CORONA-FRAGEBOGEN #29
Wie meistern Kulturschaffende die Pandemie? «Ich hatte mehr Zeit, über meine Kunst nachzudenken», sagt der Jazzpianist Claude Diallo

In einer Serie bieten wir jeden Freitag Ostschweizer Kulturschaffenden eine Bühne und stellen ihre Projekte vor. Heute Folge 29 mit dem in Trogen lebenden Jazzpianisten Claude Diallo. Die Pandemie hat ihn wie viele andere Musiker auf verschiedene Streaming-Aktionen ausweichen lassen, um den Kontakt mit dem Publikum nicht zu verlieren.

Martin Preisser
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Claude Diallo im St.Galler Cafè Blumenmarkt.

Claude Diallo im St.Galler Cafè Blumenmarkt.

Bild Urs Bucher

Der St.Galler Jazzpianist Claude Diallo ist international erfolgreich unterwegs und weltweit gut vernetzt. Sein Markenzeichen ist ein elegantes, gesangliches und farbenreiches Klavierspiel. Der Musiker hat lange in New York gelebt, eine Zeit, die ihn geprägt hat und ihn mit einem breiten Horizont in die alte Heimat zurückkehren liess. Seine Musik ist auf mehreren Tonträgern zu hören.

Was hat sich für Sie seit Ausbruch der Pandemie verändert?

Es hat sich einiges verändert. Zuerst musste ich etliche, bereits ge-plante Konzerte in London, Birmingham, Paris und an diversen Or-ten in der Schweiz absagen und grössere Projekte wie einen zweimonatigen Aufenthalt in Japan als Artist-in-Residence für meine Komposition für Klavier und Shakuhachi-Flöte vorübergehend auf Eis legen. Die grösste Veränderung für meine Arbeit als Jazzpianist und Komponist mit internationalem Netzwerk war die plötzliche Abschottung meiner Band Claude Diallo Situation mit Luques Curtis und Andy Bauer. Beide leben in New York, und wir hätten im April 2020 unser neues Album «I found an new Home» mit einer Europa-Tournee vorstellen wollen und waren im September in der engeren Auswahl für eine Grammy-Nomination. Bis heute können wir uns nicht persönlich sehen, und es ist auch unsicher ob sie im September 2021 in die Schweiz reisen dürfen. Momentan dürften sie das laut Gesetzt nicht, ob mit oder ohne Impfung.

Können Sie trotz der Einschränkungen Ihrer Kunst nachgehen?

Jein! Um meiner Kunst nachzugehen muss ich ja öffentlich auftreten dürfen. Durch diverse Live-Streams zusammen mit dem Videographen Samuel DeCataldo von Chilipixel und dem Toningenieur Reto Knaus von Tonzelle konnte ich zumindest virtuell meine Fans bei Laune halten.

Streamining Concert vom 10. Juni.

Wie hoch sind Ihre Einbussen wegen Corona? Was fällt für Sie alles ins Wasser?

Die Einbussen sind enorm, aber hier muss ich den Hut vor unserer Regierung ziehen. 80 Prozent meiner Ausfälle wurden gedeckt und ich bekomme monatliche Taggelder wegen der Konzertverbote. Meine Kollegen im Ausland kriegten 800 Euro einmalig oder gar nichts! Das ist krass und führt auch zum einen oder anderen Suizid. Ich fühle mich privilegiert, in der Schweiz als Künstler tätig zu sein, und fühle mich hier wertgeschätzt. Man muss aber auch sagen, dass durch diese Pandemie die Schweizer Musikschaffenden auf einmal als Berufsgattung von der Regierung wahrgenommen wurden. Sonart und andere Verbände haben fantastische Arbeit geleistet, damit wir diese Unterstützungen erhalten durften und auch weiterhin bekommen. Diverse Stiftungen wie die Fondation SUISA haben besondere Fonds für Musikerinnen und Musiker bereitgestellt, und auch vom Bund via Kantone kommen mit den Covid-19- Transformationsprojekten gewaltige Finanzspritzen für Kulturunternehmen ins Spiel. Bravo!

