Coronafragebogen #1-30
Wie 30 Ostschweizer Kulturschaffende auf Coronafragen antworten

Wie meistern Kulturschaffende die Pandemie? Diese Frage haben wir in den vergangenen Monaten 30 Ostschweizer Künstlerinnen und Künstlern gestellt. Die einen fanden plötzlich Zeit zum Aufräumen, andere verzichteten gern auf Begrüssungsküsschen, und alle wollen der Kulturbranche treu bleiben. Ein Rückblick auf 30 Coronafragebogen.

Roger Berhalter
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Leuchtreklame mit dem Schriftzug «Ohne Kunst und Kultur wird's still», mit dem Kulturschaffende während der Pandemie auf sich aufmerksam machten.

Leuchtreklame mit dem Schriftzug «Ohne Kunst und Kultur wird's still», mit dem Kulturschaffende während der Pandemie auf sich aufmerksam machten.

Bild: Imago

Sie hatten es nicht leicht, die Kulturschaffenden. Seit März 2020 herrschte für viele ein faktisches Berufsverbot wegen Corona, weil sie nicht vor Publikum auftreten und nicht singen, spielen, tanzen oder ausstellen konnten. Es hätte uns deshalb nicht überrascht, wenn das grosse Jammern losgegangen wäre, als wir unseren Coronafragebogen im vergangenen November starteten.

Und tatsächlich gab es in der ersten Ausgabe wenig Positives zu lesen. Melanie Danuser von der Band Mischgewebe erzählte, wie ihr gerade 20'000 Franken Einnahmen entgangen seien, und wie sie 50 Konzerte aus der Agenda habe streichen müssen.

Melanie Danuser vom Electropop-Duo Mischgewebe.

Melanie Danuser vom Electropop-Duo Mischgewebe.

Bild: Nik Roth

Coronafragebogen – Die Idee

Jede Woche stellen wir einer oder einem Ostschweizer Kulturschaffenden dieselben Fragen: Das war die Idee unseres Coronafragebogens, den wir von November 2020 bis Juni 2021 jeden Freitag online publizierten. Es handelte sich um eine Carte Blanche für Kulturschaffende; wir haben die Antworten jeweils nur minimal redigiert und allenfalls gekürzt, ansonsten aber nicht bearbeitet. Das Ziel war, möglichst im Originalton zu erfahren, wie Autoren, Künstlerinnen, Kabarettisten und andere Kulturschaffende die Pandemie meistern und wie sie mit dem faktischen Berufsverbot umgehen. Zudem stellten wir jeweils eines ihrer aktuellen Projekte vor. Eine Liste mit allen 30 Beiträgen zum Nachlesen finden Sie zuunterst in diesem Artikel.

Keine Männer mit Bart mehr küssen

Doch die Fragebogenserie geriet nicht zum Jammertal. Viele der von uns angefragten Tänzerinnen, Autoren, Künstler, Musikerinnen und Theaterschaffenden konnten der Pandemie auch Positives abgewinnen, gaben teils überraschende, verblüffende und immer inspirierende Antworten.

Sie müsse sich nun nicht mehr verpflichtet fühlen, «Männer mit Bart oder Halbbart zu küssen», sagte etwa die Künstlerin Harlis Schweizer. (Wenn Sie diesen und weitere Beiträge nachlesen wollen, finden Sie zuunterst in diesem Artikel eine Liste mit allen 30 Fragebogen.)

Die Künstlerin Harlis Schweizer.

Die Künstlerin Harlis Schweizer.

Bild: Ralph Ribi

Sie habe eine Atempause gebraucht, sagte die Tänzerin Robina Steyer, und Corona habe ihr diese Pause ermöglicht. «Ich kann aufräumen, in Erinnerungen graben und entdecke Dinge wieder, die ich vergessen hatte», sagte Floriana Frassetto vom Theater Mummenschanz, die eigentlich durch Südkorea, China und Saudi Arabien hatte touren wollen.

Floriana Frassetto vom Theater Mummenschanz.

Floriana Frassetto vom Theater Mummenschanz.

Bild: PD

Manche liess Corona scheinbar (fast) ungerührt. So wie den Musiker Dominik Kesseli:

«Ausser dass ich nicht mehr live spielen kann, hat sich nicht viel verändert. Ich gehe täglich in mein Probelokal und übe.»"

Künstler Beni Bischof beschrieb seinen Arbeitsalltag so: «Ich bin sehr oft in einer Art Quarantäne.» Schon vor Corona sei das so gewesen.

Kritische Töne kamen etwa vom Appenzeller Volksmusiker Noldi Alder, den die Pandemie fast an einen Kriegszustand erinnerte. «Die Menschen sind eingenommen von einer Angst, welche das Durchführen sämtlicher kultureller Tätigkeiten verunmöglicht», stellte Alder fest.

Der Volksmusiker Noldi Alder.

Der Volksmusiker Noldi Alder.

Bild: Elias Bricker

Ein Branchenwechsel ist keine Option

Manche mussten sich in den vergangenen Monaten einen anderen Brotjob suchen, um die finanziellen Ausfälle zu überbrücken. Doch die Kulturbranche ganz zu verlassen, das kam für keine der Interviewten in Frage. Auf unsere Frage «Denken Sie manchmal ans Aufhören?» schallte uns ein 30-faches «Nein!» entgegen.

«Die Entscheidung, Künstlerin zu sein, habe ich vor vielen Jahren getroffen, und sie hat mehr Gewicht als solch eine temporäre Krise.»

Das sagte die Tänzerin Hella Immler. Der Kabarettist Manuel Stahlberger antwortete mit einem Superlativ: «Ich habe den besten Beruf, den ich mir denken kann.»

Ab kommender Woche finden Sie unter www.tagblatt.ch/kultur/ostschweizerkultur jeden Freitag einen neuen Fragebogen. Wieder beantworten ihn Ostschweizer Kulturschaffende. Doch soll es jetzt, wo Veranstaltungen wieder möglich sind, nicht mehr um Corona gehen, sondern um persönliche Perspektiven nach der Pandemie.