CORONA-FRAGEBOGEN #24
Wie meistern Kulturschaffende die Pandemie? Der St.Galler Künstler Domenic Lang fragt sich: «Fallen wir wieder in alte Muster zurück?»

In einer Serie bieten wir jeden Freitag Ostschweizer Kulturschaffenden eine Bühne und stellen ihre Projekte vor. Heute Folge 24 mit dem St.Galler Künstler Domenic Lang. In seinen Skulpturen stellt er komplexe Gesellschaftssysteme in Miniaturform dar. Obwohl die Pandemie ihn hart getroffen hat, spürt er immer noch «dieses Kribbeln», wenn er Kunst macht.

Viola Priss
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Domenic Lang in seinem Atelier in St.Gallen.

Domenic Lang in seinem Atelier in St.Gallen.

Bild: PD

Mit grossen Wandgemälden hat der 37-Jährige den Einstieg in die Welt der Kunst gewagt. Sein bekanntestes Projekt in St.Gallen war die Neubemalung des Oertlibrunnens beim Neumarkt in Zusammenarbeit mit jungen Kunstschaffenden. Seine Werke konnte Domenic Lang ausserdem bereits in New York und in Los Angeles zeigen.

Ob sich diese Kunstplattformen nun aufgrund der Pandemie verändern, ist eine der vielen Fragen, die ihn in dieser unsicheren Zeit beschäftigen. Für seine neue Werkreihe hat Lang Miniaturhäuschen dekonstruiert und in architektonische Skulpturen umgewandelt. Daneben arbeitet er an Kunst am Bau-Projekten.

Was hat sich für Sie seit Ausbruch der Pandemie verändert?

Kurz vor dem ersten Lockdown war ich in Israel und habe in Tel Aviv das kulturelle Leben auf den Strassen, in den Museen und in den Restaurants ein letztes Mal erleben dürfen. Wenn ich mich daran erinnere, befinden wir uns mittlerweile in einer anderen Welt - einer Parallelwelt.

Bereits vor der Pandemie habe ich mich intensiv mit Skulpturen auseinandergesetzt, welche komplexe Gesellschaftssysteme darstellen. Die neue Situation, mit welcher wir aktuell konfrontiert sind, lässt jedes Zahnrädchen in diesen Systemen noch besser beobachten und eröffnet mir neue kreative Ideen. Entsprechend haben sich meine Entfaltungsmöglichkeiten verändert.

Können Sie trotz der Einschränkungen Ihrer Kunst nachgehen?

Da die Kunst omnipräsent ist, begleitet sie auch die Krise und kann sogar als Inspirationsquelle genutzt werden.

Wie hoch sind Ihre Einbussen wegen Corona? Was fällt für Sie alles ins Wasser?

Die Pandemie hat die Kunst- und Kulturszene hart getroffen.
Für mich bedeutet dies Ausstellungen, welche unmittelbar nach der Vernissage geschlossen wurden oder Fixkosten wie die Ateliermiete, die bezahlt werden müssen.

Ich habe das grosse Glück, dass der Kanton St.Gallen einige meiner Skulpturen erworben hat. Hierfür bin ich sehr dankbar. Diese gezielte Unterstützung mit Ankäufen sehe ich, neben den finanziellen Unterstützungsbeiträgen, als geeignete Möglichkeit zur Förderung von uns Kunstschaffenden und als wertvollen Beitrag an die Nachhaltigkeit der Kunst- und Kulturszene.

Denken Sie manchmal ans Aufhören?

Nein, daran denke ich nicht. Jeden Tag verspüre ich noch dieses Kribbeln, etwas Neues zu erschaffen.

Was spornt Sie an weiterzumachen?

Als Künstler sehe ich mich auch als Beobachter unserer Gesellschaft, welcher mittels Kunst Botschaften übermitteln kann. Ich habe die Möglichkeit, Räume und Objekte zu erschaffen, welche die Gesellschaft zum Denken anregen.

Gibt es für Sie auch positive Corona-Effekte?

Die Pandemie hat mir im Bereich der Mobilität neue Möglichkeiten eröffnet. Wenn immer möglich, nutze ich das Fahrrad.

Die derzeitige Situation fühlt sich für mich grundsätzlich wie ein Wendepunkt an. Ich konnte viele positive Aspekte, auch im Kleinen, für mich gewinnen. Es fragt sich nun, ob die Gesellschaft aus der Krise lernt oder in alte Muster zurückfällt.

Was wünschen Sie sich für die nächsten Monate?

Ich wünsche mir, dass sich die Situation dahingehend normalisiert, dass Kunst und Kultur wieder einen grösseren Stellenwert beigemessen wird. Die Krise hat gezeigt, dass wir diesem gesellschaftlichen Gut wieder mehr Aufmerksamkeit geben müssen.

Bild: Roland Ziltener


Aktuelle Projekte: Fragile Objekte und Miniaturhäuser

«Glitch House» war die erste Skulptur aus der Werkreihe.

«Glitch House» war die erste Skulptur aus der Werkreihe.

Bild: PD

Domenic Lang arbeitet zurzeit mit Modellen, welche an die Miniaturwelten der Eisenbahnromantik erinnern. Sie werden dekonstruiert und in die Länge gezogen.

Die Objekte sind fragil und zeigen, wie sich kleinste Veränderungen auf das Gleichgewicht der Skulpturen auswirken. Verändert sich ein Zahnrädchen in einem dieser Systeme, folgen darauf weitere Veränderungen. Wie von Computertechnik verzerrt, werden die Zick-Zack-Formen in die Objekte integriert.

«Fragile Hierarchie» (2019) ist ein Mobile, das durch kleinste Verschiebungen in sich zusammenfallen könnte.

«Fragile Hierarchie» (2019) ist ein Mobile, das durch kleinste Verschiebungen in sich zusammenfallen könnte.

Bild: PD

Die Skulpturen werden in den Boden gezogen, als gäbe es ein Schwarzes Loch im Erdinnern. Oder schweben im Raum, als wären sie im schwerelosen Zustand. Lang konstruiert mittels Miniaturhäusern einen Mikrokosmos mit neuen Sichtweisen und Perspektiven auf die Umgebung.

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