CORONA-FRAGEBOGEN #26
Wie meistern Kulturschaffende die Pandemie? «Humor ist auch für mich die beste Medizin», sagt die St.Galler Tänzerin Hella Immler

In einer Serie bieten wir jeden Freitag Ostschweizer Kulturschaffenden eine Bühne und stellen ihre Projekte vor. Heute Folge 26 mit der St.Galler Tänzerin und Performerin Hella Immler. Seit Beginn der Pandemie hatte sie kaum noch Auftritte, mehrere Tourneen fielen aus. Immerhin war sie als Spitalclown im Einsatz – und merkte dabei, dass Humor und mentale Beweglichkeit für sie noch wichtiger sind als technisches Können.

Bettina Kugler
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«Ich wünsche mir, dass wir mit weniger mehr anfangen können», sagt Hella Immler, Tänzerin, Yogalehrerin, Clownin «Pirouette» und Co-Leiterin der Kompanie Rotes Velo.

«Ich wünsche mir, dass wir mit weniger mehr anfangen können», sagt Hella Immler, Tänzerin, Yogalehrerin, Clownin «Pirouette» und Co-Leiterin der Kompanie Rotes Velo.

Bild: Axel Kirchhoff

Die 1983 in den französischen Pyrenäen geborene Tänzerin Hella Immler kam 2008 nach St.Gallen. Mit dem damaligen Tanzchef des Theaters St.Gallen Marco Santi hatte sie von Osnabrück in die Ostschweiz gewechselt – und sie blieb, als ihr Engagement 2013 endete. Zusammen mit ihrem Partner, dem aus Argentinien stammenden Tänzer Exequiel Barreras, gründete Hella Immler 2011 die Kompanie Rotes Velo, in der Künstler aus verschiedenen Sparten zusammen Stücke kreieren. Darüber hinaus koordinierte sie von 2015 bis 2017 das Tanzfest St. Gallen und brachte Laien und Senioren ausdrucksstark in Bewegung.

Als Tänzerin arbeitet sie mit wechselnden Kompanien und bewegt sich international in der freien Szene. 2019 hat Hella Immler eine Yoga-Ausbildung in Indien abgeschlossen. Derzeit lebt sie auf einem Biohof bei Bern, umgeben von Blumen und Kühen, und ist regelmässig als Kinderspitalclown der Stiftung Theodora im Einsatz.

Was hat sich für Sie seit Ausbruch der Pandemie verändert?

Ich bin seitdem seltener auf der Bühne. Und alles, was mit Tanz zu tun hat, ist bei mir momentan aufs Minimum reduziert, selbst das Unterrichten. Die letzten Proben, in denen wir im Studio richtig kreiert und gemeinsam geprobt haben, waren Mitte Februar 2020! Seitdem gab es mit unserer Kompanie Rotes Velo keine Proben im Studio mehr. Wir hatten lediglich die 12 Vorstellungen des Stücks «Terra Incognita», die wir letztes Jahr im Herbst wie ein Wunder noch geben durften. Auch die ersten auf Februar 2021 geplanten Proben für unser neues Projekt «Kinderaugen» mussten kurzfristig coronabedingt abgesagt werden. Die Freude war unbeschreiblich, als wir uns nun im April wieder gemeinsam in einem Studio treffen konnten und die physischen Proben für «Kinderaugen» weitergehen konnten. Endlich wieder proben ohne Ruckelbild bei Zoom, und auch nicht mehr im Wohnzimmer über den Boden rollen müssen, und dann feststellen, dass die Zoom-Kamera doch nur die Wand filmt…

Teaservideo zur Produktion «Terra Incognita», die 2020 immerhin 12 Mal gezeigt werden konnte.

Können Sie trotz der Einschränkungen Ihrer Kunst nachgehen?

