Corona-Fragebogen #1
Wie meistern Kulturschaffende die Pandemie? «Mehr als 50 Konzerte sind für uns ausgefallen», sagt die St.Galler Band Mischgewebe

In einer Serie bieten wir jeden Freitag Ostschweizer Kulturschaffenden eine Bühne und stellen ihre Projekte vor. Heute Folge 1 mit Melanie Danuser von der St.Galler Band Mischgewebe. Sie musste Dutzende Konzerte aus ihrem Kalender streichen. Dafür fand sie Zeit, ein neues Album zu schreiben.

Roger Berhalter
Merken
Drucken
Teilen
«Wie hoch unsere Einbussen sind? Wir haben aufgehört zu zählen»: Melanie Danuser und Bill Bühler alias Mischgewebe.

«Wie hoch unsere Einbussen sind? Wir haben aufgehört zu zählen»: Melanie Danuser und Bill Bühler alias Mischgewebe.

Bild: Nik Roth (St.Gallen, 4. Juni 2020)

Melanie Danuser und Bill Bühler alias Mischgewebe hätten dieses Jahr durchstarten wollen. Die beiden 24-Jährigen spielen sphärisch-vernebelten elektronischen Pop und haben damit den Wettbewerb «bandXost» 2019 gewonnen. Normalerweise bedeutet dieser Sieg den Startschuss für eine Musikerkarriere. Doch in diesem Jahr war alles anders.

Was hat sich für Sie seit Ausbruch der Pandemie verändert?

Melanie Danuser: Einiges. Wir hatten plötzlich keine Konzerte mehr, damit fiel unsere Haupteinnahmequelle weg. Ich musste mir einen neuen Nebenjob suchen, und dieser ist wortwörtlich ein Brotjob. Ich verkaufe zwei Tage die Woche Brot in der Ässbar in Zürich.

Können Sie trotz der Einschränkungen Ihrer Kunst nachgehen?

Ja. Aber mehr im privaten Rahmen. Bill und ich verbringen viel Zeit mit unserer Musik. Im Sommer hatten wir sogar genug Freiraum, um ein neues Album zu schreiben – obwohl das erste ja noch gar nicht veröffentlicht ist. Diesen Release haben wir wegen der Pandemie verschoben.

Wie hoch sind Ihre Einbussen wegen Corona? Was fällt für Sie alles ins Wasser?

Wir haben aufgehört zu zählen. Aber allein durch unsere abgesagte Tour im Frühling haben wir über 20 000 Franken verloren. Mehr als 50 Konzerte sind dieses Jahr für uns ausgefallen.

Denken Sie manchmal ans Aufhören?

Nein!

Was spornt Sie an weiterzumachen?

Wir machen Musik, weil wir ein riesiges Bedürfnis und eine grosse Lust haben, das zu machen. Dieser Antrieb verschwindet nicht wegen Corona. Es braucht jetzt einfach Geduld und einen langen Atem.

Gibt es für Sie auch positive Coronaeffekte?

Wir hatten viel mehr Zeit, um Ideen zu verfolgen. Zum Beispiel haben wir unsere Live-Instrumentierung neu organisiert, da konnten wir vieles ausprobieren. Wir hatten auch viel Zeit, um zu besprechen, wie wir etwas angehen wollen. Ohne Pandemie hätten wir Entscheidungen schneller treffen müssen, was vielleicht nicht immer optimal gewesen wäre.

Was wünschen Sie sich für 2021?

Ich wünsche mir, dass die Kultur überlebt, und dass wir uns wieder einem spassigen, lebendigen Kulturleben annähern. Rausgehen, zusammen mit anderen Menschen etwas erleben und teilen: Diese Inspiration und dieser Austausch fehlen im Moment sehr. Und ich wünsche mir, dass die Politik erkennt, was für einen Stellenwert die Kultur hat.

Aktuelles Projekt: Neue Single «Come Down» mit Video

«Das ist mit Abstand das aufwendigste Musikvideo, das wir je gemacht haben. Zusammen mit dem Animationskünstler Benjamin Lüthold und der Tänzerin Sarah Keusch haben wir in einem Motion-Capture-Studio gefilmt. Anschliessend hat Benjamin daraus das Video gemacht. Den Song hatten wir ursprünglich für ein Theaterstück geschrieben. Er ist während einer Theaterprobe über Mittag innert einer halben Stunde entstanden.

Den Text habe ich für unser Album «Violet», das im Frühling erscheint, noch einmal neu geschrieben. Ich singe im Song vom Erwachsenwerden, vom Sich-Lösen-von-Zuhause, was ja einerseits schön, anderseits auch traurig ist.» (Melanie Danuser, Sängerin von Mischgewebe)

Mischgewebe live im Finale des «bandXost»-Wettbewerbs:28. November, ab 18 Uhr, Grabenhalle, St.Gallen
(ohne Publikum vor Ort, nur im Live-Stream unter www.bandxost.ch)