CORONA-COMIC
«Ich gehe mit meinen Comics gern an die Schmerzgrenze»: Die St.Galler Illustratorin Lea Frei fühlt der Gesellschaft auf den Zahn

Die 24-jährige Lea Frei ist derzeit mit einem Comic in der Serie «Von Corona gezeichnet» im Cartoonmuseum Basel vertreten. Die Themen Klimawandel, Wissenschaftshörigkeit und Corona treiben sie um und liefern den Comicstoff der Zukunft.

Viola Priss
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Lea Frei hat stets zwei oder drei Skizzenbücher bei sich, um im Alltag Ideen für ihre Comics und Geschichten festzuhalten.

Lea Frei hat stets zwei oder drei Skizzenbücher bei sich, um im Alltag Ideen für ihre Comics und Geschichten festzuhalten.

Bild: Tobias Garcia

«Wow! Gleich drei heisse Eisen auf einer Seite - wenn das keine Leserbriefe gibt...», so reagiert der zuständige Redaktor der «Basler Zeitung» auf Lea Freis Corona-Comic. Die junge St.Galler Illustratorin schreckt das nicht. Im Gegenteil. Sie wolle ja etwas auslösen bei den Leuten. Ihr Cartoon erscheint am 17. Februar seitenfüllend in der «Basler Zeitung» als Teil der wöchentlichen Serie «Von Corona gezeichnet».

Das Projekt der «Basler Zeitung» in Kooperation mit dem Basler Cartoonmuseum läuft bis 15. April. Insgesamt zwölf Comics greifen Themen des letzten Pandemiejahres auf. Die drei heissen Eisen in Lea Freis Comic: Allmachtsfantasien von Wissenschaftern, der Klimawandel und die Pandemie als natürliche Auslese.

Von der Idee bis zur fertigen Arbeit pflastern viele Entwürfe den Weg.

Von der Idee bis zur fertigen Arbeit pflastern viele Entwürfe den Weg.

Bild: Tobias Garcia

Die Rohversion des Cartoons liegt verstreut zwischen vielen anderen Skizzen auf dem Boden von Lea Freis Atelier im St.Galler Kreuzbleichequartier. Ein Comic, der auf den ersten Blick und mit wenigen Strichen gezeichnet ganz harmlos daherkommt.

Virus C als Medikament für die Krankheit Mensch

Zwei Männer in weissen Kitteln, Wissenschafter (oder Götter in Weiss?), sitzen an einem Tisch. Zwischen sich halten sie einen Ball. Es ist der Erdball, stellt der Leser fest: «Wir müssen die Welt retten», beginnt der Erste, die Erde sei sonst für die kommenden Generationen nicht mehr bewohnbar. «Passieren wird es sowieso», wiegelt der Zweite ab. Veränderung sei natürlich.

Die Debatte ist eröffnet, der gute und der böse Wissenschafter geraten beinahe in ein Handgemenge und die Welt zwischen ihnen dabei zunehmend in Gefahr. Australiens Wälder brennen, die Gletscher schmelzen, eine Lösung muss her, und zwar schnell. Virus C verspricht Abhilfe und wird der Erde als Medikament «gegen Ignoranz und Kontrolle» verabreicht. Zu spät erfährt der gute Wissenschafter von den «weiteren Nebenwirkungen auf Seite 2020 und Seite 2021». Er wird zum Mittäter und Mörder.

In 32 Bildern und leicht krakeligen Linien nimmt Lea Frei sich per Comic zeitgeistiger Monsterthemen an. «Ganz schön brutal» hätten das Freunde und Bekannte genannt. Der Leser jedenfalls verbleibt mit flauem Gefühl im Magen und viel Wirbel im Kopf. Eine Tour de force – genau das, was die junge Illustratorin mit ihrer Kunst erreichen will.

Lea Frei träumt von einem eigenen Kinderbuch.

Lea Frei träumt von einem eigenen Kinderbuch.

Bild: Tobias Garcia

2015 gewann die gebürtige Amriswilerin den nationalen Wettbewerb «Schweizer Jugend forscht». Für Frei war das der entscheidende Schritt von der Hobbyzeichnerin hin zur professionellen Illustratorin. Den Berufswunsch aber habe sie schon im Kindergarten formuliert: «Ich wollte ‹Bilderbuchzeichnerin› werden, seit ich denken kann.»

Die damals 20-Jährige zog es via gestalterischen Vorkurs in St.Gallen an die Hochschule nach Luzern, wo sie den Bachelorstudiengang in Illustration absolvierte. Die Idee zur Abschlussarbeit begegnete ihr in einer gynäkologischen Routineuntersuchung. Sie sah sich plötzlich mit den Themen Unfruchtbarkeit, junge Mutterschaft und mit der Vertretbarkeit von Kinderwünschen konfrontiert. Zu intim für einen Comic? Nicht für Lea Frei: «Ich kann nur verfassen und zeichnen, wovon ich selbst Ahnung habe, etwas, das mich selbst umtreibt. Alles andere wäre unglaubwürdig.»

Zarte Zeichnungen mit scharfem Ton

Politikerporträts, Videoclips, Schulurkunden: Neben eigenen Projekten arbeitet Lea Frei zu 40 Prozent als Auftragsillustratorin.

Politikerporträts, Videoclips, Schulurkunden: Neben eigenen Projekten arbeitet Lea Frei zu 40 Prozent als Auftragsillustratorin.

Bild: Tobias Garcia

Im scharfen Kontrast zu ihrer filigranen Schrift, der sparsamen Gestik und ihrer bedachten Wortwahl steht die Lust der 24-Jährigen, an Tabuthemen zu rütteln. Das dürfe niemanden verletzen, die Konfrontation aber dürfe durchaus unangenehm sein:

«Ich gehe mit meinen Comics gern an die Schmerzgrenze.»

2020 kehrt Frei nach St.Gallen zurück und wagt den Schritt in die Selbstständigkeit. Sie lebe zwar durchaus am finanziellen Existenzminimum, doch sie lebe ihren Traum. Neben Auftragsarbeiten wie Firmenporträts arbeitet sie auch an einem Kinderbuch. Auch das nicht ohne Tabubrüche.

Beliebtes Motiv: St.Gallen, Wahlheimat der gebürtigen Thurgauerin Lea Frei.

Beliebtes Motiv: St.Gallen, Wahlheimat der gebürtigen Thurgauerin Lea Frei.

Bild: Tobias Garcia

Die Skizze zum Buch hängt bereits an ihrer Wand im Atelier. «Phil und Carlos Apfelsaftfabrik» steht über der detailreichen Illustration zweier rotbackiger Buben in einem Holzverschlag. Lediglich eine kleine Randnotiz in der rechten unteren Ecke verrät die Schärfe, die Frei dem Ganzen noch hinzufügen wird: «Noch krasser», «Mehr wagen», steht dort. In filigraner Schrift, jedoch mit Ausrufezeichen.