Was ich weiterhin uneingeschränkt tun kann, ist meine Arbeit als Spitalclown für die Stiftung Theodora. Ich besuche mehrmals wöchentlich kranke Kinder im Spital, um einen Moment der Freude zu teilen. Im ersten Lockdown machte ich für die Kinder noch Videos. Ich bin aber froh, dass ich recht bald wieder zurück vor Ort durfte. Meine Clownsfigur erinnert die Kinder und das Personal des Spitals – aber genauso mich selbst – immer wieder liebevoll daran, den Ernst des Lebens durch Humor zu mildern und viel mehr zu lachen. Das ist für mich selbst in diesen Zeiten die beste Medizin, um aufgestellt zu bleiben. Denn in all meinen anderen Arbeitsbereichen – als Tänzerin, Yogalehrerin und Leiterin der Kompanie Rotes Velo – ist es definitiv keine leichte Zeit.

Hella Immler als «Traumdoktorin» auf Visite im Ostschweizer Kinderspital.

Hella Immler als «Traumdoktorin» auf Visite im Ostschweizer Kinderspital.

Bild: Urs Bucher

Wie hoch sind Ihre Einbussen wegen Corona? Was fällt für Sie alles ins Wasser?

Letztes Jahr wurde ich noch gut unterstützt durch die Ausfallentschädigungen, so dass die Einbussen nicht all zu hoch waren. Dieses Jahr sieht es allerdings anders aus. Es fallen eigentlich keine Projekte weg, für die ich entschädigt werden könnte, sondern es gibt einfach allgemein weniger neue Projekte und kaum Möglichkeiten, Workshops mit vielen Teilnehmern abzuhalten. Damit sind meine Einbussen dieses Jahr beträchtlich.

Das Stück «Terra Incognita» der Kompanie Rotes Velo hatte letztes Jahr Premiere und konnte im Herbst noch zwölfmal aufgeführt werden. Rechts im Bild Hella Immler.

Das Stück «Terra Incognita» der Kompanie Rotes Velo hatte letztes Jahr Premiere und konnte im Herbst noch zwölfmal aufgeführt werden. Rechts im Bild Hella Immler.

Bild: Axel Klinger

Ich hätte letztes Jahr noch viel auf der Bühne sein sollen; mein Kalender war mit mehreren Tourneen gut gefüllt. Einige dieser Tourneen wurden immer wieder verschoben und irgendwann ganz abgesagt. Andere konnten durchgeführt werden, aber eben mit ganz wenig Publikum. Und unterrichten kann ich nach wie vor nur sehr wenig.

Denken Sie manchmal ans Aufhören?

Nein, selbst eine Krise wie diese rüttelt kein bisschen an dem, was ich wirklich als Mensch und Künstlerin möchte. Ja, es braucht Geduld, aber es bringt mich nicht so weit, am Sinn meines Tuns zu zweifeln. Die Entscheidung, Künstlerin zu sein, habe ich vor vielen Jahren getroffen, und sie hat mehr Gewicht als solch eine temporäre Krise. Als Tanzende werden wir oft für unsere körperlichen Fähigkeiten gefeiert, während ich denke, dass ich in Wirklichkeit viel mehr von meiner mentalen Beweglichkeit getragen werde. Vielleicht wird es auch genau diese sein, die mir helfen wird, diese Krise zu bewältigen, mich immer wieder neu zu erfinden, um mich weiter zu bewegen und vor allem, um weiterhin Menschen zu inspirieren.

Was spornt Sie an, weiterzumachen?

Gerade dann, wenn uns etwas Wertvolles genommen wurde, wissen wir erst richtig zu schätzen, wie lebensnotwendig das ist, was wir tun, und wie viel die Kunst für die Gesellschaft im Allgemeinen bedeutet. Ich glaube, dass wir noch nie so kollektiv gefordert waren, motiviert zu bleiben, um unsere Daseinsberechtigung zu finden. Manchmal macht erst die Abwesenheit von dem, was uns so wertvoll ist, die darin liegenden Kräfte sichtbar. So träume ich jetzt schon davon, mit unserem neuen Projekt und den geplanten Vorstellungen wertvolle Kräfte in die Herzen anderer Menschen einhauchen zu dürfen.

Gibt es für Sie auch positive Coronaeffekte?

