Bühne
Aufregender Bau, doch drinnen Gefälliges für viele: Ein Buch feiert «100 Jahre Theater Wunder Schweiz» – St. Gallen hat nur einen sehr kurzen Auftritt

Der Theaterkritiker Peter Michalzik staunt in seinem zum 100-jährigen Bestehen des Schweizerischen Bühnenverbands erschienenen Buch über die künstlerische Vielfalt und Lebendigkeit auf so kleinem Raum. Das Theater St. Gallen als Dreispartenhaus in Randlage spielt da aber eine eher marginale Rolle.

Bettina Kugler
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Der Paillard-Bau erzeuge noch heute starke Emotionen in der Stadt, schreibt Theaterkritiker Peter Michalzik über das St. Galler Theater. Was auf die Bühne kommt, kennt der Autor jedoch mehr vom Hörensagen.

Der Paillard-Bau erzeuge noch heute starke Emotionen in der Stadt, schreibt Theaterkritiker Peter Michalzik über das St. Galler Theater. Was auf die Bühne kommt, kennt der Autor jedoch mehr vom Hörensagen.

Archivbild: Nana do Carmo

Ein Wunder? Das Wort ist ziemlich hoch gegriffen. Ein Wunder wäre es angesichts steigender Covid-19-Fallzahlen gewesen, wären ab heute die Lichter auf Schweizer Bühnen wieder angegangen. Ansonsten erwartet man derzeit keine grossen Wunder vom Theater; kaum weiss man mehr, wie es sich anfühlte in einem vollbesetzen Saal unter Normalbedingungen.

Das Buch des deutschen Theaterkritikers Peter Michalzik, geschrieben im Auftrag des Schweizerischen Bühnenverbands zu dessen hundertstem Geburtstag, kommt daher zur rechten Zeit: «100 Jahre Theater Wunder Schweiz» birgt indirekt im Titel auch das Versprechen, dass die derzeitige Krise, selbst wenn sie quälend lang erscheint, nur eine kurze Episode ist. Das Theater, auch jenes im vielsprachigen, politisch neutralen Sonderfallland Schweiz, hat heftigere Erschütterungen überlebt und sich dabei erneuert. Zuviel Komfort schadet der Kunst eher.

Das Buch «100 Jahre Theater Wunder Schweiz» von Peter Michalzik ist zum 100jährigen Bestehen des Schweizerischen Bühnenverbands erschienen.

Das Buch «100 Jahre Theater Wunder Schweiz» von Peter Michalzik ist zum 100jährigen Bestehen des Schweizerischen Bühnenverbands erschienen.

Bild: Verlag Theater der Zeit

Dreisprachig ist das Buch, reich illustriert und um eine weite Perspektive auf die so vielfältige wie gut vernetzte Schweizer Theaterlandschaft bemüht ­– doch «Wunder» legt die Latte nun einmal sehr hoch. So konzentriert Michalzik sich eher auf die Zentren Zürich, Genf und Basel und auf prägende Künstlerpersönlichkeiten wie Heinrich Gretler, Benno Besson, Werner Düggelin oder Christoph Marthaler. In Sachen Tanz verweilt er noch etwas länger in der Westschweiz mit ihrer wichtige Impulse gebenden freien Szene. Ein Inhaltsverzeichnis fehlt ebenso wie ein Register – wozu auch? An den vielen theaterfreien Abenden hat man Zeit genug zum Lesen, und Nachschlagewerke gibt es andere. Praktisch und übersichtlicher wäre es trotzdem gewesen.

Das älteste Berufstheater der Schweiz steht nicht für Innovation

Die «Provinz» kennt Michalzik meist nur vom Hörensagen: Natürlich hat er für die «Frankfurter Rundschau», die «Süddeutsche» oder die NZZ nie nach St. Gallen reisen müssen. Immerhin weiss er, dass sich wohlhabende, gebildete Bürger hier schon 1805 ein stehendes «Aktientheater» leisteten. Auch eine skandalöse «Salomé» mit Nackten auf der Bühne soll es mal gegeben haben, 1976 unter Theaterdirektor Wolfgang Zörner, den er, gestützt auf ungenannte Quellen, überschwänglich lobt:

«Durch einen klugen, kontroversen Spielplan, durch ästhetische, mit viel Licht arbeitende Inszenierungen, genauso wie durch ein hochkarätiges Ensemble gelang es ihm, das Theater zum Stadtmittelpunkt und Diskussionsobjekt zu machen und so die Auslastung zu steigern. So wurde seine Zeit legendär.»

Spektakulärer aber als das, was in der Ostschweiz sonst meist auf die Bühne kommt, so schreibt Michalzik, sei der Betonbau von Claude Paillard. Drinnen pflege man «typisches Theater für viele» und achte «mehr auf Qualität denn auf Innovation»; für viele aufstrebende Künstlerinnen und Künstler (besonders im Opernbereich, aber auch im Schauspiel) sei das Dreispartenhaus ein Karriere-Sprungbrett. Immerhin, möchte man einwenden – und sich gern wieder live ein Bild davon machen. Ob nun im aufregenden Betonbau oder im nordisch schlicht aus Holz gebauten Provisorium.