Corona-Fragebogen #9
Wie meistern Kulturschaffende die Pandemie? «Ohne Publikum, das ist wie Pizza ohne Belag», sagt die Thurgauer Kabarettistin Martina Hügi

In einer Serie bieten wir jeden Freitag Ostschweizer Kulturschaffenden eine Bühne und stellen ihre Projekte vor. Heute Folge 9 mit der Kabarettistin Martina Hügi aus Tägerwilen: Sie musste mit ihrem Soloprogramm pausieren und hat durch die Pandemie einiges gelernt. Zum Beispiel, dass Online-Auftritte ohne Publikum eben nicht dasselbe sind.

Roger Berhalter
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«Wir tauschen uns in Kleingruppen auf Skype aus. Das widerspricht völlig meinem Perfektionismus»: Die Kabarettistin Martina Hügi hat in der Pandemie neue Arbeitsroutinen entwickelt.

«Wir tauschen uns in Kleingruppen auf Skype aus. Das widerspricht völlig meinem Perfektionismus»: Die Kabarettistin Martina Hügi hat in der Pandemie neue Arbeitsroutinen entwickelt.

Bild: Andrea Stalder (18. Juli 2018)

Martina Hügi machte sich mit ihren Texten zunächst in der Poetry-Slam-Szene einen Namen. Vor der Pandemie war die ausgebildete Heilpädagogin mit «Delirium» auf Tour, ihrem ersten abendfüllenden Soloprogramm als Kabarettistin. Und die 34-Jährige hatte sich schon auf die Künstlerbörse in Thun gefreut, einer wichtigen Plattform für Kleinkunst. Seit Februar ist die Tägerwilerin als Autorin im Team der SRF-Morgenshow «Zwei am Morge» auf Youtube dabei.

Was hat sich für Sie seit Ausbruch der Pandemie verändert?

Martina Hügi: Anfangs wurden alle Auftritte abgesagt. Die Sendung «Deville» war unter Quarantänemassnahmen noch das Letzte, was ich Ende März machen durfte. In der Not entstanden viele Projekte im Internet - ohne Publikum, dafür mit schlechter Gage. Da merkte ich schnell, das Publikum ist für mich das Elixier als Bühnenkünstlerin. Im Sommer fanden viele Open-Air-Auftritte statt, wobei ich feststellte: Wir haben uns alle gefehlt. Die Zuschauenden waren extrem dankbar, wieder Kultur erleben zu dürfen und eine Pause vom neuen Alltag zu haben. Jetzt stehe ich wie viele andere wieder am Anfang und hoffe - wie wohl alle - auf eine gesunde Rückkehr zur Normalität.

Können Sie trotz der Einschränkungen Ihrer Kunst nachgehen?

Vor der Pandemie konnte ich neues Material auf offenen Bühnen, Comedy-Mics und Poetry Slams weiterentwickeln. Dieser geschützte Rahmen fehlt mir nun. Dementsprechend plage ich meine Freundinnen und Freunde immer wieder für Feedback, wir tauschen uns in Kleingruppen auf Skype aus. Das widerspricht völlig meinem Perfektionismus, ist aber vielleicht gerade deswegen auch mal gut. Es gibt wieder einzelne Anfragen für Online-Auftritte ohne Publikum, die ich meist dankbar annehme. Zudem habe ich wieder etwas Zeit zum «Leben», weil sich genau da spannende Geschichten abspielen, die ich wiederum für das Erarbeiten neuer Texte verwenden kann. Aber grundsätzlich befindet sich die Bühnenkunst nun im Winterschlaf.

Wie hoch sind Ihre Einbussen wegen Corona? Was fällt für Sie alles ins Wasser?

Oje, das blende ich aus, weil’s mich nicht glücklich macht. Vieles wird verschoben auf unbestimmt und ich fokussiere mich lieber auf das, was ich verändern kann. Zum Beispiel die Wohnung ausmisten... wollen... bald...

Denken Sie manchmal ans Aufhören?

Nein, solange es mir Spass macht und dem Publikum auch, denke ich nicht ans Aufhören.

Was spornt Sie an weiterzumachen?

Es gibt noch so viele Geschichten und Ideen, die erzählt werden wollen! Auch habe ich das Gefühl, erst gerade anzufangen, und das schon seit zwei Jahren. Darum freue ich mich auf alles, was hoffentlich noch kommt.

Gibt es für Sie auch positive Coronaeffekte?

Ich war selten so oft zu Hause wie dieses Jahr und habe meine Wohnung es bizzeli gemütlicher eingerichtet. Dass ich überhaupt ein Sofa besitze, war mir vorher nicht bewusst. Es ist nun zu einer zweiten Heimat geworden. Natürlich sehe ich - besonders als Heilpädagogin - immer wieder Positives. Besonders im Kleinen. Wenn im Bus jemand eine andere Person bittet, die Maske richtig anzuziehen oder einem der Busfahrer um 14 Uhr «en schöne Fiirobig» wünscht.

Was wünschen Sie sich für 2021?

Ein Happy End der Pandemie.

Unter dem Namen Trio Logorrhö tritt Martina Hügi zusammen mit der Thurgauer Kabarettistin Lara Stoll auf.

Unter dem Namen Trio Logorrhö tritt Martina Hügi zusammen mit der Thurgauer Kabarettistin Lara Stoll auf.

Bild: Dieter Langhart (9. Februar 2019)

Aktuelles Projekt: Das «Delirium» weiter entwickeln

Martina Hügi wird zusammen mit der Agentur Drehundangel daran arbeiten, ihr Soloprogramm «Delirium» in verschiedenen Kleintheatern der Schweiz spielen zu können. Durch die Erlebnisse im letzten Jahr sei das Programm noch dichter und abwechslungsreicher geworden sei, sagt sie:

«So ein Delirium – Bin ich verrückt? Oder bilde ich mir das nur ein? – haben wir wohl alle ein bisschen erlebt.»

Momentan stehen viele kleinere Projekte an: Seit kurzem nimmt Hügi Gesangsstunden, dabei lerne sie sehr viel über sich selbst. Auch werde sie weiterhin regelmässige Treffen haben mit einer Frauengruppe und der Comedy-16-Gruppe, um Ideen auszutauschen und neues Material auszutesten.

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