Corona-Fragebogen #8
Wie meistern Kulturschaffende die Pandemie? «Ausfallentschädigungen gab es kaum», sagt die Musikerin, Musikpädagogin und Autorin Kristin Thielemann

In einer Serie bieten wir jeden Freitag Ostschweizer Kulturschaffenden eine Bühne und stellen ihre Projekte vor. Heute Folge 8 mit der Musikerin, Fachbuchautorin und Dozentin Kristin Thielemann aus Kreuzlingen: Sie ist im Lockdown zur Expertin für digitalen Unterricht geworden, produziert Podcasts und führt Webinare für Musiklehrer durch. Kindern und Jugendlichen die Musik als Ausdrucksform zu erschliessen, tröstet sie über das Fehlen von Konzerten hinweg.

Bettina Kugler
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Kristin Thielemann, Musikerin, Trompetenlehrerin und Fachbuchautorin. Neu produziert sie auch Podcasts zu musikpädagogischen Themen.

Kristin Thielemann, Musikerin, Trompetenlehrerin und Fachbuchautorin. Neu produziert sie auch Podcasts zu musikpädagogischen Themen.

Bild: privat

Die 42-jährige Musikerin, in Norddeutschland aufgewachsen und als Trompetenlehrerin an der Musikschule der Jugendmusik Kreuzlingen tätig, klagt nicht gern über verschlossene Türen – lieber geht sie durch offene. Schon vor Corona hat sie multimedial unterrichtet und Bücher für Eltern und Musiklehrer geschrieben: «Jedes Kind ist musikalisch», «Voll motiviert», gerade erst «Ganz schön wild!» (siehe unten). Selbst hatte sie abgesehen von wenigen Live- und Streamkonzerten 2020 kaum Auftritte. Für ihre Schülerinnen und Schüler suchte sie nach Alternativen: digitale Vorspiele, 1-Kind-Konzerte, digitale Wettbewerbe. Ihr ist wichtig, «dass die Kinder und Jugendlichen im Musizieren eine Zuflucht und eine künstlerische Ausdrucksmöglichkeit finden».

Was hat sich für Sie seit Ausbruch der Pandemie verändert?

Kristin Thielemann: Eigentlich fast alles: Mein Unterricht an der Musikschule ist nun eine Kombination aus Präsenzunterricht geben mit vielen digitalen Elementen. Zudem musste ich lohnende Unterrichtsziele für so eine unsichere Zeit finden. Zum Start des ersten Lockdowns im März 2020 bin ich quasi über Nacht zur Podcasterin und Anlaufstelle für Fragen rund um den Online-Unterricht geworden. Meine Arbeit als Autorin von Musikpädagogik-Büchern ist derzeit noch nicht betroffen. Allerdings habe ich kürzlich in den Medien gelesen, dass den Musikverlagen das Wasser bis zum Hals steht. Es könnte also auch hier noch Veränderungen gehen.

Anfragen für Livekonzerte gibt es seit Beginn der Krise kaum noch. Das schmerzt mich persönlich am meisten. Dafür habe ich aber sehr viel mehr Anfragen für Fortbildungen, meistens Online-Seminare zum Thema Motivation im analogen und digitalen Musikunterricht.

Selbst voll motiviert: Kristin Thielemann in Aktion.

Selbst voll motiviert: Kristin Thielemann in Aktion.

Bild: privat

Können Sie trotz der Einschränkungen Ihrer Kunst nachgehen?

Abgesehen von wenigen Live- oder Streamkonzerten, bei denen ich Trompete spiele, versuche ich verstärkt meinen Schülerinnen und Schülern Möglichkeiten zu geben, sich in dieser Krise künstlerisch auszudrücken. Manches, wie digitale Schülervorspiele, meine Konzertreihe der 1-Schülerkonzerte (ein Schüler musiziert unter Berücksichtigung der geltenden Corona-Bestimmungen für sein Publikum, ich begleite ihn dabei am Klavier) oder ein digitaler Wettbewerb, den ich an der Musikschule der Jugendmusik Kreuzlingen initiiert hatte, ist für die Öffentlichkeit sichtbar. Wichtig ist mir aber auch, dass die Kinder und Jugendlichen im Musizieren eine Zuflucht für sich selbst finden, eine Möglichkeit, sich selbst künstlerisch auszudrücken - auch ganz für sich alleine.

Wie hoch sind Ihre Einbussen wegen Corona?