Ich bin viele Jahre als selbstständige Künstlerin sehr ausgelastet gewesen, einfach weil die Dinge von alleine rollten, manchmal durch eine Eigendynamik fast zu schnell. Doch wenn Theater geschlossen und Festivals abgesagt werden, wenn wir als Performende also plötzlich nicht mehr auftreten dürfen, dann kommt unsere Welt zum Stillstand. Kein Körperkontakt. Keine Shows. Kein Publikum. Dieser Stillstand hat bei mir auch ganz viel Ruhe und Besinnung mit sich gebracht. Noch nie hatte ich so viel Zeit, einfach nur zu sein. Und auch das ist Leben, und zwar ein sehr wertvolles, in dem ich mich nicht nur durch meine Kunst und Leidenschaft definiere.

Was wünschen Sie sich für die nächsten Monate?

Dass wir uns alle wieder frei bewegen dürfen. Dass wir endlich wieder auf die Bühne dürfen und nicht alle geplanten Vorstellungen nochmals verschieben müssen. Dass wir unseren Vereinsmitgliedern der Kompanie Rotes Velo live etwas zurückgeben können. Und ja, ich wünsche mir das Theater zurück, denn ich muss gestehen: Ich vermisse den Geruch eines Theaters, die dunklen staubigen Ecken, die Wärme des Scheinwerferlichtes auf der Haut, das Echo der Stimme im grossen Saal und das Verbeugen am Ende einer Vorstellung mit einem klatschnass verschwitzten Körper und strahlenden Augen… Das wünsche ich mir zurück. Aber im grösseren Sinne wünsche ich mir, dass sich diese Entschleunigung auf den Menschen auswirkt und wir mit weniger mehr anfangen können.

Aktuelle Projekte: Das Familienstück «Kinderaugen» hat bald Premiere, eine Koproduktion mit dem Luzerner Theater ist unter Dach und Fach

Mit dabei in «Kinderaugen»: Hans Guggenheim, hier im Stück «Superwomen».

Mit dabei in «Kinderaugen»: Hans Guggenheim, hier im Stück «Superwomen».

Bild: Stefan Klinger

Die Kompanie Rotes Velo arbeitet gerade an ihrem ersten Familienstück «Kinderaugen», mit der sie Kinder und Erwachsene zu einer fantasievollen Performance einlädt. Zusammen mit Hella Immler wird der 83-jährige Hans Guggenheim auf der Bühne sein. Schon zum vierten Mal ist er bei einer Produktion der Kompanie mit von der Partie: 2013 war er im Dokumentarfilm «Tanz im Alter» auf der Kinoleinwand zu sehen, 2015 in «Superwomen» und 2016 in der Jubiläumsperformance «Alles Gueti» zum 5-jährigen Bestehen der freien Tanzkompanie.

Die Kompanie Rotes Velo mit Hans Guggenheim (vorne rechts) am Rande einer Probe zum neuen Familienstück «Kinderaugen».

Die Kompanie Rotes Velo mit Hans Guggenheim (vorne rechts) am Rande einer Probe zum neuen Familienstück «Kinderaugen».

Bild: Exequiel Barreras

«Kinderaugen» entsteht in Koproduktion mit dem Theater am Gleis Winterthur und der Dampfzentrale Bern. In Bern wird nach zwei Arbeitsresidenzen für das Format «trial & error» eine erste Fassung des Stücks entstehen, die am 10. Juni Premiere in der Dampfzentrale feiert. Die Endfassung wird im September in Winterthur geprobt und aufgeführt. Im November gastiert die Kompanie dann mit «Kinderaugen» auch in der Grabenhalle St. Gallen.

In der kommenden Spielzeit plant Rotes Velo eine weitere Koproduktion, diesmal mit dem Theater Luzern. Im Stück «Die Traummaschine» werden vier Schauspieler des Luzerner Ensembles zusammen mit zwei Tänzern und einem Musiker von Rotes Velo auf der Bühne stehen – und hoffentlich auch unbeschwert auf Tournee gehen können.

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