CORONA-FRAGEBOGEN #20
Wie meistern Kulturschaffende die Pandemie? «Ich erlebe mehr innere Reisen als äussere», sagt der Appenzeller Musiker Paul Giger

In einer Serie bieten wir jeden Freitag Ostschweizer Kulturschaffenden eine Bühne und stellen ihre Projekte vor. Heute Folge 20 mit dem Violinisten und Klangtüftler Paul Giger. Er wartet auf die Uraufführung mehrerer Auftragswerke, geniesst aber auch die Entschleunigung: mit den öffentlichen Auftritten habe der Zeit- und Leistungsdruck nachgelassen.

Bettina Kugler
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Der Violinist, Klangtüftler und Komponist Paul Giger, hier mit seinemViolino d'amore.

Der Violinist, Klangtüftler und Komponist Paul Giger, hier mit seinemViolino d'amore.

Bild: Michel Canonica

Erst der Kulturlockdown, dann die Pensionierung als Instrumentallehrer an der Kantonsschule Trogen: Der 1952 in Herisau geborene Musiker Paul Giger nutzt die zunehmende Ruhe für Experimente mit kosmischen Stimmungen, wie sie auch der Musik anderer Kulturen zugrundeliegen – etwa der indischen Musik. Damit knüpft Giger an seine frühen Jahre als Strassenmusiker in Asien an, noch vor dem Musikstudium in Winterthur und Bern. Später war Giger mehrere Jahre lang Konzertmeister des Sinfonieorchesters St. Gallen.

Seit 1983 ist er freischaffend tätig und spielt als Violinist ein Repertoire vom Barock bis zur Moderne, bewegt sich aber auch im Bereich Jazz, Improvisation und Weltmusik und hat mit Musikern wie Pierre Favre, Jan Garbarek und dem Hilliard Ensemble gearbeitet. Paul Giger komponiert Chor-, Orchester- und Kammermusik und hat mehrere Aufnahmen beim Münchner Label ECM herausgebracht. Im Jahr 2015 erhielt er den Kulturpreis des Kantons Appenzell Ausserrhoden.

Was hat sich für Sie seit Ausbruch der Pandemie verändert?

Paul Giger: Ich habe mehr Zeit für Natur und mehr Bewegung, erlebe mehr Zweisamkeit, mehr innere Reisen als äussere – und die verstärkte Gewissheit, dass es – ausser unserer Endlichkeit – keine Sicherheiten gibt.

Können Sie trotz der Einschränkungen Ihrer Kunst nachgehen?

Durchaus. Aber intimer, weniger öffentlich und mit weniger Zeit- und Leistungsdruck.

Wie hoch sind Ihre Einbussen wegen Corona? Was fällt für Sie alles ins Wasser?

Ich war bis zur Pensionierung von meiner Unterrichtstätigkeit an der Kantonsschule Trogen Anfang Februar in der privilegierten Lage, nicht auf Einkommen aus Konzerten angewiesen zu sein und bin es auch jetzt nicht – dank des Grundeinkommens der Rente.

Denken Sie manchmal ans Aufhören?

Als Musiker nicht. Als Geiger bin ich auf die Funktionstüchtigkeit meiner Hände angewiesen. Sollte diese nachlassen, wird es wohl eine Verlagerung vom Konzertieren hin zu mehr Komponieren und Aufnehmen geben.

Was spornt Sie an, weiterzumachen?

Die Liebe zur Musik.

Gibt es für Sie auch positive Corona-Effekte?

Durchaus – wenn ich die dramatischen existenziellen Auswirkungen auf viele der Kulturschaffenden ausblende und nur meine Situation betrachte. Die Pandemie kommt mir durchaus entgegen. Sie hat mein Leben noch mehr entschleunigt, entspannt und zentriert. Ich bin sogar richtig auf den «Geschmack» gekommen, mich nicht ständig einem öffentlichen Publikum aussetzen zu müssen.

Was wünschen Sie sich für 2021?

Das Virus hat uns wachgerüttelt und lässt uns neu über das Verhältnis von Mensch und Natur nachdenken. Es sensibilisiert unser Bewusstsein über Nachhaltigkeit, Energiewirtschaft, soziales Ungleichgewicht, politisch notwendige Regulierungen und es zeigt uns, dass es ebenso wie die Klimakrise keine Grenzen kennt. Spätestens jetzt im Jahr 2021 müssen wir uns dessen bewusst werden, dass die Klimaveränderung, verursacht durch die Gier von uns Menschen, die weitaus grössere Krise als das Virus ist. Corona hat uns gezeigt, dass die Politik sehr rasch und mit grossen finanziellen Mitteln eingreifen kann. Nun braucht es dieselben dezidierten Anstrengungen in Sachen Klima. Wie bei Corona funktioniert das Setzen auf Selbstverantwortung der Menschen wohl zu wenig und zu langsam.

Aktuelle Projekte: Kosmische Stimmungen, pendente Uraufführungen – und eine hohle Buche für Wildbienen

Seit seiner Pensionierung als Instrumentallehrer an der Kantonsschule Trogen vor wenigen Wochen befasst sich Paul Giger wieder intensiv mit kosmischen Stimmungen. Momentan experimentiert er mit dem Erden-Jahreston Cis (136 Hertz). welcher auf A umgerechnet 432 Hz ergibt, also um 8 Hz tiefer liegt als das übliche, aber willkürlich festgesetzte 440 Hz des Kammertons A. In der indischen Musik ist genau dieses Cis seit Jahrhunderten die Grundlage. Hier ein Klangbeispiel, gespielt auf dem von Giger selbst entwickelten Violino d'amore, mit einer 9-Ton-Skala auf Grundton Cis:

Öffentliche Auftritte und Konzerte stehen für 2021/22 noch kaum in der Agenda. Zur Sommersonnenwende plant Paul Giger zwei Solokonzerte in einem leeren Wasserreservoir im Aargau. An Neujahr 2022 soll es ein Konzert mit Pudi Lehmann und Marie-Louise Dähler in der Kirche Rehetobel geben. Geplant sind ausserdem zwei Konzerte mit Uraufführung einer Auftragskomposition des Lausitzer Musiksommers in Zittau und Bautzen mit dem Ensemble Chant 1450 sowie die von 2020 verschobene Uraufführung seines von der Bachstiftung in Auftrag gegebenen Stücks «The unquestioned answer» - Bach für das Orchester und Ensembles der Kanti Trogen. Noch immer ausstehend ist auch das bereits 2019 begonnene Projekt mit seinem Jugendfreund Stefan Signer und dessen urigen Texten. Das Programm wäre bereit für ein Publikum – wenn es denn eines gäbe.

Einstweilen verbringt Paul Giger viel Zeit in der Natur; in der Nähe seines Refugiums am Walensee richtet er beispielsweise eine umgestürzte hohle Buche wieder auf: Sie soll eine Behausung für wildlebende Honigbienen werden.