Denken Sie manchmal ans Aufhören?

Never!

Was spornt Sie an, weiterzumachen?

Ich brauche gar keine Motivation oder einen Ansporn, um weiterzumachen. Wir Jazzmusikerinnen und -musiker machen einfach. Das wird gar nicht infrage gestellt.

Gibt es für Sie auch positive Corona-Effekte?

Ich habe während dieser Pandemie viel über mich gelernt und gehe stärker denn je daraus hervor. Die Pandemie hat mich gezwungen, neue Wege zu finden, wie ich an mein Publikum komme. Meine Lösung sind monatliche, hybride Live-Streams, sprich: lokales Live-Publikum vor Ort mit internationalem Online-Publikum zu Hause. Ich konnte feststellen, dass ich auf der ganzen Welt ein tolles Fanpublikum habe, welches mich in dieser schwierigen Zeit unterstützt.

Ausserdem habe ich viel Zeit neu dazugewonnen für meine Familie und um über meiner Kunst nachzudenken. In der Schweiz bewegen wir Kunstschaffenden uns ständig in einer Art Hamsterrad. Wir rennen von A nach B, ohne mal eine Pause zu machen um zu schauen, was man optimieren könnte. Ich weiss jetzt besser was die Marke «Claude Diallo» wert ist und was ich will und eben nicht mehr will.

Was wünschen Sie sich für die nächsten Monate?

Für die zweite Hälfte 2021 wünsche ich mir, dass meine amerikanischen Bandkollegen im September ohne Probleme in die Schweiz einreisen dürfen. Heute wäre das noch nicht möglich. Ich freue mich zudem, dass diverse Jazz-Jam-Sessions meiner Organisation Ostschweizer Jazz Kollektiv (kurz OJK) sowohl in St. Gallen, Kreuzlingen, Wolfhalden, Wil und am 15. Juni zum ersten Mal in Chur stattfinden dürfen. Hoffentlich ab September dann wieder mit viel Publikum ohne Einschränkungen.

Die Planung für 2021 ist aus Musikerperspektive aber irgendwie schon vorbei. Ich plane bereits für 2022. Auftritte in Deutschland und Österreich sind bereits gebucht, Auftritte an Festivals in England und Frankreich sind in Planung. Mit meinen Tourneen in Amerika und Asien muss ich aber noch abwarten, wie sich die ganze Reisesituation entwickelt. Ich bin zuversichtlich, dass bald wieder eine gewisse Normalität einkehren wird ,bei welcher sich die Menschheit mit Covid-19 abgefunden hat und lernt, damit zu leben.

Aktuelle Projekte von Claude Diallo, im Netz und bald live

Claude Diallo hat am International Jazz Day begonnen, im neuen Kulturzentrum Kult-X in Kreuzlingen vier Streams zu organisieren (der vierte ist am 30.9. zu sehen, mit Special Guest Tupac Mantilla aus Kolumbien). Es sind drei weitere Streams im kleinen Saal der Tonhalle St. Gallen am 25.10, 25.11. und 4.12. geplant. Den Stream vom 30. April kann man auf Youtube sehen. Der erste Teil ist ein vierhändiges Konzert mit dem italienischen Starpianisten Dado Moroni und im zweiten Teil spielt die europäische Version von Claude Diallo Situation mit Rosario Bonaccorso (Bass) und Massimo Buonanno (Drums) mit. Das Konzert vom 20. Mai um die Sängerin Joana Elena Obieta und den kubanischen Trompeter Amik Guerra kann man unter nachschauen. Auch das Konzert vom 10. Juni ist ab 19. Juni zu sehen.

Claude Diallo spielt voraussichtlich am 28. September für SRF im Auditorium in Basel. Vom 2. - 4. Oktober ist am Generations Festival in Frauenfeld zu Gast und spielt am 4. Oktober ein Konzert mit der Schweizer Saxofonlegende Bruno Spörri. Vom 5. - 8. Oktober nimmt Diallo auch ein zweites Album auf.