance des gebürtigen Gaisers Wassili Widmer und animierte Projektionen der St.Gallerin Louisa Zürcher.

Stöckle hofft, dass er am Ende von «Paper View» eine Wanderausstellung mit allen Plakaten realisieren kann, auch eine Publikation ist angedacht: «Und wenn das Projekt gut läuft, wollen wir es 2022 nochmals durchführen.»

Hinweis: Ausstrahlung der Sendung« Kulturplatz» mit dem Porträt von Felix Stöckles Projekt «Paper View» 6. Januar, 22.25 Uhr, SRF 1. Die Sendung ist danach auf Play SRF abrufbar.