Finanziell sind die Einbussen natürlich deutlich spürbar, weil eines meiner Standbeine, die Livekonzerte, komplett weggebrochen ist. Ausfallentschädigungen gab es kaum. Aber dafür sammle ich gerade wertvolle Erfahrungen, entwickle mich in dieser Zeit persönlich und musikalisch weiter. Viele Dinge hätte ich ohne die Krise möglicherweise nie für mich entdeckt. Auch wenn diese Veränderung oft schmerzhaft war, möchte ich sie nicht missen.

Was fällt für Sie alles ins Wasser?

Natürlich ist Corona ein Sturm und wirbelt nicht nur in der Kunstszene vieles durcheinander. Aber die Frage für uns Künstler ist doch, ob wir aus den Steinen, die uns in den Weg gerollt werden, nicht etwas Schönes bauen können. Natürlich fällt vieles, was geplant war, ins Wasser – das ist traurig. Dafür sind aber andere Dinge sind hinzugekommen. In diesem Jahr mussten wir uns daran gewöhnen, dass es so etwas wie Planungssicherheit vorübergehend nicht geben wird.

Denken Sie manchmal ans Aufhören?

Möglicherweise wäre eine andere Arbeit wirtschaftlich viel sinnvoller. Aber Künstler zu sein ist ja keine Entscheidung für einen Beruf – es ist Berufung. Das lässt sich nicht unterdrücken, auch wenn man möglicherweise noch eine andere Arbeit als «Brotjob» braucht. Aufhören würde bei mir also gar nicht gehen.

Was spornt Sie an weiterzumachen?

Ich gehe im Leben immer durch die Türen, die offen stehen und versuche nicht allzu lange enttäuscht oder traurig vor einer verschlossenen Tür stehenzubleiben. Im Augenblick habe ich Möglichkeiten, die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen positiv zu beeinflussen, indem ich (digitale) Fortbildungen im Bereich Musikpädagogik halte, Bücher, Musikstücke und Unterrichtsmaterial schreibe und veröffentliche. Die nächste Generation auf den Schatz zu stossen, den wir mit unserem immateriellen Weltkulturerbe Musik bekommen haben, finde ich für mich eine sinnvolle und motivierende Aufgabe.

Gibt es für Sie auch positive Coronaeffekte?

Ich würde die Worte positiv und Corona nicht unbedingt verbinden wollen, da diese Krise einen tiefen Einschnitt im Leben aller Menschen darstellt. Natürlich wird sich auf lange Sicht hin vieles aus dieser Krise heraus entwickeln, was wichtig für die Zukunft sein wird. Derzeit leiden wir aber unter den unmittelbaren Folgen und haben zudem eine grosse Ungewissheit vor Augen, die vielen Angst macht.

Was wünschen Sie sich für 2021?

Dass viele Menschen für sich selbst einen guten Weg finden, um mit der Krise umzugehen. Stellen Sie sich einmal vor, Sie könnten trotz des Lockdowns ein Konzert besuchen! Welche enorm positiven Auswirkungen würde das auf die Gemütslage vieler Menschen haben, die derzeit am Rande ihrer Kräfte sind! Lange genug wurden diejenigen milde belächelt, die die Systemrelevanz von Kultur betont haben. Nun bemerken die Menschen, dass mit dem drohenden Untergang des Kultursektors nicht nur ein Wirtschaftszweig den Bach herunter geht, der andere mit sich reisst – sie spüren auch fehlende Kulturerlebnisse in ihrer Seele.

Aktuelles Projekt: Ein Ratgeber für den Musikunterricht mit Energiebündeln – und der Musikpädagogik-Podcast «Voll motiviert»

Anfang Februar erscheint das neue Buch von Kristin Thielemann im Mainzer Schott Verlag: «Ganz schön wild!» Wieder geht es um Motivation, darum, jedes Kind im Unterricht mit seinen Eigenheiten anzunehmen aus diesen «Special Effects» etwas Positives für das Lernen und Musizieren zu entwickeln. Sie gibt Anregungen, wie man die Ausschüttung von Glückshormonen beim Musizieren begünstigen kann, denn diese erleichtern das Lernen dauerhaft. Hinzu kommt ein Kapitel über wilde Kinder, den Umgang mit Energiebündeln in Gruppen und mit ADHS-Betroffenen.

In ihrem Podcast «Voll motiviert!» unterhält sich Kristin Thielemann mit Gästen aus der Welt der Musikpädagogik über ihre Arbeit, ihre Inspiration und ihre Motivationsgeheimnisse.