CORONA-FRAGEBOGEN #27
Wie meistern Kulturschaffende die Pandemie? «Finanziell gab es schon viel schlechtere Zeiten», sagt die Künstlerin Harlis Schweizer

In einer Serie bieten wir jeden Freitag Ostschweizer Kulturschaffenden eine Bühne und stellen ihre Projekte vor. Heute Folge 27 mit der Künstlerin Harlis Schweizer-Hadjidj, die in Bühler wohnt. Sie ist froh, dass sie sich wegen der Pandemie nicht mehr verpflichtet fühlen muss, Männer mit Bart zu küssen.

Christina Genova
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Harlis Schweizer-Hadjidj hat während zwei Jahren Büroräume im ganzen Kanton St.Gallen porträtiert.

Harlis Schweizer-Hadjidj hat während zwei Jahren Büroräume im ganzen Kanton St.Gallen porträtiert.

Bild: Ralph Ribi

Harlis Schweizer-Hadjidj ist 1973 in St.Gallen geboren. Sie studierte an der Ecole de décors de Théatre in Genf und ist ausgebildete Theatermalerin. Schweizer-Hadjidj lebt in Bühler und hat ihr Atelier in St.Gallen. Seit 1996 arbeitet sie als bildende Künstlerin. Ihr Gemälde sind bewegen sich zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion. Die Künstlerin verwendet kräftige Farben in eigenwilligen Kombinationen.

Für das Hochbauamt des Kantons St.Gallen hat Schweizer-Hadjidj 2019 18 Arbeitsplätze der kantonale Verwaltung in Öl gemalt. Besonders inspirierend für ihre Kunst sind urbane Orte: So hat sie in einr Werkserie «Hässliche Orte der Ostschweiz in Farbe» gemalt. Sie engagiert sich im Appenzeller Künstlerkollektiv Streunender Hund.

Was hat sich für Sie seit Ausbruch der Pandemie verändert?

Nicht besonders viel. Aber selbstverständlich musste ich mit Ausstellungsdaten jonglieren und neue Ausstellungsideen entwerfen. Dazu gehört mein Street-Art-Projekt «Passage», das ich im Januar startete, weil mir der Austausch mit anderen Menschen fehlte. In meinem Wohnort Bühler sprach ich an der Hauptstrasse Passantinnen und Passanten an und fragte sie, ob ich sie zeichnen dürfe. Von den Porträts fertigte ich Fotokopien an und brachte sie an jenem Ort an, wo die Begegnung stattgefunden hatte. Danach stellte ich die Werke im Dorfcafé aus, wohin ich auch temporär mein Atelier verlegte.

Können Sie trotz der Einschränkungen Ihrer Kunst nachgehen?

Ja, auf jeden Fall, da gibt es anderes zu überwinden, das schwieriger ist. Weil ich wegen der Pandemie mit Einnahmeausfällen rechnete, schrieb ich mehrere Schulen an und bot ihnen an, mit den Kindern Kreativateliers durchzuführen oder meine Werke zu präsentieren. Dadurch ergab sich, dass ich letztes Jahr vier bis fünf Mal pro Monat mit Schülerinnen und Schülern arbeiten konnte. Die berührendeste Reaktion kam von einem Kindergartenkind. Nach einem Workshop sagte es zu mir: «Jetzt weiss ich, dass ich Künstler werden will.»

Wie hoch sind Ihre Einbussen wegen Corona? Was fällt für Sie alles ins Wasser?

Kreativ gesehen hatte ich keine Einbussen, im Gegenteil. Finanziell gab es für mich schon viel schlechtere Zeiten. Im sozialen Bereich sind die Auswirkungen jedoch sehr gross. Da ich alleine im Atelier arbeite, habe ich nur noch wenige soziale Kontakte. Sie beschränkten sich in den letzten Monaten weitestgehend auf meine Familie und das Verkaufspersonal in Ladengeschäften. Öfters hatte ich deshalb das Empfinden, mit ihnen auf einer einsamen Insel zu leben.

Denken Sie manchmal ans Aufhören?

Das wäre dann wirklich das Ende – denn meine Ladestation ist das Atelier, wenn ich etwas Neues aushecke, skizziere, schreibe, zeichne, male oder schlimmstenfalls aufräume.

Eines der Porträts, das Harlis Schweizer-Hadjidj für das Street-Art-Projekt «Passage» anfertigte.

Eines der Porträts, das Harlis Schweizer-Hadjidj für das Street-Art-Projekt «Passage» anfertigte.

Bild: PD

Was spornt Sie an, weiterzumachen?

Was mich sehr freute, waren die Reaktionen auf mein Street-Art-Projekt. Es gab mehrere Personen, die auf mich zukamen und mir finanzielle Unterstützung anboten oder mir Werke abkauften. Ein Paar sagte zu mir: «Jetzt ist der richtige Moment, um Kunstschaffende zu unterstützen.» Das hätte ich nicht erwartet. Denn eigentlich rechnete ich damit, dass während der Pandemie jeder zuerst für sich selbst schaut und seine Reserven in Sicherheit bringt.

Gibt es für Sie auch positive Corona-Effekte?

Sicher! Zum Beispiel muss ich mich nicht mehr dazu verpflichtet fühlen, Männer mit Bart oder Halbbart zu küssen. Ausserdem haben wir in unserem reichen, sauberen, ordentlichen und konsumfreudigen Land ein Gefühl dafür bekommen, dass wir Verzicht und Flexibilität lernen können.

Was wünschen Sie sich für die nächsten Monate?

Einer meiner vielen Wünsche ist: bitte kein Regen für kommenden Sonntag, den 30. Mai. Das Kollektiv Streunender Hund, von dem ich Teil bin, veranstaltet die zweite «fairArtFair» (mehr Infos siehe unten).

Aktuelles Projekt: «fairArtFair» in Gais

Das Logo der «fairArtFair».

Das Logo der «fairArtFair».

Bild: PD

Unter dem Titel «fairArtFair» lädt das Appenzeller Künstlerkollektiv Streunender Hund am Sonntag, 30. Mai, zum zweiten Mal zu einer besonderen Kunstmesse in Gais ein. Offspaces – unabhängige Kunsträume – und andere Kunstinitiativen aus der ganzen Deutschschweiz erhalten von 11 bis 18 Uhr eine Bühne. Mit dabei sind unter anderem Auto aus St.Gallen, die Beletage aus Zürich, die Lumpenstation aus Biel und Voltage aus Basel.

Der Austausch der Offspaces untereinander steht bei dieser Messe genauso im Fokus wie die Interaktion mit dem Publikum und die Präsentation von Kunstwerken. Die «fairArtFair» findet auf dem Parkplatz neben dem Gewerbezentrum Strahlholz statt.

Die «fairArtFair» beschreibt sich selbst als faire Kunstmesse, es wird daher keine Standmiete verlangt und die Preise für die Kunstwerke sind überschaubar.