CORONA-FRAGEBOGEN #15
Wie meistern Kulturschaffende die Pandemie? «Ich glaube, ich habe Smalltalk verlernt», sagt der St.Galler Musiker Wassily

In einer Serie bieten wir jeden Freitag Ostschweizer Kulturschaffenden eine Bühne und stellen ihre Projekte vor. Heute Folge 15 mit dem Musiker Basil Kehl alias Wassily aus St.Gallen. Für ihn kam der erste Lockdown im denkbar dümmsten Moment. Danach hatte er zu viel Zeit, um sich unangenehme Grundsatzfragen zu stellen. Doch die Solidarität in der Musikszene stimmt ihn positiv.

Roger Berhalter
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Basil Kehl alias Wassily aus St.Gallen.

Basil Kehl alias Wassily aus St.Gallen.

Bild: PD

Basil Kehl ist einerseits mit seinem Elektro-Mundart-Duo Dachs unterwegs, wo er singt und Gitarre spielt. Mit «Beat Breu», einer Hymne auf den gleichnamigen Ex-Radrennprofi, gelang Dachs ein Schweizer Indie-Hit. Kehl tritt auch als Solomusiker unter dem Namen Wassily auf und veröffentlicht zeitgenössischen, mit Falsett-Stimme begleiteten elektronischen Pop. 2020 erhielt erhielt der 27-Jährige für dieses Musikprojekt einen Werkbeitrag des Kantons St.Gallen.

Was hat sich für Sie seit Ausbruch der Pandemie verändert?

Wassily: Die Konzerte, welche alle wegfallen, sind für mich schon einschneidend. Als Künstler auf der Bühne und auch als Zuschauer. Aber generell begegne ich, wie alle anderen auch, viel weniger Leuten. Meine Kontakte beschränken sich vor allem auf meine engsten Freunde. Ich erlebe viel weniger Unerwartetes und ich glaube, ich habe Smalltalk verlernt.

Können Sie trotz der Einschränkungen Ihrer Kunst nachgehen?

Ja, das kann ich zum Glück zu einem grossen Teil und weiss das auch sehr zu schätzen. Ich habe extrem viel Musik aufgenommen im letzten Jahr. Einige Sachen habe ich auch mit anderen Künstlerinnen und Künstlern gemacht, mit denen ich zuvor noch nie zusammengearbeitet habe.

Wie hoch sind Ihre Einbussen wegen Corona? Was fällt für Sie alles ins Wasser?

Das ist schwierig zu sagen, da die Veranstalter logischerweise praktisch nichts mehr buchen oder planen. Aber für unsere Band Dachs kam der erste Lockdown schon zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt, da wir zwei Wochen zuvor ein neues Album veröffentlicht hatten. Unsere Clubtour im Frühling und teilweise im Herbst, sowie der Festivalsommer mit Shows am Open Air St.Gallen und am Zürich Open Air sind ins Wasser gefallen.

Denken Sie manchmal ans Aufhören?

Nein, eigentlich nicht. Aber im letzten Jahr hatte ich schon bisschen zu viel Zeit, um mir unangenehme Grundsatzfragen zu stellen. Weshalb mache ich das alles überhaupt? Was will ich mit meinen Songs überhaupt beitragen? Weshalb habe ich nicht auch einen geregelten Job mit einem fixen Lohn? Hmm, für mich ist es auch nicht ganz so einfach, diese Fragen zu beantworten.

Was spornt Sie an, weiterzumachen?

Ich schreibe nun mal extrem gerne direkte Songs in meiner Muttersprache und beobachte dabei meine Mitmenschen, ihr Zusammenleben, ihre Abgründe und manchmal auch mich selbst und meine Problemchen. In meiner Vorstellung einer lebendigen Gesellschaft braucht es auch eine lebendige und wache Kulturszene. Ich sehe mich als einen winzigen Baustein davon, was mich sehr glücklich macht.

Gibt es für Sie auch positive Corona-Effekte?

Die Solidarität (beispielsweise innerhalb der Musikszene) finde ich ein schönes Phänomen. Man unterstützt sich gegenseitig. Leute erstellen Aufklärungsvideos zu der sich ständig ändernden Situation bezüglich den Entschädigungen. Aktionen wie das Ghost-Festival, bei dem eine ganze Berufsgruppe zusammen auf dem Lineup steht und als Kollektiv an die Öffentlichkeit geht, schaffen ein öffentliches Bewusstsein für die Menschen, die von der Musik leben.

Was wünschen Sie sich für 2021?

Dass die Menschen emotional nicht austrocknen, trotz den wissenschaftlich abgestützten Öffnungsschritten, die sich in die Länge ziehen könnten. Und ich hoffe, dass man den grössten Verlierern dieser Krise so gut wie möglich hilft. Was auch immer das heisst.

Aktuelle Projekte: Neue Single von Dachs und einwöchige Residenz im Palace

Basil Kehl arbeitet momentan viel an neuer Musik für sein Duo Dachs. Wann diese erscheine, sei noch unklar. Soeben haben Dachs aber die neue Single «Charmeleon» veröffentlicht:

Ende Februar hat Basil Kehl zusammen mit dem Duo Mischgewebe eine Residenzwoche im leerstehenden Kulturlokal Palace in St.Gallen verbracht. «Ich habe mich extrem gefreut über die Anfrage und finde die Idee sehr schön, dass der wunderschöne Raum auch jetzt genutzt wird, dass da etwas Lebendiges passiert», sagt Kehl. Die Woche sei sehr inspirierend gewesen:

«Endlich mal wieder Musik machen mit anderen Menschen und das Ganze laut.»

Einige hübsche Songskizzen hätten sich daraus ergeben.