Coronakultur
«Hey, wir sind noch am Leben. Wir vermissen euch, bleibt uns treu»: Der Romanshorner Schauspieler Florian Rexer liest per Livestream in verwaisten Ostschweizer Restaurants

«Rexer alive» heisst Florian Rexers neue Reihe von kurzen Lesungen aus Gaststuben, Küchen und Weinkellern. Damit will er ein Lebenszeichen aussenden und die Aufmerksamkeit auf die von der Pandemie besonders betroffene Gastronomiebranche lenken.

Christina Genova
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Florian Rexer liest in geschlossenen Ostschweizer Restaurants: für sich selbst, für die krisengeschüttelten Gastronomen und fürs Publikum.

Florian Rexer liest in geschlossenen Ostschweizer Restaurants: für sich selbst, für die krisengeschüttelten Gastronomen und fürs Publikum.

Bild: Donato Caspari

Eigentlich wäre Florian Rexer jetzt mit seiner Frau in Indien am Meditieren – kein Witz. Um die Batterien aufzuladen für die anstrengende Zeit im Sommer mit den Schlossfestspielen Hagenwil, wo er künstlerischer Leiter ist. Und für den Herbst und Winter, wenn er mit seinen beliebten Dinner-Events, bei welchen er Essen mit Comedy und Schauspiel kombiniert, sehr gut ausgelastet ist.

In Zeiten der Pandemie ist jedoch weder Meditieren und erst recht keine Indienreise angesagt beim 44-jährigen Romanshorner. Der umtriebige Schauspieler und Komiker kann und will trotz Kulturlockdowns nicht die Hände in den Schoss legen: «Ich muss irgendetwas machen – ganz egoistisch.» Er hat ein neues Projekt lanciert, bei welchem es jedoch nicht nur um ihn, sondern auch um die Restaurants geht, mit denen er bei seinen Kulturveranstaltungen schon lange zusammenarbeitet.

Bereit, auch gratis aufzutreten

Die Reihe heisst «Rexer alive» und bringt zwei Branchen zusammen, die von der Covid-Krise besonders hart getroffen sind. Rexer wird leerstehende Gaststuben, Küchen und Weinkeller in der ganzen Ostschweiz besuchen und dort in kurzen Livesendungen «schöne Geschichten für Jung und Alt» vorlesen. Maximal 30 Minuten sollen die Lesungen dauern.

Florian Rexer und Moez Ouerfelli (rechts), der Inhaber des Panem Romanshorn, im Instagram-Post. Darin macht Rexer auf seine neue Reihe «Rexer alive» aufmerksam.

Florian Rexer und Moez Ouerfelli (rechts), der Inhaber des Panem Romanshorn, im Instagram-Post. Darin macht Rexer auf seine neue Reihe «Rexer alive» aufmerksam.

Screenshot: gen

Wie der Titel schon sagt, geht es darum, ein Lebenszeichen auszusenden: «Hey, wir sind noch am Leben. Wir vermissen euch, bleibt uns treu», das sei die Botschaft. Denn sowohl bei Rexer als auch bei den Gastronomen ist die Furcht gross, beim Publikum in Vergessenheit zu geraten:

«Viele können sich keine Marketingmassnahmen mehr leisten und haben Angst, dass sich das Sprichwort ‹Aus den Augen, aus dem Sinn› bewahrheitet.»

Besonders betroffen gemacht hat Rexer der Hilferuf von Moez Ouerfelli, dem Inhaber des Panem in Romanshorn, mit welchem er schon lange zusammenarbeitet. «Wir halten das nicht mehr lange aus,» schrieb der Gastronom kürzlich auf Facebook.

Das Panem ist deshalb einer der ersten Orte, wo der Schauspieler Halt macht mit «Rexer alive». Am Mittwoch, 17. Februar, 20 Uhr meldet er sich per Livestream direkt aus dem verwaisten Restaurant. Rexer ist überzeugt, dass die Bilder des leeren Gastraums bei den Menschen etwas auslösen werden. Der Auftakt der Reihe findet jedoch schon am Dienstag, 16. Februar, um 17 Uhr in der Weinhandlung Martel beim St.Galler Hauptbahnhof statt. Martel unterstützt das Format als erster Gönner.

Geld steht bei «Rexer alive» nicht im Vordergrund. Der Schauspieler hofft zwar auf Spenden von Sponsoren und Gönnern: «In erster Linie geht es mir aber darum, etwas für andere zu tun.» Er sei auch bereit, gratis aufzutreten.

Kulturelle Veranstaltungen sind keine Hotspots der Pandemie

Florian Rexer ist optimistisch, dass Auftritte wie hier 2019 in der Alten Stuhlfabrik in Herisau im Sommer wieder möglich sind.

Florian Rexer ist optimistisch, dass Auftritte wie hier 2019 in der Alten Stuhlfabrik in Herisau im Sommer wieder möglich sind.

Bild: Urs Bucher

Doch woher schöpft Rexer die Kraft, mitten in der Krise ein neues Projekt zu stemmen? Bei der Antwort wird der Schauspieler fast schon pathetisch: «Ich glaube an die Berufung, die grosse Kraft, mit welcher die Künstler verbunden sind und die sie dazu bringt, sich gegen jede Vernunft der brotlosen Kunst zu widmen.»

Von Rexer sind auch kritische Töne zu hören. So gibt er zu bedenken, dass es dank eines umfassenden Schutzkonzepts bei den Schlossfestspielen Hagenwil 2020 keinerlei Ansteckungen gegeben habe. Auch sonst sei ihm kein einziger Fall einer Covid-19-Infektion bekannt, die an einer kulturellen Veranstaltung stattgefunden hätte. Auch die Restaurants hätten hohe Sicherheitsvorkehrungen getroffen:

«Politik und Wirtschaft diskutieren vor allem über die finanziellen Folgen der Pandemie. Doch es geht auch um die Würde und die Moral der Menschen.»

Wofür Rexer jedoch gar kein Verständnis hat, sind Berufskollegen, welche die Massnahmen der Politik frontal angreifen und hinterfragen: «Das bringt keinen weiter, das ist selbstzerstörerisch.» Die Menschen wollten über Komiker lachen: «Gesellschaftskritik ist nicht unser Job.»

Schlossfestspiele Hagenwil 2021

Die Schlossfestspiele Hagenwil finden im August 2021 zum zwölften Mal statt. In der Sommerkomödie «Mirandolina» von Carlo Goldoni wird Bigna Körner die Hauptrolle spielen. Mit dem Kinderstück «Des Kaisers neue Kleider» ist eine Tournee geplant. (gen)

Die ersten zwei Folgen von« Rexer alive» finden am Dienstag, 16. Februar, 17 Uhr in der Weinhandlung Martel in St.Gallen und am Mittwoch, 17. Februar, 20 Uhr im Panem Romanshorn statt. Der Link zum Livestream wird demnächst auf Florian Rexers Website rexer.ch und in den sozialen Medien aufgeschaltet.