CORONA-FRAGEBOGEN #21
Wie meistern Kulturschaffende die Pandemie? «Ich bin gerade dreifach auf Pause», sagt der St.Galler Musiker Marc Frischknecht

In einer Serie bieten wir jeden Freitag Ostschweizer Kulturschaffenden eine Bühne und stellen ihre Projekte vor. Heute Folge 21 mit dem Musiker Marc Frischknecht alias Yes I'm Very Tired Now. Den Musiker, Gastronomen und Kulturveranstalter hat die Pandemie gleich dreifach ausgebremst.

Roger Berhalter
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Marc Frischknecht alias Yes I'm Very Tired Now.

Marc Frischknecht alias Yes I'm Very Tired Now.

Bild: PD/Ladina Bischof

Den Künstlernamen Yes I'm Very Tired Now («Ja, ich bin jetzt sehr müde») hat sich Marc Frischknecht schon gegeben, lange bevor wir alle coronamüde waren. Der St.Galler macht zurückhaltenden, melancholischen Indie-Pop. Früher als Teil des Duos Junes, inzwischen mit seinem Soloprojekt Yes I'm Very Tired now.

Im vergangenen August hat Frischknecht sein neues Album «100 Years» veröffentlicht. Man kann diesen Titel in der aktuellen Lage optimistisch sehen: In 100 Jahren sieht alles anders und hoffentlich besser aus.

Doch im Moment liegt für den 40-Jährigen noch einiges im Argen: Als Musiker kann er nicht auftreten, als selbständiger Kulturveranstalter kann er keine Konzerte organisieren, und als Mitinhaber der Bar Oya in St.Gallen darf er keine Gäste empfangen.

Was hat sich für Sie seit Ausbruch der Pandemie verändert?

Marc Frischknecht: Als Musiker, Veranstalter und Gastronom bin ich seit Ausbruch der Pandemie dreifach mehr oder weniger auf Pause. Meine Agenda war über die Jahre immer ziemlich belegt, und ich war oft unterwegs. Jetzt ist mein Lebensradius auf St.Gallen begrenzt, und meine Agenda lässt viel Spielraum für Optionen zu. Ich lebe in Wellenbewegungen der Gefühle und Gemütszustände.

Können Sie trotz der Einschränkungen Ihrer Kunst nachgehen?

Die Magie der Musik findet auf der Bühne statt. Dies fehlt komplett. Es sind ja nicht nur die Konzerte weggefallen, sondern auch das Unterwegs-Sein, die gemeinsame Zeit mit den Musikerkolleginnen und -kollegen, der Austausch mit dem Publikum. Nach einem harzigen Start habe ich doch auch einige neue Songs geschrieben. Zudem nehme ich Klavier- und Gesangsstunden.

Wie hoch sind Ihre Einbussen wegen Corona? Was fällt für Sie alles ins Wasser?

Ich habe letzten Sommer mein neues Album veröffentlicht. Zum Release waren viele Konzerte geplant und gebucht, welche alle abgesagt wurden. Da der Konzertbetrieb zum Stillstand gekommen ist, wurden auch keine neue Engagements mehr eingegangen. Die entgangenen Einnahmen aus den Konzertgagen, Merchandising und Urheberrechtseinnahmen belaufen sich auf etwa 40‘000 Franken. Diese Einnahmen wären direkt in neue Produktionen geflossen.

Denken Sie manchmal ans Aufhören?

Nein, Aufhören ist keine Option. Zumal bei der Kreativität auch kein Abschaltknopf vorgesehen ist. Dennoch macht man sich natürlich viele Gedanken, wie es denn weitergehen wird, und wo die Chancen und Möglichkeiten liegen für unabhängige Musikerinnen und Musiker. Auch in einem Stillstand läuft sehr vieles. Hinter den Vorhängen finden grosse Umbrüche statt.

Gibt es für Sie auch positive Corona-Effekte?

Persönlich ist es die Zeit mit der Familie und die gewonnene Wertschätzung für alles, was aktuell fehlt. Das Ausloten neuer Ideen und die Möglichkeit, Neues auszuprobieren und zu vertiefen.

Was wünschen Sie sich für 2021?

Ich schätze, wir müssen die Wünsche sogar eher auf 2022 schieben. Ich habe gemerkt, wie sehr mir das aktive gemeinsame Erleben von Kultur fehlt. Ich hoffe, dass ich diese Erfahrung mit vielen Menschen teile, und dass 2022 die Künstlerinnen und Künstler diesen Nachholbedarf spüren dürfen. Ebenso wünsche ich mir, dass das Team um mich herum die Zuversicht, in dieser Branche aktiv zu sein, nicht verloren hat.

Aktuelles Projekt: Solo-Set und Live-Video

Yes I'm Very Tired Now ist zwar ein Soloprojekt, live führt Marc Frischknecht es aber mit Band auf. Jetzt hat er begonnen, an einem Solo-Set zu arbeiten. Pandemiebedingt konnte er es zwar bis jetzt noch nicht aufführen, doch hat er in einer Industriehalle im St.Galler Sittertobel aufwendige Filmaufnahmen von seinen Songs gemacht. Das Video der Live-Session besticht durch berührende Lieder und eine LED-Lichtinstallation: